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SPARKY & SPIKE
Der lange Weg zu Charlie Brown und Snoopy

Es hat mich viel Zeit gekostet,
zu einem menschlichen Wesen
zu werden.
Charles M. Schulz

Es ist der 2. Oktober 1950, Wochenanfang. Der Koreakrieg bestimmt die Schlagzeilen der Zeitungen. In den Morgenstunden des 25. Juni hatten mit Stalins Segen die Truppen Kim Il-sungs den 38. Breitengrad überrannt, seit Ende des Zweiten Weltkriegs die Demarkationslinie zwischen den Einflusssphären der USA und Moskaus, drei Tage später Seoul und schließlich bis auf ein kleines Gebiet um die Hafenstadt Busan im Südosten die gesamte Halbinsel besetzt. Unter dem Oberbefehl General Douglas MacArthurs sind vor zwei Wochen bei Incheon UN-Streitkräfte im Rücken der nordkoreanischen Linien gelandet, haben Seoul zurückerobert und am Vortag entlang des 38. Breitengrads Stellung bezogen, Peking rasselt mit den Säbeln. Pausenlos greifen amerikanische B-29-Bomber jetzt Ziele im Norden an, auch an diesem Montag. Die Amerikaner haben bereits fünfunddreißigtausend Mann verloren. Wieder ist es ein Krieg, der in weiter Ferne stattfindet, der seltsam abstrakt bleibt.

An der Heimatfront hat Senator Joseph McCarthy seinen Kreuzzug gegen »unamerikanische Umtriebe« begonnen und bläst zur Hetzjagd auf die Mitglieder der Kommunistischen Partei Amerikas. Erst vor wenigen Wochen wurden Ethel und Julius Rosenberg wegen angeblicher Atomspionage für die Sowjetunion verhaftet (und werden am 5. April des folgenden Jahres zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt). Das Land taumelt zwischen Paranoia und Konsumrausch. Der überstandene Weltkrieg hat zu einem enormen Modernisierungsschub geführt, euphorisch bricht die Nation auf ins Düsenjet- und Atomzeitalter. Stromlinienförmige Limousinen werden zum Symbol der erfolgreich verteidigten Freiheit und Unabhängigkeit, in Las Vegas werben Hotels damit, dass man von ihren Dachterrassen aus den besten Blick auf die Atompilze über dem Testgelände in der Wüste von Nevada hat: »There’s always something going on in Las Vegas!« An der Oberfläche herrscht das amerikanische Idyll, die beschauliche Welt Norman Rockwells. Alles hat seine Ordnung, Schwarze bedienen, Frauen bügeln. Und die Kinder sind artig, noch hat Bill Haley nicht zur Rebellion gegen das Spießertum aufgerufen, sich James Dean alias Jim Stark noch nicht gegen seinen Vater aufgelehnt.

In den Kinos laufen die Western Winchester ’73, Der gebrochene Pfeil und John Fords Rio Grande, Hitchcocks Die rote Lola und Walt Disneys Cinderella. Joseph L. Mankiewicz’ Der Hass ist blind mit Richard Widmark und dem jungen Sidney Poitier, der den alltäglichen Rassismus in den Vereinigten Staaten aufzeigt, ist in mehreren Bundesstaaten verboten, da Ausschreitungen befürchtet werden. In Städten mit Fernsehstationen geht die Zahl der Kinobesucher ohnehin dramatisch zurück, in diesem Jahr um zwei Drittel; drei Millionen Amerikaner haben inzwischen einen Fernsehapparat, die Mattscheibe ist zur Abendbeschäftigung ganzer Familien geworden. Eben haben Charlie Parker und Dizzy Gillespie ihr letztes gemeinsames Studioalbum, Bird and Diz, aufgenommen, im Radio hat Goodnight Irene von den Weavers vor sechs Wochen Nat »King« Coles Mona Lisa als Number One Hit abgelöst. Neu in den Buchläden liegen Ray Bradburys Mars-Chroniken, Die Töchter der Nacht von Mickey Spillane und Hemingways Über den Fluss und in die Wälder. Und der Verlag Entertaining Comics schockt mit seinen neuen Heften Vault of Horror, Crypt of Terror und Haunt of Fear, fünfzig Millionen Comic-Hefte werden diesen Monat gedruckt. In den comic sections der Tageszeitungen tummeln sich Tarzan und Prinz Eisenherz, Buck Rogers und Steve Canyon, Casey Ruggles und Dick Tracy, Little Orphan Annie und Li’l Abner.

Doch in einer Handvoll Städte hat sich das Bild an diesem 2. Oktober ganz unscheinbar ein wenig gewandelt. In sieben Tageszeitungen, in Washington, Chicago, Minneapolis, Allentown, Bethlehem, Denver und Seattle, erscheint an diesem Montag zum ersten Mal ein Comic-Strip mit dem Titel Peanuts. Auf den vier Bildern des Streifens trottet ein ballonköpfiger Knirps an einem Jungen und einem Mädchen vorbei, die auf einer Treppenstufe hocken. »Der gute, alte Charlie Brown«, sagt der Junge, als der Knirps vorüber ist. »Wie ich ihn hasse!« Dann, unten rechts im letzten Bild, die Signatur »Schulz«.

