UNBEDINGT LESEN!
Rund 4.000 Titel sind 2024 neu in den Buch- und Comic-Handel gekommen – die Qual der Wahl! Andreas C. Knigge hat einige Glanzlichter aus dem Stapel gezogen
Die deutsche Geschichte wiegt schwer, doch trotz ihrer bald 90 Jahre kehrt Emmie Arbel immer wieder zurück an den Ort des Geschehens, um von dem Grauen zu berichten. Sie lebt heute in Israel nahe Haifa und hat als einzige ihrer Familie zwei Konzentrationslager überlebt. Als der Naziterror endet, ist sie acht Jahre alt. Beruhend auf persönlichen Begegnungen und Gesprächen hat Barbara Yelin (47) mit Emmie Arbel. Die Farbe der Erinnerung (Reprodukt, 190 Seiten, 29 Euro) ihren Lebensweg, der 1949 in das gerade gegründete Israel führt, nachgezeichnet und damit eine ebenso erhellende wie tief bewegende Reflexion auch über das Erinnern vorgelegt. Es beginnt mit der ersten Begegnung der beiden Frauen. »Die Vergangenheit ist immer noch hier«, sagt Emmie Arbel, im Bild ihr Kopf: »Ich habe sie hier drin.« Und dann geht es in der Zeit zurück. »Ich war viereinhalb, als zwei Polizisten zu uns kamen, und uns ins Lager Westerbork brachten.« Arbel erzählt mit Worten, die ins Mark treffen (»Der Tod war uns sehr vertraut.«), und für die Barbara Yelin bedachte Bilder in intensiven Farben gefunden hat. Dabei springt sie in der Zeit, von der Gegenwart in die düstere Kindheit, von dort in den Kibbuz Giv’at Brenner und wieder vor und zurück. Yelin hat mit ihrem neuen Buch eine bewegte wie bewegende Biografie des 20. Jahrhunderts puzzleartig zusammengefügt und einer außergewöhnlichen Frau ein kunstvoll inszeniertes Denkmal gesetzt. Ende Mai erhielt sie dafür in Erlangen den Sonderpreis der Max-und-Moritz-Jury.
Bereits sein vorheriges Werk Fahrradmod war ein wahres Schwergewicht, doch mit Columbusstraße (Carlsen, 527 Seiten, 40 Euro) hat Tobi Dahmen (47) noch einmal aufgesattelt. Dabei geht es ebenfalls um das deutsche Drama und um die Erinnerung. »Eine Familiengeschichte. 1935-1945«, lautet der Untertitel, doch Dahmen beginnt 2015 mit dem Tod seines Vaters. Der ist die zentrale Figur seiner Erzählung, an seiner Seite die Brüder Eberhard und Peter; Karl-Leo ist der jüngste, noch ein Bub. Geradezu meisterhaft zieht Dahmen den Leser hinein in den zunächst unbescholtenen Alltag der Familie des Großvaters in der Düsseldorfer Columbusstraße und zeigt, wie der Strom der Ereignisse fast unbeachtet eindringt in ihr Leben und schließlich die älteren Brüder mit sich reißt, »nach Russland«, in den Krieg. Während Karl-Leo zu Hause die Bombardierung Düsseldorfs erleben muss, berichten Eberhard und Peter in Briefen von der Front. Es sind diese Briefe, die Tobi Dahmen nach dem Tod seines Vaters entdeckt, und die, zusammen mit anderen, teilweise einbezogenen Zeitdokumenten zur Grundlage seiner Graphic Novel wurden, die zudem ausgestattet ist mit einem Stammbaum sowie einem umfangreichen Glossar. Neben der dichten Recherche und Rekonstruktion des eigenen Backgrounds fußt deren erzählerische Qualität vor allem auf dem Raum, den sich Dahmen nimmt, um seine Figuren dem Leser so nahekommen zu lassen, dass deren Empfinden und Erleben nachgerade spürbar werden – schlicht ein Meisterwerk der oral history, famos zu Papier gebracht in brillanten doch sich nie aufdrängenden Zeichnungen, für deren Lebendigkeit geschickte Anleihen bei der Karikatur sorgen.
