Comixene wird 50 – wer hätte das gedacht! Andreas C. Knigge blickt zurück und schaut schon mal voraus
Im Grunde hat es kaum jemand bemerkt, gerade 200 Exemplare betrug die Auflage der ersten Comixene: 24 getippte Seiten, von Hand geklammert, und das Echo blieb flach genug, dass wir von der nächsten Ausgabe nur die Hälfte druckten. Aber getrieben davon, unseren Idolen zu huldigen, Frank Frazetta, Franquin oder Barks, Hermann und Barry Smith, machten wir unbeirrt weiter.
Auch natürlich, um unsere Comics in die Welt zu setzen, Thilo Rex und René Lehner waren begeisterte Zeichner (ich hingegen hatte meine Versuche rechtzeitig eingestellt): In einem »Wienerwald«-Restaurant in Hannovers Innenstadt hatten wir drei im Spätsommer 1974 den Gründungspakt besiegelt. Im November war es soweit, vor uns lag die erste Comixene, im Untertitel stolz »Internationales Comic-Fan- und Fachmagazin« (mit Ausrufungszeichen), 200 Exemplare, handgestrickt. Keinem von uns schwante, was wir damit in Gang setzen sollten.
Eigentlich hatte alles sogar schon im Jahr zuvor begonnen, mit der Schülerzeitung, die ich an meinem Gymnasium in Hannover herausgab, und in der es bald mehr und mehr um Comics ging, von den Titelseiten grüßten Idefix und Charlie Brown. Schließlich beschlossen mein Kumpel Thilo und ich, unserer Leidenschaft ganz unverhohlen zu frönen, und begannen den Comics Maker (einschließlich eines Comics ebenfalls noch von mir). Als sich nach drei Ausgaben René dazugesellte, mutierte unser Fanzine in jenem »Wienerwald« zur Comixene.
Ein halbes Jahrhundert ist das jetzt her, wir waren Grünlinge, noch feucht hinter den Ohren, Thilo und ich nicht mal wahlberechtigt. Aber wir teilten eine Idee.
Wer sich damals für Comics interessierte, war in der Regel Sammler, Sigurd, Akim über alles. Doch langsam weckt die Gattung, in Frankreich soeben zur neuvième art gekürt, auch andernorts Interesse. 1971 widmet die Schweizer Kunstzeitschrift Graphis dem Comic ein ganzes Heft, erste fundierte Monografien zur »Anatomie eines Massenmediums« erscheinen, das Münchner Stadtmuseum zeigt 1974 eine erste Ausstellung: Die 1970er sind eine Zäsur (siehe Kasten unten) – und wir zur richtigen Zeit am rechten Platz. Auf einmal finden sich fortschrittliche Philologen und Kunstakademiker unter den Autoren, der Spiegel rauscht an zum Interview und Carlsen liefern wir aus unseren Reihen sogar einen Redakteur: Wir werden wahr- und ernstgenommen mit unserer Passion – eine neue Erfahrung. Zu beziehen ist unser Magazin allein im Abo, ein Comic-Handel existiert noch nicht. Doch über die Jahre wächst die Auflage, sanft aber stetig, Gestaltung wie Inhalt werden immer runder, zum Schluss liegt Comixene auch im Bahnhofsbuchhandel aus, monatlich.
Doch das Eis, auf dem wir uns bewegten, war dünn. Da wir kein Blatt vor den Mund nahmen, beäugten uns die Verlage eher argwöhnisch, Anzeigen blieben spärlich. Und als ich eines Tages ein lausig gemachtes Flash Gordon-Taschenbuch niedermähte, zog der Condor Verlag vor Gericht. Dem entlockte unser Plädoyer für die »neunte Kunst« nur betretenes Kopfschütteln, es beschied auf unlauteren Wettbewerb: Mit unserer Handvoll Klassiker-Alben stünden wir mit dem Clever & Smart-Verlag in Konkurrenz, unsere Kritik habe dem Mitbewerber schaden sollen.