Dass mit diesen vier karg gestrichelten Panels soeben der weltweit erfolgreichste Comic-Strip aller Zeiten seinen Anfang genommen hat, ahnt niemand. Auch nicht Charles Schulz, obwohl er später sagen wird, überhaupt nicht daran gezweifelt zu haben, »dass ich diesen Strip bis ans Ende meines Lebens zeichnen werde«. Doch ist das nur die Wunschvorstellung eines 27jährigen, der schon lange davon träumt, Comic-Zeichner zu werden. Vor einigen Wochen erst, im Juni, hatte er mit seiner Zeichenmappe unter dem Arm in St. Paul in Minnesota einen Zug bestiegen und sich auf den Weg nach New York gemacht. Drei Tage zuvor haben die Zeitungen in Pjöngjang in großer Aufmachung verkündetet, am 15. August (dem Jahrestag der Kapitulation des verhassten Kriegsfeindes Japan) werde in Seoul auf einer Nationalversammlung die Wiedervereinigung Koreas besiegelt, doch niemand hatte das ernst genommen. Schulz fühlt sich an diesem Dienstag ernst genommen. Er hat einen Termin beim United Feature Syndicate, einem der Zeitungssyndikate, denen er schon seit Jahren regelmäßig seine Zeichnungen schickt – bisher ohne Erfolg.

Schulz war erst ein Mal in New York, vor fünf Jahren, als er aus dem Krieg zurückkam. Er nimmt sich ein Zimmer und steht am nächsten Morgen um neun im Daily News Building an der 42. Straße Ecke East bei United Feature vor der Tür. Er hat keine Ahnung, dass die Redakteure gewöhnlich erst gegen zehn eintreffen. Also fährt er aus dem elften Stock wieder nach unten und geht etwas frühstücken. Es regnet. Als er zurückkommt, ist seine Mappe, die er bei der Sekretärin gelassen hat, die als Einzige schon so früh im Büro gewesen war, bereits von mehreren Mitarbeitern begutachtet worden. Schulz will Cartoons um ein paar Kinder anbieten, die er mit zwei Gags pro Tag plant, doch das Syndikat möchte lieber einen Strip. Schulz nickt.

Er bleibt in New York und adaptiert noch dort seine Idee auf das gewünschte Format. Zwei Tage darauf schlägt ihm Larry Rutman, der Vizepräsident des Syndikats, einen Fünfjahres-Standardvertrag vor: United Feature würde das Copyright an dem neuen Strip erwerben, Schulz wäre verpflichtet, regelmäßig neue Folgen zu liefern, sechs jede Woche, und die Einnahmen würden zu gleichen Teilen geteilt. Wieder nickt Schulz.

Als er wenig später unten auf der Straße steht, kann er es noch immer nicht fassen. »Jetzt bin ich endlich Comic-Zeichner!« Dann steigt er in den Zug und fährt zurück nach Minnesota.

Menschenskind, den nennen wir Sparky!

Charles Monroe Schulz erblickt am 26. November 1922 das Licht der Welt, an einem Sonntag. Sein Vater, Carl Fred Schulz, betreibt seit fünf Jahren einen Friseursalon in St. Paul, mit drei Frisierstühlen und zwei Angestellten. Ein einfacher, ernster Mann, der nur drei Jahre zur Schule gegangen ist, sechs Tage in der Woche zehn Stunden arbeitet und am Sonntag seinen Laden herrichtet. Auf dem Heimweg kauft er regelmäßig die beiden Sonntagszeitungen aus Minneapolis. Die für St. Paul hat er sich schon am Vorabend besorgt, wegen der Comic-Beilagen, die er über alles liebt. Er wurde 1897 in Stendal in Sachsen-Anhalt geboren, kurz bevor seine Eltern in die USA auswanderten. 1920 hat er die fünf Jahre ältere norwegenstämmige Dena Bertina Halverson geheiratet, und das frisch vermählte Paar ist nach Minneapolis, zwanzig Kilometer flussaufwärts auf der anderen Seite des Mississippi, gezogen, in eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Chicago Avenue South 919. Hier kommt am 26. November Charles zur Welt, der ihr einziges Kind bleiben wird.

Zwei Tage später macht Denas ältester Bruder Oscar den überglücklichen Eltern seine Aufwartung. Als er den kleinen Charles sieht, ruft er aus: »Menschenskind, den nennen wir Sparky!« Sparky Plug heißt das Rennpferd, das Billy DeBeck gerade im Juli in seine Comic-Serie Barney Google eingeführt hat; der Gaul mit den müden Augen hatte bei seinem ersten Rennen gewonnen, Barney fünfzigtausend Dollar eingebracht und dem Strip eine ungeheure Popularität. Charles wird den Beinamen sein Leben lang behalten, wie ein gutes Omen.

Als Sparky fünf wird, zieht die Familie wieder nach St. Paul. Carl leidet an chronischer Depression (tatsächlich ist es wohl eine Agoraphobie) und fühlt sich hier wohler als im quirligen Minneapolis. St. Paul ist damals eine Stadt mit zweihundertfünfzigtausend Einwohnern, doch nimmt man die Zwillingsstadt am anderen Flussufer dazu, leben in der Region achthunderttausend Menschen. »Ich hatte immer das Gefühl, in einer Großstadt aufgewachsen zu sein«, so Charles später, für ihn ist St. Paul »das Herz Amerikas«.

Er verbringt viel Zeit in dem Friseursalon in einem einstöckigen Eckhaus an der Kreuzung Selby Avenue und Snelling, der auch so etwas wie eine nachbarschaftliche Nachrichtenbörse ist, eine eigene kleine Welt für sich. Die Leute mögen den stets freundlichen Carl Schulz, einmal schlägt man ihm sogar vor, als Bürgermeister zu kandidieren. »Ich hoffe, dass ich eines Tages so beliebt sein werde wie mein Vater«, wünscht sich Sparky. Er sitzt oft lange auf seinem Hocker in der Ecke und wartet, bis Carl den letzten Kunden verabschiedet hat und die Ladentür abschließt. Dann fahren sie mit der Straßenbahn nach Hause. »Mein Vater las viele Comics, und wir konnten uns darüber unterhalten und diskutieren, was mit den Figuren wohl als Nächstes passiert.«

