DER AVANTGARDIST
Hierzulande ist er nahezu unbekannt, dabei war er der Erste in Europa, der auf Sprechblasen setzt. Vor 100 Jahren beginnt Alain Saint-Ogan Zig et Puce – und lässt seine Protagonisten unverzüglich aufbrechen nach Amerika. Von Andreas C. Knigge
Sie ähneln eher den Underdogs der frühen amerikanischen Zeitungsserien, als dass sie als Blaupause gelten könnten für die in der Folge untadeligen Helden der bande dessinée. Aber ruppig zeigt sich ebenfalls ihre Welt, gleich auf dem ersten Bild der ersten Seite wird Zig der Job gekündigt. »Mir reicht’s!!«, teilt er seinem rundlichen Kumpan mit: »Ich gehe nach Amerika, da will ich mein Glück machen.« Da ist Puce sofort dabei und bringt seine ganze Barschaft für die Reise ein, 14,75. Doch allein schon die Billetts nach Le Havre kosten 92 Francs, also müssen sich Zig und Puce etwas einfallen lassen – und auf den Kopf gefallen sind sie nicht.
Erschienen ist die erste Zig et Puce-Folge am 3. Mai 1925 und lässt erkennen, dass die USA auch für Alain Saint-Ogan ein Sehnsuchtsort sind: Er bricht mit den Traditionen der heimischen Bildergeschichte, entwickelt das Geschehen geradezu filmisch, verwendet Sprechblasen statt wie bisher üblich Texte unter den Panels und gestaltet seine Serie auch sonst ganz im Stil der amerikanischen sunday pages. Erheitern soll sie die Leser der Tageszeitung Excelsior, in deren im Vorjahr eingeführter Sonntagsbeilage Le Dimanche illustré sie erscheint, adressiert eher an ein erwachsenes Publikum als an Kinder.
Ganz wie bei Saint-Ogans Vorbildern, vor allem Martin Branners Winnie Winkle und The Gumps von Sydney Smith, die sporadisch im Dimanche illustré erscheinen, verheißt der Schluss seiner Seite eine Fortsetzung, denn natürlich geht der erste Anlauf gehörig in die Hose. Aber die lässt auf sich warten, erst nach drei Wochen melden sich Zig und Puce zurück und haben diesmal bessere Karten: Als sie (ungewollt) einen Taschendieb festsetzen, erhalten sie 100 Francs Belohnung, immerhin ein Anfang. In der nächsten Woche sind sie dann schon (»ohne einen Sou«) in Le Havre, doch auch künftig kommt es immer wieder zu Pausen von manchmal weit über einem Monat.
Alain Saint-Ogan ist 29 und schon ein gefragter Zeichner, als er Zig et Puce (wörtlich: Kerl und Floh) beginnt, und von der ersten Seite an wirkt sein Stil so geübt, als habe er schon sein Leben lang Sprechblasen verwand. 1895 in Paris geboren, hatte er sich bereits früh für den Beruf seines Vaters, ein Autor und Journalist, begeistert. Bald schreibt er selbst für diverse Zeitungen, darunter Le Matin, wo 1913 auch eine erste Zeichnung abgedruckt wird. Nach der Rückkehr aus dem Krieg verlegt er sich ganz auf das humoristische Zeichnen.
Seine beiden Helden scheucht er bei ihrem Unterfangen, über den Atlantik zu gelangen, in sprunghaften Episoden kreuz und quer über den Erdball. Am 1. November versuchen sie es mit einem Luftschiff, kommen im Sturm ab vom Kurs und stranden am Nordpol. Schon gleich nach dem Aufsetzen begegnen sie hier (allerdings erst in der Fortsetzung am 27. Dezember) einem – Pinguin. Kurzerhand taufen Zig und Puce ihn Alfred, und damit ist er fortan der dritte im Bunde. Im April des nächsten Jahres dann hat es das Trio fast geschafft, New York liegt zum Greifen nah unter ihnen. Aus einem Doppeldecker springen sie am Fallschirm ab – um auf einem Ozeandampfer zu landen, der gerade auf dem Weg wieder nach Europa ist; auf dem letzten Bild verschwindet die schwarze Silhouette der Freiheitsstatue im Hintergrund.
