Maus

Es überrascht keinesfalls, dass in einem Kanon der besten und wichtigsten Graphic Novels Maus an erster Stelle steht, stehen muss. Denn mit seinem Opus magnum hat Art Spiegelman eine Menge gewagt – und bewegt. Allem voran das Thema, der Blick ins Auge des Holocaust, für den Comic in den 1980er-Jahren ein absoluter Tabubruch. Zumal sich Spiegelmans Personal aus Tieren rekrutiert, Katzen, Mäusen, Schweinen, wie man es sonst von Disney & Co kennt. Und er bringt sich, in einer Zeit, in der von autobiografischem Erzählen noch lange keine Rede ist, selbst in Form eines zweiten Handlungsstrangs ein, in dem er den Prozess seiner Arbeit dokumentiert und deren Konflikte beleuchtet. Kurz gesagt, Maus war eine Revolution, nicht allein hinsichtlich des Stoffes, sondern ebenso bezüglich der Erzählform Graphic Novel, die nun in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit rückt: Spiegelman hat Grenzen überschritten und damit einer heute kaum noch überschaubaren Zahl von Künstlern den Weg geebnet, neue Horizonte auszuloten. 1992 erhielt er für Maus den Pulitzerpreis.

Kaum weniger bemerkenswert als das Buch selbst ist der sich über zwei Jahrzehnte erstreckende Prozess seines Entstehens, dessen Humus der amerikanische Underground der späten 1960er- und frühen 70er-Jahre bildet. Begonnen hat alles 1972 mit einer dreiseitigen Story in dem Heft Funny Aminals (sic!), einer Verulkung der üblichen Hefte mit Zeichentrick-Figuren. Doch Spiegelmans Beitrag zwischen weiteren Storys von Crumb, Justin Green, Shary Flenniken, Jay Lynch und Bill Griffith war alles andere als komisch.

Maus beginnt mit einem halbseitigen Bild, dem gezeichneten Foto einer Gruppe von Mäusen in zerrissenen Lumpen und mit leeren Augen hinter dem Stacheldrahtzaun eines Vernichtungslagers. Auf eine im Hintergrund stehende Figur weist ein Pfeil: »Papa«. Dann beginnt die »Gute-Nacht-Geschichte vom Leben in der alten Heimat während des Krieges«, in der der Vater erzählt, wie die Katzen die Mäuse zuerst ins Ghetto und dann nach »Mauschwitz« trieben. »Und so ist’s gewesen … Ich kann dir nicht mehr erzählen jetzt«, sagt der Vater am Schluss und zieht seinem schon fast schlafenden Sohn die Bettdecke über die Schultern. (In Deutschland erscheint die Story 1981 in der Anthologie Breakdowns.)

Das war Art Spiegelmans erster Anlauf, die Geschichte seiner Eltern Anja und Wladek aufzuarbeiten, die als polnische Juden Auschwitz und Dachau überlebt hatten. Acht Jahre dauerte es, bis er den zweiten unternahm, und elf weitere, bis das Projekt 1991 abgeschlossen ist. Maus wird ein spektakulärer Erfolg, nicht wegen seines Themas allein und dessen Bewältigung mit den Mitteln der grafischen Erzählung, sondern zudem auch aufgrund seiner autobiografischen Bezüge.

1977 hatten Spiegelman und seine Lebensgefährtin Françoise Mouly während einer Europa-Reise die französische Comic-Avantgarde entdeckt, die auf der anderen Seite des Atlantiks noch so gut wie unbemerkt geblieben war. Mit einer Auflage von 5.000 Exemplaren geben sie im Juli 1980 die erste Ausgabe von Raw heraus, das mit dem Untertitel »The Graphix Magazine« wie durch das extravagante Lifestyle-Großformat signalisiert, dass es hier, anders als bei den Underground-Comics, nicht um den Ausdruck gegenkultureller Lebensgefühle geht, sondern um Kunst und das grafische Experiment.

Raw versteht sich als Schaufenster und Laboratorium einer neuen Comic-Sprache, fasst dieses Konzept zudem international und publiziert in den USA erstmals Arbeiten auch europäischer Künstler wie Jacques Tardi, Joost Swarte oder Lorenzo Mattotti. Der zweiten Ausgabe fügt Spiegelman ein kleinformatiges, 16-seitiges Heft mit dem ersten Kapitel einer Erzählung bei, die abermals mit Maus betitelt ist, und kündigt an: »This is the first part of a projected 200-250 page work-in-progress. Future chapters will appear in Raw, on an occasional basis, as they are completed.« 1986, Raw hat eine Auflage von 20.000 Exemplaren erreicht (von denen fast 20 Prozent in Europa verkauft werden), erscheinen die ersten sechs Kapitel als Buch mit dem Untertitel »A Survivor’s Tale«. Die Geschichte eines Überlebenden. Der abschließende zweite Band folgt fünf Jahre später.