Zurück in St. Paul wohnt die Familie das erste Jahr in der James Avenue, dann zieht sie nur wenige Blocks weiter in die Macalester 473. Sparkys Kindergarten in der Mattocks School liegt gleich um die Ecke. Eines Tages verteilt die Betreuerin Papier und Stifte und lässt die Kinder malen. »Ich zeichnete einen Mann, der Schnee schippt. Als die Kindergärtnerin an meinem Platz vorbeikam, blieb sie stehen, sah sich meine Zeichnung genau an und sagte: 'Charles, aus dir wird noch mal ein Künstler!'« Eine Anerkennung, die Sparky so zu Herzen geht, dass er noch lange immer wieder davon erzählen wird. Und bereits zu dieser Zeit reift ein Entschluss. »Die meisten Menschen werden es nicht verstehen können, dass jemand das Gefühl hat, als Comic-Zeichner geboren zu sein, aber ich denke, bei mir war das so. Soweit meine Erinnerungen zurückreichen habe ich immer einen täglichen Strip zeichnen wollen.«

Doch zunächst muss Sparky Abschied nehmen von seiner ihm vertrauten Umgebung. Im Sommer 1929 verkauft der Vater seinen Friseursalon. Die Familie fährt in ihrem Ford, einem 1928er T-Modell, zwei Wochen über die noch nicht asphaltierten Schotterstraßen quer durch das Land nach Kalifornien, um sich in Needles niederzulassen. Dort, wo die Route 66, die John Steinbeck zehn Jahre später mit seinem Roman Früchte des Zorns als »mother road« berühmt machen wird, über den Colorado River führt. An die Gründe für den Umzug in die Dreitausend-Seelen-Gemeinde inmitten der Mojave-Wüste, deren einzige Lebensader die Santa Fe Railroad ist, hat Sparky später keine Erinnerung mehr; vielleicht ist es eine Art Flucht, denn kurz zuvor hat es eine Reihe von tragischen Todesfällen sowohl in Carls Freundeskreis wie in Denas Familie gegeben.

Die Familie bezieht ein kleines Haus an der Ecke Palm Way und Bazoobuth Street. Sparky geht auf die Schule in der D Street, ein dreistöckiges Holzgebäude im viktorianischen Stil, in dem es in den Sommermonaten unerträglich heiß ist. Sein Leben verläuft eintönig, in der Nachbarschaft gibt es nur ein Kind in seinem Alter, ein Mädchen namens Shirley Russ, das den Spitznamen Dodi hat. Die beiden spielen Murmeln, klettern in dem Baum hinter Shirleys Elternhaus herum oder sitzen am Bahnhof, um die Einfahrt des nächsten Zuges zu beobachten. Eines Tages wird aus dem Güterwaggon ein Dreirad entladen, das Carl bei einem Versandhaus in Chicago zu Sparkys Geburtstag bestellt hat. »Mann, würde ich jetzt gerne Football spielen«, stöhnt Charlie Brown später in dem Peanuts-Strip vom 2. Oktober 1952, die Arme auf den Lenker seines Dreirades gestützt. »Warum tust du’s nicht?«, fragt ihn Patty. »Papa sagt, er hat fünfundzwanzig Dollar für das Dreirad bezahlt. Ich fühle mich verpflichtet, damit zu fahren«, antwortet er und radelt davon in die Kleinstadt-Langeweile.

Auch daran, dass oder gar warum die Familie schließlich im Sommer 1931 wieder zurück nach St. Paul zieht, wird Sparky sich später nicht erinnern können. »All das liegt für mich völlig im Nebel. Und ich bedaure es sehr, dass niemand mehr lebt, den ich danach fragen könnte.« Es bleibt nur die Erinnerung, dass er sich in Needles einsam und verloren fühlte. Und die an seinen kleinen Bullterrier, der Snooky heißt.

Einen Monat vor Sparkys siebtem Geburtstag, am 24. Oktober 1929, löst der Börsencrash an der Wall Street die Weltwirtschaftskrise aus. Aber an den Schwarzen Donnerstag (in Europa wegen der Zeitverschiebung der »Schwarze Freitag«) wird Sparky sich später ebenfalls nicht mehr erinnern. Ebenso wenig wie an die Einschränkungen während der schweren Jahre der Großen Depression, die nun folgen. »Das hat mich nicht spürbar beeinträchtigt, weil Kinder nicht unbedingt mitbekommen, was um sie herum vorgeht. Wenn es zum Abendessen Pfannkuchen gibt, dann findest du das klasse, weil du sie magst. Du begreifst nicht, dass es wahrscheinlich nur deshalb Pfannkuchen gibt, weil sich deine Eltern nichts anderes leisten können. Ich habe keine Ahnung, wie viel mein Vater verdiente, doch ich hatte nie das Gefühl, dass es mir an etwas fehlte. Ich hatte einen Baseball-Handschuh und ein Dreirad, für das mein Vater vierundzwanzig Dollar bezahlt hat, in Raten zu vier Dollar die Woche.«

Glaub es oder nicht

Im September 1931 ist die Familie wieder in St. Paul. Doch infolge der Arbeitslosigkeit ist die Stadt nicht mehr dieselbe, die Sparky vor zwei Jahren verlassen hat. Immerhin gelingt es seinem Vater, den alten Friseursalon wieder zu übernehmen, und er mietet eine Wohnung direkt über seinem Laden. Sparkys Schule, die Richards Gordon Elementary School, liegt schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite. Er ist ein so guter Schüler, dass er zwei Klassen überspringt, doch am meisten interessiert ihn das Zeichnen, hier gewinnt er das Gefühl, wirklich etwas Besonderes zu sein. »Während meiner gesamten Schulzeit habe ich mich, abgesehen vielleicht von ein oder zwei Ausnahmen, für den Einzigen in der Klasse gehalten, der zeichnen konnte. Es überrascht mich immer wieder, wie wenige Menschen zeichnen können.«

