Fred
»ALLES KAM FÖRMLICH WIE VON SELBST«
Den Franzosen gilt er als virtuoser Altmeister der neunten Kunst, hierzulande wurde bislang nicht eine Seite von ihm veröffentlicht. Höchste Zeit, Fred einmal ins Licht zu rücken. Von Andreas C. Knigge
Los ging es mit dem Krokodil. Er hat es genau gesehen, als er im Fluss baden wollte, beinahe hätte es ihn erwischt. Doch niemand glaubt Philémon, alle lachen ihn nur aus. Dann der Clown auf der Lichtung, genau das gleiche. Nun muss er zeigen, dass er nicht spinnt, und als der Kasper erneut auftaucht, schleicht er ihm nach. Bald stößt er in einer Höhle tief im Wald auf eine verrentnerte Zirkustruppe, eine verborgene, surreale Welt mit eigenen Regeln. Und so steckt Philémon auch bald in einem Raubtierkäfig.
Fred beginnt seine Serie um den schlaksigen barfüßigen Bengel im blau-weiß geringelten T-Shirt und Hippolyte, seinen Esel, im Sommer 1965 (in Pilote 300) sowie mit einem Zitat: Ein Zirkus war auch Schauplatz von Le petit cirque, der im Jahr zuvor in Hara-Kiri erschienen war, was Freds Faible für die Manege zeigt. Oder besser, für die Welt darum herum und die Menschen im Hintergrund, kleine Schausteller, die über Land ziehen.
»Geboren bin ich 1931«, sagt Fred höflich, als ihn im Oktober 1970 Jacques Glénat bittet, sich für ein Interview vorzustellen. »In Paris, aber eigentlich bin ich Grieche und heiße Frédéric Othon Théodore Aristidès. Schon seit ich zehn bin, will ich Zeichner werden, meine Schulhefte von damals sind voll mit Comics. Vor allem Serien wie Mandrake, Popeye oder Prince Valiant hatten es mir angetan.« Mit 17 gelingen ihm erste Veröffentlichungen in Zeitungen wie Ici-Paris, mit der Zeit wird es mehr und vor allem befreundet er sich mit einigen Kollegen. Gemeinsam mit François Cavanna und Georges Bernier gründet er schließlich die satirische Zeitschrift Hara-Kiri (aus der 1970 nach ihrem Verbot Charlie Hebdo hervorgeht). »Die Nullnummer haben wir in meiner Küche zusammengebaut, die erste Ausgabe erschien im September 1960, die zweite im Oktober.« Fred ist »künstlerischer Berater« und damit Mädchen für alles, von Comics, Karikaturen und Illustrationen bis zu den Titelseiten.
Hara-Kiri nimmt kein Blatt vor den Mund und übt scharfe Kritik vor allem an der Politik De Gaulles, wiederholt werden Ausgaben beschlagnahmt, was den Ton zunehmend schamloser werden lässt. Irgendwann ist für Fred eine Grenze überschritten, 1966 verlässt er das Blatt. Da steckt in Pilote Philémon bereits schon inmitten seines zweiten Abenteuers, das sich diesmal in seinem kleinen Dorf ereignet, als die Größenverhältnisse ins Schwanken geraten; mal ist er winzig klein, dann wieder so groß, dass er über die Dächer ragt. Philémon ist ein Tim der 1960er mit einem Grautier als Struppi, doch statt der Aufgeräumtheit Hergés herrscht hier die Anarchie eines Jacques Tati, alles ist am Wirbeln und überschlägt sich, Witz, Rasanz und pfiffig-knappe Kommentare geben sich die Hand, es ist ein bisschen die Welt von Krazy Kat, in der nichts unmöglich ist.
Freds Geschichten sind von unterschiedlicher Länge, zwischen 28 und 44 Seiten, doch 1968 legt er einen roten Faden, der Philémon lange beschäftigen wird, über die einzelnen Episoden hinweg. Dem Hilferuf einer Flaschenpost folgend steigt der hinab in den Brunnen, aus dem er sie gefischt hat, und wird nach nasser Odyssee (während der er auch einem Hai entkommt) auf eine Insel gespült, auf der (neben einem Zentauren) der kauzige Barthélemy lebt, Absender des Hilferufs. Nun erfährt Philémon, wo er gestandet ist – genau dort, wo auf den Karten das Wort »Atlantik« beginnt, auf jener Insel also, die geformt ist wie ein A. An Bord eines Buddelschiffs macht sich Philémon auf die Suche nach dem T, und so geht es weiter und gerät verrückter und immer verrückter. Fred brennt Feuerwerke fantastischster Einfälle ab, wie es ihm erst ein Vierteljahrhundert später Marc-Antoine Mathieu auf ähnlich geniale und seine Weise nachzutun gelingt, doch all das mündet nicht in fahlen Klamauk, sondern ist getragen von melancholischer Poesie.
Philémon ist ein Juwel französischer Comic-Kunst der 1960er-Jahre, als Zeichner sich auf die Suche nach neuen Horizonten begeben. Niemand ist dabei konsequenter und forscher als Fred, erzählerisch wie künstlerisch. Er ist der Vorreiter einer ersten Generation von Pilote-Zeichnern wie Mézières, Druillet, Bilal, Mandryka oder Lauzier, die ein Publikum jenseits der Pubertätspickel im Auge haben. Ein Album wagt man deshalb auch erst 1972, bis 1987 werden es dann 15 Bände. Zweimal, 1983 und 1992, wird Fred mit dem Ordre des Arts et des Lettres ausgezeichnet. Sein letztes »Album des Millenniums« (so der Untertitel) erscheint 2000 mit Fredissimo. Er stirbt am 2. April 2013 mit 82 Jahren.
Und auch wenn Philémon sein Geniestreich bleibt – eins der vielleicht feinsinnigsten Alben seiner Zeit hat er, noch für Hara-Kiri, mit Le petit circque geschaffen. Es ist die Geschichte von Léopold und Carmen, gestaltet allein in Brauntönen und bereits in der Technik der couleur directe, die in einem Zirkuswagen durch die Lande ziehen; am Schluss taucht Fred selbst auf als in den Bildhintergrund montierte Fotografie, um ihren Wagen mit einem Aufzugsschlüssel wieder in Gang zu setzen. »Das war das erste Mal, dass ich etwas wirklich Relevantes machte, alles kam förmlich wie von selbst, Ideen wie Gefühle passten. Vielleicht weil es eine Geschichte über Leute ist, die keine Wurzeln haben, so wie meine Eltern. Die waren lange unterwegs, nachdem sie Konstantinopel verlassen hatten, und zu Léopold hat mich mein Vater inspiriert. Carmen hat dunkle Haare und ist dünn, während meine Mutter braunes Haar hatte und etwas füllig war, doch sie hat mich ebenso inspiriert.«
Einsteigern und Neuentdeckern sei zudem L’histoire du corbac aux baskets – die Geschichte der Krähe in Turnschuhen – nahegelegt, in der Armand eines Tages als Rabe erwacht und Hilfe bei einem Psychiater sucht, der sich jedoch allein auf dessen unpassendes Schuhwerk kapriziert – ein köstlicher Kommentar zum »Kommunikationszeitalter« und ebenso absurd und frisch wie beim ersten Erscheinen 1993. X
(COMIXENE 148: Die 111 besten Graphic Novels, 2024)