Das brach uns das Genick. Ein Jahr hangelten wir uns noch mit Krediten und einem »Newsletter« durch und versuchten unser Glück mit den ersten Veröffentlichungen von Matthias Schultheiss oder Yves Chaland, dann war Schluss. 1982 fiel der Vorhang. Ich zog nach Hamburg und tobte mich die nächsten Jahre bei Carlsen aus.
Comixene war für viele wie eine Initiation. Sie hatte Türen zu noch unerschlossenen Zeichenwelten geöffnet und Orientierung geboten, sie fehlte. Als in den folgenden Jahren der Comic auch in Deutschland zunehmend an Reputation gewann und ein frisches Publikum versammelte, schien 1994 die Zeit reif für ein Comeback. Seitdem ist Comixene – mit zwei Unterbrechungen: Alfonz hat den weiteren Fortgang soeben in einer vierteiligen Serie rekapituliert – aus dem deutschen Comic-Geschehen kaum mehr wegzudenken. Bis letztes Jahr René Lehner verkündete, seine 2015 abermals übernommene Herausgeberschaft aus privaten Gründen zu beenden. Im Dezember erschien das letzte Heft, Nummer 147.
So jedenfalls sah es zunächst aus. Doch ungefähr zur gleichen Zeit saß ich eines Nachmittags mit Volker Hamann zusammen, wir kamen auf den bevorstehenden 50. und wie schade es doch sei, ausgerechnet jetzt. Keine Zigarettenlänge später stand unser Entschluss: Packen wir’s an, Comixene 5.0, im November, pünktlich zum Jubeltag!
Ein frischer Anfang also, das Ergebnis halten Sie in den Händen. Es unterscheidet sich von der Comixene, wie Sie sie vielleicht bisher kannten. Denn unseren schmalen Echoraum mit zwei im Kern ähnlichen Magazinen auszuleuchten, erschien uns wenig dienlich: Als Comixene vor einigen Jahren ins Stolpern geriet und zeitweise nur unregelmäßig erschien, ist 2012 Alfonz in die Lücke gesprungen und begleitet das aktuelle Marktgeschehen seitdem zuverlässig und integer. Also haben wir uns für einen neuen Kurs entschieden, um Alfonz und Reddition sinnvoll zu ergänzen: Mit stark erweitertem Umfang erscheint Comixene künftig jährlich und wird den Fokus auf jeweils ein Thema richten – dass uns dafür dann weit über 100 Seiten zur Verfügung stehen, eröffnet verlockend neue Perspektiven, und Ideenfunken fliegen schon einige.
Zugegeben, für mich persönlich ist es auch ein leicht wunderlicher Moment, fast als schlösse sich ein Kreis: 50 Jahre, nachdem ich Comixene mit zwei Freunden blauäugig aus der Taufe hob, klettere ich 2024 nochmals in den Sattel. Der Blick zurück (um im Bild zu bleiben) gleicht einer Zeitreise in eine ferne Welt, die noch nicht einmal Fax und vernünftige Fotokopierer kannte. Nur zwei Koordinaten als Orientierung: In den USA verziehen sich, als Comixene aus dem Ei schlüpft, soeben die letzten Marihuana-Schwaden des Underground, und zwei Monate darauf debütiert in Frankreich Métal Hurlant und leitet eine neue Ära ein. Mœbius drucken wir, das erste Mal in Deutschland, dann schon in Heft 3.
Und wir sind bereits bei Nummer 18, als Will Eisner (für uns völlig exotisch) unserem Kassettenrekorder anvertraut: »Gerade in diesem Augenblick bin ich mit etwas ganz Neuem beschäftigt, in der Länge eines Romans, was auf dem Gebiet der Comics ein Durchbruch wird.« Das war 1977, Ein Vertrag mit Gott sollte im Jahr darauf erscheinen und markiert, wie wir heute wissen, in der Tat eine Zäsur. Eisner fixiert hier erstmals den Terminus »Graphic Novel« und eröffnet damit das Parkett für all jene Comic-Welten, die wir in dieser Comixene besichtigen. Nichts davon hatte sich erahnen lassen, als wir unser Interview führten.