Als seine Mutter an seinem elften Geburtstag mit ihm einkaufen geht, entdeckt Sparky Clare Briggs’ 1926 erschienenes Buch How to Draw Cartoons, das im Anhang auch einige Beispiele von berühmten Comic-Künstlern wie Winsor McCay, Rube Goldberg oder Frank King enthält. Sparky kopiert die Zeichnungen und ist überrascht: »Von diesem Augenblick an war ich völlig fasziniert von den unterschiedlichen Zeichentechniken, die die Leute hatten.« Er beginnt mit dem Zeichnen eigener Geschichten und orientiert sich dabei an den Strips, die in den Zeitungen in St. Paul und Minneapolis erscheinen. Seine Favoriten sind Buck Rogers, Tim Tyler’s Luck, Popeye, Wash Tubbs und Skippy. »Ich mochte praktisch jeden Strip«, so Schulz später. »Skippy war natürlich fantastisch. Auch wenn ich nicht verstanden habe, warum Percy Crosby gegen Ende so lieblos gearbeitet hat. Er hat sich nicht einmal mehr die Zeit genommen, die Bilder zu umranden. Das war mir ein Rätsel. Mich hat in meiner Jugend so einiges verblüfft, das ich später nicht mehr ganz nachvollziehen konnte. Ich liebte Buck Rogers. Das war einer meiner absoluten Lieblingsstrips. Jahre später habe ich einen Nachdruck gelesen und gemerkt, wie furchtbar das eigentlich war. Das war alles andere als ein guter Strip.«

Eines Tages, im Februar 1934, fällt seiner Mutter in der Zeitung der Hinweis auf eine Comic-Ausstellung in der öffentlichen Bibliothek von St. Paul auf. Sie sagt Carl, den sie wie immer mit »Schulz« anredet, er solle am nächsten Tag pünktlich nach Hause kommen, und am Abend macht sich die Familie auf den Weg in die Bücherei. Noch nie zuvor hat Sparky Comic-Originale gesehen, und die vitale Magie der großformatigen Feder- und Pinselzeichnungen, die durch ihre Überarbeitungen, Korrekturen, Gebrauchsspuren und Anmerkungen für den Lithografen auch den Prozess ihres Entstehens verraten, verschlagen ihm den Atem. Er erkennt, dass er noch einen weiten Weg vor sich hat.

Zu dieser Zeit kommen auch die Comic-Hefte auf, das erste, Famous Funnies, startet im Mai 1934. Zwar enthalten die frühen comic books zu Anfang noch ausschließlich Nachdrucke der populären Serien aus den Tageszeitungen, aber die Gattung erhält nun eine neue Präsenz und ist nicht mehr allein in den Zeitungen anzutreffen. »Ich habe jedes Heft gekauft, das erschienen ist«, so Schulz später. »Ich hatte das allererste Famous Funnies. Ein paar törichte Freunde von mir haben das Cover abgerissen und irgendwann war es weg. Aber ich hatte das jahrelang. Ich habe regelmäßig die Tip-Top Comics gekauft, und ich kann mich auch noch an den Tag erinnern, als Superman sein Debüt in Action Comics gab [1938]. Ich habe das zu einem Freund mitgenommen, und wir dachten wow

Sparky zeichnet viel und mit Begeisterung, doch er scheut sich, mit seinem Talent hervorzutreten. »Einmal sollten wir einen Aufsatz über Shakespeare schreiben, und ich hatte die Idee, ein paar Zeichnungen dazu zu machen«, erinnert er sich später an ein Erlebnis an der Maria Sanford Junior High School, auf die er 1936 wechselt. »Doch ich sagte mir, dass das nicht fair sei, weil die anderen Schüler in der Klasse nicht zeichnen können. Warum also sollte ich einen Vorteil aus etwas ziehen, das nur ich konnte? Dann zeigte sich am nächsten Tag, dass ein anderer Schüler, von dem ich nicht wusste, dass er malte, zehn Aquarelle zu seinem Aufsatz angefertigt hatte. Die Lehrerin lobte ihn und hängte die Bilder im Klassenraum auf.« Nach der Stunde nimmt sie Sparky zur Seite. »Warum hast du so etwas nicht gemacht, Charles?«, fragt sie. Er fällt aus allen Wolken, dass die Lehrerin von seiner Zeichenleidenschaft weiß. »Aber ich hätte es einfach egoistisch gefunden, von meinen Fähigkeiten zu profitieren.«

Tatsächlich fehlt es Sparky an Selbstvertrauen. »Mein ganzes Leben war von Zurückweisung geprägt«, wird er selbst später noch sagen, als seine Peanuts längst ein Welterfolg sind und täglich in über zweitausend Zeitungen erscheinen. Wie er von anderen gesehen wird, ist ihm wichtiger, als wer er tatsächlich ist und wie er sich damit fühlt. Während seiner Schulzeit fürchtet er unbewusst, auch mit seiner Leidenschaft für das Zeichnen zurückgewiesen zu werden, seiner Zuflucht in dem Gefühl, nicht »gut genug« zu sein. »Viele Leute hielten mich damals für einen ziemlichen Waschlappen, was mich geärgert hat, denn das war ich nun wirklich nicht. Ich war kein harter Knochen, aber ich war ganz gut im Sport. Ich war ganz gut beim Baseball. Ich war gut in allen Sportarten, die etwas mit dem Werfen, Schlagen oder Fangen von Dingen zu tun hatten. Ich war also alles andere als ein Waschlappen. Aber ich hatte damals kein besonders gutes Bild von mir selbst und auch nicht das Gefühl, wenigstens gut auszusehen. Ich hatte kein einziges Date an der Highschool, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass ein Mädchen mit mir hätte ausgehen wollen. Also habe ich mich gar nicht erst darum bemüht. So bin ich aufgewachsen.« Eine der Ängste, die er sein Leben lang nicht wird überwinden können, ist, andere zu langweilen, ein Mann ohne Eigenschaften zu sein, »unsichtbar«.