Deutschsprachige Comic-Künstler:innen sind heute kaum noch eine des Gießens bedürftige Kategorie, sondern längst fester Bestandteil des aktuellen Sortiments. Ein Zeichner, der immer wieder überrascht, ist der Münchener Mikaël Ross (40), der sich mit jedem seiner Werke aufregend neu erfindet, stilistisch ebenso wie bezüglich seiner Themen: Nach der Coming-of-Age-Story Totem (2016, noch mit Nicolas Wouters als Autor), Der Umfall (2018) und der Beethoven-Reminiszenz Goldjunge (2020) hat er sich in Der verkehrte Himmel (avant-verlag, 342 Seiten, 28 Euro) auf die Bildsprache des Manga kapriziert, was in kühnen Perspektiven und rasanten Schnittfolgen mündet. Schauplatz ist Berlin, heruntergekommen, kalte Betonfassaden, eine versiffte Halbwelt, wie es sie abseits der Touristenströme und Konsumtempel an den Rändern einer jeden Metropole gibt. Wie auch ihre marginalisierten Bewohner, hier die vietnamesischen Kids Dennis und Tâm, Bruder und Schwester, deren Geschichte mit dem lapidaren Kratzer an einem Auto beginnt (auf dessen Rückbank eine seltsame Frau hinter verdunkelten Scheiben hockt). Es ist ein schieres Vergnügen, wie Ross den Leser über die Bedeutung der nun folgenden Ereignisse im Dunkeln lässt und ihn allein durch die Sogkraft seiner Bilder doch immer weiter hineinzieht in einen atemlosen Großstadtkrimi ganz besonderer Art: erzählerisch einmal mehr ein Bravourstück und ästhetisch fraglos sein Mangaka-Diplom.
Ebenfalls ein Verwandlungskünstler ist der Franzose Manu Larcenet (55), der schon mit Der alltägliche Kampf, Blast und Brodecks Bericht (nach Philippe Claudel) erstaunliche Wendungen vollführte und sich nun das zweite Mal einer Literaturadaption widmet. Dabei hat er mit Cormac McCarthys Pulitzer-Roman The Road von 2006 ins oberste Regal gegriffen. Die Vorlage erzählt mit Sätzen wie Faustschlägen von einem postapokalyptischen Nichts, durch das zwei Verlorene treiben, Vater und Sohn, auf der Flucht vor dem eisigen Winter. John Hillcoats Verfilmung von 2009 ist es trotz aller Werktreue nicht gelungen, McCarthys erdrückend dichte Endzeitvision in adäquate Bilder zu fassen. Eine mächtige Herausforderung also, der sich Larcenet mit seiner Version von Die Straße (Reprodukt, 156 Seiten, 25 Euro) stellt, denn der Roman beschreibt eine gar nicht unwahrscheinliche Zukunft jenseits aller Bilder. Am Ende kann auch er den Wettstreit mit den Worten nicht bestehen, doch sieht man ab von dem Vergleich, ist ihm eine atemraubende Dystopie gelungen – die allerdings einer Anpassung des Leseverhaltens bedarf: Lange Szenen bestehen aus addierten Momentaufnahmen ohne Text oder mit nur knappen Dialogen; das kann man überfliegen oder aber sich einlassen auf die Wirkkraft der Bilder. Einen Blick wert ist das Ende der Welt allemal, denn einmal mehr präsentiert Larcenet, wenn auch in einem anderen Fach als sein Vorbild, große Kunst.
Irgendwo auf einem der südlichsten heißen Zipfel Italiens liegt Scamorza, fiktiv doch ganz typisch für andere abgelegene Kleinstädte unten an der Küste. Scamorza (eigentlich ein Kuhmilch-Käse) ist der Schauplatz von Maltempo (Reprodukt, 184 Seiten, 24 Euro), mit dem Alfred (d.i. Lionel Papagalli, 48) nach Come Prima (2013) und Senso (2019) seine Italien-Trilogie abschließt. Der Titel bedeutet »Unwetter« und ist zugleich der Nachname des 15jährigen Mimmo. Früher kletterten der und die anderen Jungs in hundert Jahre alten Bäumen herum, doch wo die einst standen, ragen nun Baukräne auf, Tourismus soll für die Region die Zukunft sein. Los ist hier tatsächlich nicht viel, man knattert auf Mopeds durch die Gegend, hängt gelangweilt herum, die Zeit scheint stillzustehen in der flirrenden Luft. Doch dann sucht eine bekannte Musikshow in der Provinz nach Talenten, und Mimmo sieht seine Chance, auszubrechen aus dem Nichts. Mit den Kumpels will er eine Band auf die Beine stellen, doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht. Die über Scamorza hängende Trägheit und Lethargie finden in Alfreds Dramaturgie ihre Entsprechung; irgendwas los ist immer, doch unterm Strich geschieht fast nichts. Anders als Baru oder Gipi, die in ähnlichen Milieus unterwegs sind, verzichtet Alfred auf Brüche und Kratzigkeit im Strich. Maltempo präsentiert sich als charmante Reise in ein sonniges Bilderbuch-Italien in brillanten Farben (von Laurence Croix). Grafische Höhepunkte aber sind jene ekstatischen Szenen, in denen Schlagzeug und E-Gitarren sich in die bleierne Stille fräsen und die Hitze über Scamorza zum Erzittern bringen.