Für die Buchveröffentlichung, die Maus erstmals einem größeren Publikum zugänglich macht und teils auch irritierte Reaktionen auslöst (»Geschmacklose KZ-Comics«, »Der Holocaust im Mickymaus-Stil – widerlich!«), hat Spiegelman etliche Szenen überarbeitet und neu gezeichnet, doch die Kapitel des Vorabdrucks hat er beibehalten. Sie strukturieren die Erzählung und betten die Geschichte Wladek Spiegelmans während der Jahre 1930 bis 1945 jeweils am Anfang und am Ende ein in eine zweite Handlung, die in der Gegenwart spielt: »Ich will immer noch das Buch über dich zeichnen, von dem ich dir immer erzählt habe – über dein Leben in Polen und den Krieg«, sagt der Sohn dem Vater zu Beginn, und der erwidert: »Man wird müssen schreiben viele Bücher darüber. Und wer will schon hören solche Geschichten?«

Doch dann beginnt er zu erzählen, von seinem Aufstieg vom Textilvertreter in Tschenstochau zum Strumpffabrikanten, seiner Heirat mit Anja Zylberberg, den Flitterwochen und von der Geburt des Sohnes Richieu, der während des Krieges starb. Plötzlich machen Gerüchte von Pogromen in Deutschland die Runde, es folgen Wladeks Einberufung zur polnischen Armee, Kriegsgefangenschaft, Zwangsarbeit, das Ghetto in Sosnowitz und schließlich die Deportation nach Auschwitz, mit der der erste Band endet.

Sämtliche Protagonisten, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart, sind metaphorische, wie Menschen gekleidete Figuren mit stilisierten, symbolischen Tierköpfen. Neben den Juden und Nazis als Mäuse und Katzen treten später Polen als Schweine, Amerikaner als Hunde oder Schweden als Rentiere auf, ein Kunstgriff, wie ihn 1944 schon der Franzose Edmond Calvo angewandt hatte, als er in La Bête est morte! (Die Bestie ist tot) vom »Zweiten Weltkrieg bei den Tieren« erzählt. »Die Mäuse sehen absichtlich alle gleich aus, einige haben zwar Brillen, andere rauchen, aber dennoch gleichen sie sich«, so Spiegelman. »Wenn man Fotos aus Konzentrationslagern betrachtet, stellt man fest, dass die Menschen ihre individuellen Charakterzüge verloren haben, sie sehen einer aus wie der andere. Es schien mir eine kraftvolle Aussage, das auf die Mäuse zu übertragen, die sich alle ähneln und erst im Verlauf der Geschichte zu eigenen Persönlichkeiten werden.«

Die Charaktere agieren in einer holzschnittartig karikierten, schwarz-weißen Welt, deren Gestaltung an die Stilistik der Underground-Comics anknüpft. »So konnte ich mich von dokumentarischem Ballast befreien, von dem Zwang, die Gebäude und alles so zu zeichnen, wie es tatsächlich aussah. Diese Form der Darstellung erlaubte mir ein freieres Arbeiten. Zuerst wollte ich die Geschichte mit ›realen‹ Menschen erzählen, aber das Ergebnis war eine billige Pseudowirklichkeit, die nicht funktionierte.«

Bereits drei Jahre vor Erscheinen des ersten Kapitels in Raw hatte Art Spiegelman mit der systematischen Befragung seines Vaters begonnen, und der oft zähe und schmerzhafte Prozess des Erinnerns bestätigt das so schwer Fassbare der historischen Ereignisse, das »Unglaubliche«, immer wieder als erlebte Wirklichkeit. Mal möchte der Vater nicht, dass »Artie« seine Jugendliebe Luscha erwähnt, weil »es nichts zu tun hat mit Hitler oder dem Holocaust«, dann wieder regt er sich über den teuren Kassettenrecorder auf, den der Sohn gekauft hat, weil ihm das Mitschreiben der Gespräche zu anstrengend ist.

Wladek Spiegelman hat den Erfolg von Maus nicht mehr erlebt, er starb 1982 nach dem Erscheinen des vierten Kapitels (die Mutter Anja hatte sich 1968 das Leben genommen). Auch sein Tod, der Medienrummel beim Erscheinen des ersten Bandes und die Schuldgefühle, die Geschichte seines Vaters auszubeuten, sind in die Erzählung eingeflossen, zeigen die Zerrissenheit des Autors und lassen das Entstehen als »work-in-progress« nachvollziehbar werden.

Im September 1992 präsentiert Spiegelman in Deutschland die Übersetzung des zweiten Teils. Eben haben die Brandanschläge von Skinheads auf Asylsuchende in einem Rostocker Wohnheim weltweit Schlagzeilen gemacht, Spiegelman lässt es sich nicht nehmen, sich vor Ort umzusehen. »Tausende von Mitbürgern aus den Nachbarhäusern hatten gejubelt«, berichtet er anschließend in einer Comic-Reportage über die Reise der Maus durch das Land der Katzen. Das letzte Bild zeigt ein an die Wand eines Plattenbaus geschmiertes Hakenkreuz. Und darunter ein »Nazis raus«. »Ein Freund sagte: ›Die Situation hier ist dramatisch aber nicht wirklich ernst‹«, schließt Spiegelman seinen Bericht im New Yorker. »Ich denke, das stimmt … aber im Regen werden alle nass.«  ack

(COMIXENE 148: Die 111 besten Graphic Novels, 2024)

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