Dem Vater scheinen feste Koordinaten und Gewohnheiten die Sicherheit zu geben, an der es ihm in seinem von Depressionen geschüttelten Leben mangelt. Nachdem er seinen Friseursalon wiederhat, in dem er seit 1918 arbeitet, zieht die Familie 1937 auch zurück in die Macalester Avenue, wo sie vor ihrem Umzug nach Needles gewohnt hat. Sparky tut sich schwer, in dem Viertel, das er vor acht Jahren verlassen hat, Freunde zu finden, die meiste Zeit verbringt er allein: »Es ist fast unmöglich, auf den Spielplatz zu gehen und seinen Spaß zu haben, ohne dass irgendwelche größeren Kinder auftauchen und alles verderben.« Sherman Plepler, der schießlich Sparkys engster Freund wird, wird sich später erinnern: »Sparky war ziemlich klein, und selbst als Teenager noch war er der klassische Typ, dem das Geld für das Mittagessen von irgendeinem Raufbold abgenommen wird.« Doch Plepler kann sich nicht entsinnen, dass Sparky jemals in eine Streiterei geraten oder verprügelt worden wäre, seine Kontaktscheu beruht eher auf Befürchtungen denn auf schlechten Erfahrungen.

Sparky entdeckt das Golf spielen, eine weitere Leidenschaft wird das Kino (in vielen Peanuts-Folgen wird Schulz seine Figuren später an der Kinokasse anstehen lassen). »Als Kinder mochten wir Laurel und Hardy, das war wirklich lustig. Meistens gingen wir samstagnachmittags ins Kino. Wir liebten die Cowboy-Filme und Tarzan und so etwas. Auch später noch bin ich oft ins Kino gegangen. Es gab damals eins nur einen halben Block von unserer Wohnung entfernt, und so habe ich fast jeden Film gesehen, der herauskam. Ich hatte abends nichts zu tun, also bin ich ins Kino gegangen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich später Citizen Kane [1941] gesehen habe. Mir war sofort klar, dass das etwas ganz Großartiges war.«

Mit seinem Vater teilt Sparky neben der Begeisterung für Comics auch dessen Liebe zu Hunden. Nachdem Snooky eines Tages von einem Taxi überfahren wird, schenkt ihm ein Freund einen kleinen Mischling, eher ein Pointer als ein Beagle, mit schwarzen Flecken auf dem weißen Fell. Sparky tauft ihn Spike. Glaubt man Sherman Plepler, fürchten sich alle im Viertel vor dem bissigen Tier: »Spike jagte mir eine Höllenangst ein, und Sparky fand das äußerst komisch.« Es ist Shermy, der im ersten Peanuts-Strip sagen wird: »Der gute, alte Charlie Brown ... Wie ich ihn hasse!« »Er war praktisch ein wildes Tier, richtig zahm wurde er nie«, hat Schulz den Neuzugang der Familie beschrieben. »Er verstand ungefähr fünfzig Worte und fuhr leidenschaftlich gern im Auto mit. Er wartete den ganzen Tag darauf, dass mein Vater aus dem Friseursalon nach Hause kam, und samstagabends, kurz vor neun, hat er immer seine Pfote auf den Stuhl meines Vaters gelegt, um ihn daran zu erinnern, die Zeitungen mit den Comic-Beilagen zu kaufen. Spike hat praktisch alles gefressen, was ihm unter die Augen kam. Eines Tages spielte ich Paddle ball, als das Gummiband vom Schläger abriss. Spike jagte dem Ball hinterher und schluckte ihn herunter. Als er am Abend eine Portion Spaghetti zu viel fraß, erbrach er den Ball wieder.« Sparky schreibt die Geschichte auf, macht eine Zeichnung von Spike, brav sitzend und von der Seite, und schickt beides an Robert Ripley in Santa Rosa, Kalifornien.

Ripley stellt seit 1918 die populäre gezeichnete Rubrik Ripley’s Believe It or Not! mit Rekorden, skurrilen Ereignissen und Naturwundern für Tageszeitungen zusammen (nach der später auch eine Radiosendung und eine Fernsehserie entstehen, Ripley’s-Kuriositätenmuseen gibt es bis heute) und findet den einen Ball fressenden Hund erwähnenswert. Am 22. Februar 1937 wird Sparkys Beitrag in seiner Rubrik abgedruckt, zusammen mit den Meldungen über einen fünfundsiebzig Jahre alten »versteinerten« Apfel und einen alten Mann, der in seinem Leben 237.000 Zigarren geraucht hat. Seine Zeichnung von Spike erscheint landesweit in den Zeitungen. Es ist Sparkys erste Veröffentlichung.

Mein Freund Charles

Die Schule ist der einzige Ort, wo Sparky Charles genannt wird. 1937 wechselt er an die Central High School am Lexington Parkway, eine Lehranstalt mit zweitausend Schülern und einem ausgezeichneten Ruf. Schon bald wird er aufgefordert, sich an dem »Thumbtack [Reißzwecke] Club« zu beteiligen, der Plakate gestaltet, Layouts für das Jahrbuch erstellt und Ausstellungen von Schülerarbeiten organisiert. Als Charles dazukommt, trifft er auf einen chaotischen Haufen lärmender Schüler. Er macht auf dem Absatz kehrt. Später fragt ihn ein Lehrer, warum er weggerannt sei, obwohl er doch so gerne zeichne. »Das sind Banausen!«, antwortet er. Während der letzten Schuljahre wächst Sparkys Gefühl des Unverstandenseins. In der elften Klasse begeht er einen »schrecklichen Fehler«, wie er es später nennt, und zeigt seiner Englisch-Lehrerin eine 1936 erschienene Zeichenversion von Charles Dickens’ Eine Geschichte aus zwei Städten. Die Frau reagiert mit herablassendem Hohn auf die Bildergeschichte, Sparky ist am Boden zerstört (und wird das Erlebnis sogar 1992 noch in einem Peanuts-Strip aufgreifen). Am Abend schließt er sich in sein Zimmer ein und zeichnet.