In eine weit entfernte Welt in irgendeiner Zeit führt Pavils Gesicht (Edition Moderne, 160 Seiten, 32 Euro) des noch recht unbekannten Jeremy Perrodeau (36). Der hat mit Ruinen 2020 in Frankreich ein beeindruckendes Lang-Debüt vorgelegt und entführt den Leser nun erneut in eine visuell aberwitzig eigene Szenerie, ganz ohne Umschweife: Gleich zu Beginn stürzt Pavil, aus dem Nichts kommend, mit seinem Fluggerät über einer fernen Insel ab und wird skeptisch beäugt von deren exotischen Bewohnern, was will der hier, ist er vielleicht ein Spion? Für Pavil führt kein Weg fort, nicht einmal in die nächste Stadt (»Sie müssen sich ein paar Wochen gedulden. Die nächste Fähre kommt erst nach dem doppelten Vollmond.«), also fügt er sich ein in den Alltag der Menschen in dem kleinen Fischerort und in ihre Gewohnheiten und Gebräuche. Es ist eine Geschichte des gegenseitigen Abtastens – da sind Misstrauen, Vorurteile, Missverständnisse, aber auch Neugier und Akzeptanz –, die Perrodeau in atemberaubenden Seitenlayouts mit geschickt gesetzten Farbflächen vor uns ausbreitet. Natürlich gilt es auch, einem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Sein bizarres Universum erinnert an Mœbius, auch wenn das Drehbuch geradliniger ist und der Strich kontrollierter, sichtbar inspiriert von Hergé. Pavils Gesicht ist ein berauschendes Leseabenteuer, erfrischend eigen inszeniert, und zugleich eine Parabel über die Begegnung von »Fremden«, eine Vision vom respektvollen Umgang miteinander.
Ästhetisch eher unauffällig kommt eine vierbändige Erzählung daher, die sich auch deshalb leicht übersehen lässt, da sie bei einem Schweizer Kinderbuch-Verlag erschienen ist. Das führt auf die falsche Fährte. Tsai Kun-lin (Baobab Books, 168-180 Seiten, je 26 Euro) stammt aus Taiwan, das aktuell ein weiteres Konfliktfeld unserer Zeit zu werden droht. Nach dem chinesischen Bürgerkrieg Fluchtburg der Kuomintang, 1950 abgespalten von Maos Volksrepublik, heute demokratisch, viel mehr weiß man in der Regel nicht. Pei-yun Yu (57) spiegelt nahezu ein Jahrhundert taiwanesischer Geschichte in der Biografie des Schriftstellers und Friedensaktivisten Kun-lin Tsai (1930-2023) und bietet damit einen Blick aus der ersten Reihe. Denn Tsai hat bereits die japanische Fremdherrschaft miterlebt, den Krieg, Chiang Kai-sheks Militärdiktatur, zehn Jahre Straflager, weil er die falschen Bücher las, den Aufbruch in die Demokratie und zuletzt Chinas Muskelspiele, wie wir sie derzeit sehen. Sein Leben ist der rote Faden einer packenden oral history von hohem Erkenntniswert. Der Leser erfährt nicht nur von den dramatischen Eruptionen, die Taiwan erschütterten, sondern erlebt förmlich mit, was diese bedeuteten für die Menschen und ihren Alltag. Dabei hat Jian-xin Zhou (51) jeden Band in einem anderen Stil gestaltet. Während der erste Teil, Kun-lins Kindheit, geradezu naiv gehalten ist, sind die Zeichnungen im zweiten, auf der Gefangeneninsel Lü Dao spielenden Band von bedrohlicher Dichte. Auch die nächsten Bände kommen in einer jeweils eigenen Optik als grafische Reflexion der geschilderten Epoche daher. Eine für westliche Leser zweifellos ungewohnte Lektüre, aber eine äußerst lohnende Entdeckung!
Das gilt, wenn auch aus anderen Gründen, ebenso für Fürchten lernen (Edition Moderne, 438 Seiten, 35 Euro), das zweite Buch des Zürchers Nando von Arb (32) und dieses Jahr mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet als beste deutschsprachige Comic-Publikation. Das war eine gewagte Entscheidung der Jury, die zu Kontroversen führte. Denn von Arb erschließt eine neue stilistische Dimension und hat seine Erzählung in skurrilste Bilder mit schrägen Ausschnitten und aus verrückten Perspektiven gegossen, die in keinem Styleguide der Gattung verzeichnet sind. Vorgeführt hat er dieses Prinzip bereits mit seinem Erstling Drei Väter (2019), doch nun hat sein Stil an Dichte gewonnen und wird zum furiosen Bilderrausch. Der Titel Fürchten lernen lässt schon ahnen, worum es geht, um Panikattacken jeglicher Couleur, die von Arb episodisch durchlebt wie einen Katalog des Grauens. »Eine schwindelerregende Geisterbahn durch einen Irrgarten der Ängste«, so in Erlangen die Laudatio. »Und doch hat Fürchten lernen auch eine fröhliche und skurrile Seite. Dieser Humor ist womöglich der Beweis, dass von Arb die eine oder andere Angst überwunden hat. Zu wünschen wäre es ihm.« Dem kann man sich nur anschließen und gespannt sein auf sein nächstes Werk. X
(COMIXENE 148: Die 111 besten Graphic Novels, 2024)