Ganz besonders am Herzen haben mir stets unsere Themenhefte gelegen, die – neben den berühmten »gelben Seiten« – zum Markenzeichen der Comixene wurden: der Blick auf unterschiedliche Aspekte aus divergierenden Perspektiven. Genau dort möchten wir anknüpfen, umfassend, differenziert und facettenreich. Und mit aller Leidenschaft.
Einmal mehr beginnt eine spannende Reise. Es würde mich freuen, wenn Sie uns dabei begleiten mögen.
BONJOUR TRISTESSE
Ein sattes Angebot lässt heute wenig Wünsche offen, doch in den 1970ern war die Republik finsterste »Comic-Provinz«
Anschaulicher lässt sich ein Zeitenwechsel kaum illustrieren: Mit den 60ern sind auch die Lehning-Endlosserien Vergangenheit, die 70er warten auf mit Zack: »Die richtige Zeitschrift für Jungs!« Das Magazin im modernen Format nach Vorbild von in Frankreich Tintin und Pilote startet im April 1972 und eröffnet frische Zeichenwelten, in die sich zuvor nur sporadisch hatte blicken lassen. Ab 1974 folgen bei Carlsen zudem Serien wie Alix oder Blake und Mortimer – Alben, die über den Buchhandel vertrieben werden!
Jenseits davon bleiben Comics ein reiner Presseartikel, den Markt bepflastern Ehapa (u.a. Micky Maus, Superman), Bastei (Felix, Bessy), Williams (Die Spinne, Mad), Condor (Clever & Smart, Schweinchen Dick) und Pabel/Gevacur (Fix und Foxi, Primo). Im Auge haben sie vor allem die Pimpfe, bonjour tristesse. Selten nur überrascht an den Kiosken ein Highlight, Hal Fosters Prinz Eisenherz etwa und natürlich Asterix und Lucky Luke. 1972 dann Das große Tarzan-Buch mit den klassischen Zeitungsseiten von Burne Hogarth! Oder im Jahr darauf, gleichsam im dicken Überformat auf holzhaltigem Papier für stolze 9 Mark 80, Der beste Horror aller Zeiten mit gruseligen EC-Storys (Krigsteins Master Race inklusive), wow! Und natürlich der erste Band von Comics. Weltbekannte Zeichenserien: Zu jedem der enthaltenen Strips gibt es ein paar spärliche Informationen – das ist neu und kitzelt das Interesse.
Umfassendere Orientierung erlauben ab 1970 erste Sachbücher, die die Entwicklungsgeschichte der Gattung ausleuchten, Karl Rihas Zok roarr wumm, Comics von Günter Metken und vor allem Comics. Anatomie eines Massenmediums von Wolfgang J. Fuchs und Reinhold C. Reitberger. Zeitgleich gründet sich die Interessengemeinschaft Comic Strip e.V. (INCOS) als Anlaufpunkt für Fans und Sammler und diskutiert alsbald auch die Frage, was den Comic eigentlich ausmache: »Massenmediale Verbreitung« zählt wie selbstverständlich dazu.
Frischer Wind zieht von anderer Seite auf: 1970 erscheint im März Verlag die Crumb-Anthologie Head Comix, schnell indiziert, doch schon wenig später gefolgt von Radical America Comix und Herr Natürlich bei Melzer (unter dem Label »Brumm Comix«) sowie im Volksverlag den U-Comix-Sonderbänden. Zweitausendeins legt 1975 Die 17 Gesichter des Robert Crumb nach: Die Underground-Comics, in erster Linie Crumb, revolutionieren den Blick eines vornehmlich studentischen Publikums auf die Gattung und beflügeln in den nächsten Jahren eine neue Generation junger Zeichner wie Gerhard Seyfried, Ralf König, Volker Reiche oder Tomas Bunk.
Und in der Folge lassen sie auch die Verlage neues Terrain entdecken. Melzer beeindruckt nebenher mit Klassikern wie Little Nemo oder Feiningers Kin-der-Kids, und der Volksverlag wird am Ende der Dekade Schwermetall publizieren. Zu dieser Zeit stehen bereits auch Schreiber & Leser und die Edition Moderne in den Startlöchern – aber damit beginnt schon wieder ein neues Kapitel.
(COMIXENE 148: Die 111 besten Graphic Novels, 2024)