Eine seiner Figuren heißt Little Julius und erinnert an Enrico Bandello, der in Mervyn LeRoys Der kleine Caesar von 1930 vom unbedeutenden Ganoven zum Gangsterboss aufsteigt und als »Little Caesar« Karriere macht. Allein für sich zu zeichnen ist Sparkys liebste Beschäftigung. »Ich saß abends zu Hause und zeichnete an unserem Esstisch. Ich musste die Tischdecke zurückschieben, die meine Mutter gemacht hatte, und eine Zeitung unterlegen, bevor ich anfangen konnte. Ich weiß noch, dass ich meiner Mutter mal einen Streich gespielt habe. Ich besorgte mir einen magischen Tintenfleck und habe so getan, als sei das Tintenfass umgekippt. Sie stürzte ins Zimmer, und ich sagte: 'Mom, sieh nur!' Sie schrie auf und rannte in die Küche, um ein Geschirrtuch zu holen. Als sie zurückkam, lachte ich.«

Sparkys Lieblingslehrerin ist Minette Paro. Sie hat ihren Abschluss am Pratt Institute of Art in New York gemacht und unterrichtet Kunst. »Eines Tages stellte sie uns eine Aufgabe, an die ich sehr gerne zurückdenke«, so Schulz. »Sie sagte, wir sollten alles, was uns einfiele, in Dreiergruppen auf ein Blatt Papier zeichnen. Mir gefiel die Idee, und ich füllte mein Blatt zügig mit kleinen Zeichnungen. Sie zeigte es in der Klasse herum, und ich erinnere mich noch heute daran, dass ich ein bisschen stolz war.« Während andere Schüler sich damit abmühen, ein einziges Objekt dreimal zu zeichnen, füllt Charles sein Blatt innerhalb weniger Minuten mit Dutzenden von Zeichnungen in dreifacher Ausfertigung: Baseball- und Eishockey-Schläger, Schlüssel, Ohren, Gebisse, Fische, Dollarscheine, Rollschuhe, Suppentassen, Zigarren, Blumentöpfe, Krawatten, Taschenlampen, Ampeln, Briefe, Eistüten, Notenschlüssel, Bohrtürme, Fabrikschornsteine, Kinderwagen ... und die Scheren aus dem Friseursalon seines Vaters vergisst er ebenso wenig wie Zeichenstifte, Pinsel und Farbpaletten. Ebenfalls dabei: je drei Grabsteine, Totenköpfe, Gespenster und Konterfeis von Hitler. Und in der Ecke unten links, auch in dreifacher Ausfertigung, die Signatur »Charles Schulz«.

»Nach dem Abschluss verlor ich Fräulein Paro aus den Augen«, so Schulz später. »Vor einigen Jahren jedoch brachte mir der Postbote einen dicken Umschlag mit einer Zeichnung und einer kurzen Notiz von Fräulein Paro: 'Dies ist ein Bild von Ihnen, das ich fünfundzwanzig Jahre lang aufgehoben habe.' Es war die Zeichnung mit den Dreiergruppen.« »Thanks for Peanuts« hat sie mit rotem Stift unten rechts auf das Blatt geschrieben.

Während seines letzten Schuljahrs schlägt Fräulein Paro Charles vor, dass er einige Zeichnungen für das anstehende Cehisean (Central High School Senior Annual) beisteuert. Er liefert eine Reihe Cartoons über den Schulalltag. Kurz bevor das Schuljahr zu Ende geht, werden die gedruckten Jahrbücher angeliefert. Aufgeregt blättert Charles den Band durch – doch seine Zeichnungen fehlen. Seine Enttäuschung ist unermesslich. Jahre später wird er diesen Moment in einem Interview als »meine erste Absage« bezeichnen. Ob er sich erkundigt habe, was denn passiert sei, fragt der Journalist nach. »Nein«, antwortet Schulz. »Das hätte ich nie gewagt.«

Anfang 1940 zeigt ihm seine Mutter eine Zeitungsanzeige für einen Zeichenfernkurs. »Zeichne mich!«, fordert darin ein aufreizendes Mädchen mit Schmollmund auf, und die Anzeige verspricht, dass Zeichner, die den Kursus absolvieren, bis zu fünftausend Dollar im Jahr verdienen können. Sein Vater willigt ein, die Kosten, stolze hundertsiebzig Dollar – die jährliche Studiengebühr an der University of Minnesota beträgt hundert Dollar –, in monatlichen Raten von zehn Dollar abzustottern. Mehrmals gerät Carl, der sein Geld mühsam mit Fünfzig-Cent-Haarschnitten verdient, in Verzug und erhält Mahnungen.

Der Kurs beginnt im März. Obwohl sich die Federal School of Illustrating and Cartooning in Minneapolis befindet, gleich auf der anderen Seite des Mississippi, bringt Sparky seine Zeichnungen nie selbst vorbei, sondern schickt sie stets per Post ein. Der Einzige, dem er seine Arbeiten zu zeigen wagt, ist ein Mitschüler, mit dem sich Charles angefreundet hat. Er interessiert sich für Sparkys Zeichnungen und seine Fortschritte und bittet ihn immer wieder, ihm seine Mappe zu zeigen. Er ist ein kurzwüchsiger Junge mit rundlichem Gesicht und heißt ebenfalls Charles, Charles Brown.