Während der bisherigen Abenteuer haben Zig und Puce einen Gutteil ihrer atavistischen Züge abgelegt, mit Alfred taugt die Serie nun auch für die Jugend. Die zeitgenössischen Vorurteile, die Saint-Ogan repetiert – rassistische ebenso wie antisemitische Klischeebilder – tun dem wachsenden Erfolg keinen Abbruch. Beträgt die Auflage des Dimanche illustré 1925 350.000 Exemplare, sind es fünf Jahre später 500.000 – ein Effekt, wie sie ebenso die Comic-Strips in den USA auf die Zeitungsauflagen haben. 1927 erscheint ein erstes Album (bis 1952 werden es 16), es folgen Radio- und Bühnenadaptionen, Übersetzungen in den Niederlanden, Italien und Spanien sowie die verschiedensten Merchandising-Produkte von Plüschfiguren bis zum Wecker mit Alfred auf dem Ziffernblatt.
1934 lässt Saint-Ogan Zig und Puce nicht nur ins 21. Jahrhundert reisen, sondern auch auf der Venus landen. Doch das verstört viele Leser, es hagelt Beschwerden, und nachdem das Abenteuer beendet ist, ersetzt Le Dimanche illustré Zig et Puce durch den weniger dramatischen Monsieur Poche, ebenfalls von Saint-Ogan. Zig et Puce erscheint erst wieder ab 1936, nun in Le Petit Parisien. Die Zeitschriften wechseln während der nächsten Jahre noch häufiger, bis Saint-Ogan seine Serie 1956 im Alter von 61 Jahren aufgibt.
1963 greift Michel Regnier alias Greg Zig et Puce mit stark verjüngten (nun in jeder Hinsicht vorbildlichen) Charakteren nochmals in Tintin auf und lässt weitere Alben und Kurzgeschichten folgen, konzentriert sich dann jedoch vor allem auf seine eigene Serie Albert Enzian; 1969 erscheint das letzte Abenteuer von seiner Hand, womit Zig und Puce und Alfred nun Geschichte sind. Dennoch ist Saint-Ogans Pinguin keineswegs vergessen. Anlässlich des ersten Comic-Salons in Angoulême wird dessen höchste Auszeichnung 1974 der Prix Alfred (1989 abgelöst von dem nach Hergés letztem unvollendeten Album benannten Alph-Art), und 1986 beginnt der Verlag Futuropolis einen chronologischen Nachdruck der Jahrgänge 1925 bis 1948 in sechs Bänden.
Ebenso erstaunlich wie Saint-Ogans von Beginn an souveräne Handhabung einer zuvor nur in den USA üblichen visuellen Erzählweise bleibt, dass das Prinzip zunächst keine Nachahmer findet. Erst nahezu vier Jahre später entscheidet sich in Brüssel Hergé, als er in der Jugendbeilage der Tageszeitung Le Vingtième Siècle die Serie Tintin beginnt, ebenfalls für Sprechblasen. Als sein pfiffiger Reporter 1929 aufbricht ins Land der Sowjets, haben Zig und Puce schon die halbe Welt umrundet. Hergé übernimmt von Saint-Ogan den tierischen Sidekick wie das Reisemotiv als Motor seiner Serie.
1931 brechen Tim und Struppi in ihrem dritten Abenteuer ebenfalls auf nach Amerika. Im gleichen Jahr sucht Hergé Saint-Ogan in Paris auf, um ihn um seine Meinung bezüglich seiner Zeichnungen zu bitten. Als sich die beiden 40 Jahre später wiedersehen, kann sich Saint-Ogan an nichts erinnern. »Aber ja, das war 1931«, hilft Hergé nach. »Und Sie haben mir damals gesagt, ich müsse noch viel Arbeit und Geduld investieren: ›Aber Ihre Sachen haben etwas. Bleiben Sie dran, dann wird es sicher eines Tages etwas werden.‹«
»Zum Glück habe ich nicht gesagt, er habe kein Talent und solle besser aufhören,« soll Saint-Ogan erwidert haben, so Greg, als er 1986 von der Begegnung erzählt. »Man hat keine Ahnung, für was man später einmal alles verantwortlich ist.« Alain Saint-Ogan stirbt im Sommer 1974, nur wenige Monate nach der erstmaligen Verleihung des Prix Alfred in Angoulême. Er hat im Laufe seiner Karriere mehr als ein Dutzend weiterer Serien geschaffen, doch mit Zig et Puce hat er Comic-Geschichte geschrieben. X
(COMIXENE 148: Die 111 besten Graphic Novels, 2024)