Charles Brown ist auch der Einzige, dem es gelingt, Sparky mit einem Mädchen zusammenzubringen. Seine Freundin Doris hat eine Freundin namens Patricia, und oft sitzen die vier in der Pause zusammen auf den Stufen vor der Schule. Sparky tut sich dann wie immer schwer, ein Gespräch anzufangen. »Aber wenn sein Freund etwas zu ihm sagte, taute er auf«, hat Patricia Hanratty Schulz’ Biograf David Michaelis erzählt. »Er hat nie als Erster etwas gesagt, aber er war ausgesprochen liebenswürdig, wenn er einmal angefangen hatte. Wenn er redete, war er absolut natürlich und entspannt. Aber ich bin sicher, dass er sich ohne seinen Freund niemals neben uns gesetzt hätte.«

Ende 1940 diagnostizieren die Ärzte bei Dena Schulz Krebs, der bereits gestreut hat. Sparky merkt, dass seine Mutter an starken Schmerzen leidet, aber sie redet nicht darüber. »Ich bin nachts aufgewacht und habe gehört, wie sie geweint hat. Das war eine schreckliche Zeit.« Er absolviert sein letztes Schuljahr, und obwohl er passable Noten hat, hat er das Gefühl, für ein Studium nicht »gut genug« zu sein. Seine Eltern drängen ihn nicht, eine Universität zu besuchen, wenn er Zeichner werden will, dann soll er ihrer Meinung nach Zeichner werden.

Sparky schreibt Bewerbungen an »Mr. Walt Disney« in Burbank, Kalifornien, an Albert Lewis Kanter, den Herausgeber der Illustrierten Klassiker, und an etliche Verlage, doch er bekommt eine Absage nach der anderen oder gar keine Antwort. Regelmäßig nimmt sein Vater, wenn er am Morgen zur Arbeit geht, die Briefe mit zum Postkasten, die Sparky auf seiner gebraucht gekauften Schreibmaschine an Verlage, Zeitungen und Magazine schreibt. Sparky hat einen kleinen Job hier und hilft dort aus. Der Comic, der ihn inzwischen am meisten beeindruckt, ist Wash Tubbs and Captain Easy von Roy Crane, einer der ersten Abenteuer-Strips. »Ich wollte etwas in seinem Stil machen und habe mir deshalb in St. Paul einige Ecken ganz genau angeschaut, während ich dort für Druckereien, für die ich gearbeitet habe, Pakete ausgeliefert habe – stets auf der Suche nach einem guten Schauplatz. Und den habe ich dann in Cranes Stil zu zeichnen versucht. Meine Technik wurde immer besser, aber ich hatte noch viel zu lernen.«

Am 1. Dezember 1941 bekommt er sein Abschlusszeugnis von der Federal School of Illustrating and Cartooning. »Ich kann mich irren, aber der Prozentsatz der Leute, die den Kurs abgeschlossen haben, war sehr niedrig, weil es einer Menge Antrieb bedarf, das zu Hause im stillen Kämmerlein zu machen. Das war ein guter Kurs, und das waren wirklich gute Dozenten, sehr engagierte Leute. Sie haben ständig Materialien verschickt, um einen zu ermutigen, seine Aufgaben zu machen.« Er borgt sich den Ford seines Vaters aus und fährt nach Minneapolis, um den ihn betreuenden Lehrer Frank Wing zu fragen, was er jetzt tun soll. Wing weist auf einige Fehler in Sparkys Zeichnungen hin. »Aber sehen Sie sich Popeye an«, kontert Sparky. »Elzie Segar zeichnet doch auch keine naturgetreuen Figuren.« Wing, der seit 1910 auch die Cartoonserie Yesterdays für das Minneapolis Journal zeichnet, zuckt ratlos mit den Schultern. »Er mochte Popeye, aber er konnte dessen großartige Qualität nicht auf den Punkt bringen.«

Schließlich weist ihn seine Mutter auf eine Anzeige hin, in der Leonard Kleis einen Zeichenkurs anbietet. Kleis zeichnet den Strip Virgil um einen Jungen mit einem überdimensionierten Kopf und Knopfaugen für die St. Paul Pioneer Press. Der Kursus findet dienstagabends in einem Raum in der University of Minnesota in St. Paul statt. Kleis stellt schnell fest, dass von seinen zehn Schülern Sparky der Begabteste ist, und Sparky ist begeistert von dem Abendkurs: »Das war genau das, was ich machen wollte!« Er lernt viel von Kleis.

Inzwischen tobt in Europa und Ostasien der Zweite Weltkrieg. Vier Tage nach dem Überraschungsangriff der Japaner auf Pearl Harbor auf Hawaii am 7. Dezember 1941 erklärt Hitler den USA den Krieg. Sparkys Mutter geht es immer schlechter, und im Sommer 1942 zieht die Familie um in die North Selling Avenue 170, gleich um die Ecke des Friseursalons, damit Carl ständig in der Nähe seiner Frau sein kann. Denas Schmerzen sind mittlerweile so stark, dass Spike nicht mehr wie gewohnt auf ihrer Bettdecke liegen darf. »Falls wir jemals einen anderen Hund haben sollten«, sagt sie eines Tages, »dann nennen wir ihn Snoopy.« »Snop« (ausgesprochen snubp) heißt im Norwegischen so viel wie »Süßigkeit« oder »Schleckerei«, »snopi« werden oft kleine Kinder genannt.

Wenige Tage nach seinem zwanzigsten Geburtstag bekommt Sparky seine Einberufung. Seine Mutter muss immer öfter ins Krankenhaus und bleibt schließlich dort. Ende Feburar 1943 wird Sparky eingezogen und zunächst in Fort Snelling in Minneapolis einquartiert. Am Wochenende darf er seine Mutter auf der anderen Seite des Mississippi besuchen. Sonntagabend verabschiedet er sich von ihr. »Wir werden uns wohl nicht wiedersehen«, sagt sie. Am folgenden Tag, am 1. März, stirbt Dena Schulz. Wenige Stunden nach ihrer Beerdigung sitzt Sparky inmitten einer Horde junger Männer, von denen er keinen kennt, im Truppentransport nach Camp Campbell in Kentucky, um nach Europa in den Krieg verschifft zu werden.

Ende einer Kindheit

In Camp Campbell wird Sparky zum MG-Schützen ausgebildet. Mit seiner Trauer und Verzweiflung über den Tod seiner über alles geliebten Mutter bleibt er allein. »Solange ich lebe, werde ich diesen Moment nie vergessen«, sagt Schulz später über den Abschied von Dena an ihrem Krankenbett. Ihr Tod und seine Verfrachtung ins Militärlager unmittelbar darauf wird zum unverarbeiteten Trauma, zeitlebens wird er mit niemandem darüber sprechen können. Er tut, was er schon immer getan hat, um sich vor der Realität zu schützen, er zeichnet. Am 9. Januar 1944 erscheinen sechs seiner Sketche vom Alltag im Ausbildungslager in der St. Paul Pioneer Press. Im Monat darauf wird er Unteroffizier, und am 5. Feburar 1945 geht er in Boston an Bord des Truppentransporters Brazil.

Der Konvoi überquert den Atlantik im Zickzack-Kurs, um nicht von deutschen U-Booten aufgespürt zu werden, die Überfahrt dauert fast zwei Wochen. Am 18. Feburar trifft er in Le Havre ein. Hitlers Atlantikwall ist schon so gut wie eingenommen, nur Ortschaften wie Dünkirchen, Lorient oder Saint-Nazaire sind nach wie vor umkämpft. Die frisch eingetroffenen Soldaten werden in einem Schloss östlich von Rouen einquartiert. Der Winter ist hart und kalt. »Ich will niemals wieder frieren und Hunger haben« wird der einzige Satz sein, mit dem Sparky später einem Freund seine Ankunft in Frankreich beschreibt.

Am 1. April rückt die 20. Division, der Sparky angehört, vor, über Belgien und die Niederlande nach Übach-Palenberg nördlich von Aachen und von dort aus durch das in Trümmern liegende Deutschland bis nach München. Sparky hat das große Glück, dass seine Division nur in kleinere Gefechte verwickelt wird; immerhin, sechsundvierzig seiner Kameraden überleben den Vormarsch nach Süden nicht. Einen Tag nachdem sie Dachau erreicht haben, macht die Nachricht von Hitlers Selbstmord die Runde, der Krieg geht zu Ende. Vom Konzentrationslager habe er »nicht sehr viel gesehen«, wird Sparky später sagen. Er bekommt den Combat Infantry Badge, und am 27. Juli geht er an Bord eines überfüllten Truppentransports in Richtung New York. Zunächst nur für dreißig Tage auf Urlaub, denn den Soldaten, die noch nicht lange im Einsatz waren, droht nun die Verlegung nach Japan.

Doch nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wird der Tenno schließlich die bedingungslose Kapitulation verkünden. Dann hat es Sparky überstanden. »Erst als ich aus dem Krieg zurückkam, hatte ich etwas Selbstbewusstsein entwickelt«, wird er 1987 in einem Gespräch mit Rick Marschall und Gary Groth sagen. »Denn zur Armee ging ich als ein Niemand, und zurück kam ich als Feldwebel, als Befehlshaber eines Maschinengewehr-Kommandos. Damals dachte ich: 'Mein Gott, wenn das nicht männlich ist, was dann?' Und ich fühlte mich gut in meiner Haut. Dieses Gefühl hielt acht Minuten vor, und dann sah ich mich wieder so wie noch heute.« Als Sparky wieder in St. Paul eintrifft – noch hat Japan nicht kapituliert –, betritt er in seiner Uniform den Friseursalon seines Vaters. Carl schneidet gerade einem Kunden die Haare. »Da bin ich wieder«, sagt Sparky. Carl sieht auf, doch er bleibt bei dem Mann stehen, der vor ihm auf dem Frisierstuhl sitzt, und schneidet weiter. »Niemand nahm mich in den Arm«, sagt Schulz später. »Es gab keine Party, nichts ... Das war’s.«

Und dennoch dauern die »acht Minuten« eine Weile an. »Im Bezug auf mein Selbstwertgefühl waren die ersten Monate, als ich wieder zu Hause war, wohl die besten meines Lebens«, beteuert Schulz. »Mein Selbstvertrauen hatte hier seinen Höhepunkt.« Und sofort flammen die Comic-Ambitionen wieder auf. »Soldat auf Besuch zu Hause – Hat Comic-Strip-Pläne« ist ein Artikel in der St. Paul Daily News im August 1945 überschrieben, den zwei von Sparkys Zeichnungen illustrieren. Im Januar 1946 wird er aus der Armee entlassen. Er ist gerade wieder daheim, als der altersschwache Spike, den Carl während Sparkys Abwesenheit überfüttert hat, eingeschläfert werden muss. Es ist, als hätte sein Hund nur abgewartet, dass Sparky zurück nach Hause kommt. Und er muss noch einen schweren Verlust hinnehmen. Als wenig später im Haus der elterlichen Wohnung in der North Selling Avenue im Erdgeschoss ein Feuer ausbricht, wird seine wohlgehütete Comic-Sammlung, die er im Keller eingelagert hat, Opfer des Löschwassers.

Der erfolgreichste Comic-Strip ist jetzt Blondie von Chick Young. Die 1930 begonnene Serie ist der erste Strip, der in über tausend Zeitungen weltweit erscheint und seinem Schöpfer ein sagenhaftes Jahreseinkommen von dreihunderttausend Dollar beschert. Sparky schickt seine Comics wieder an Verlage und die Zeitungssyndikate, doch wie schon vor dem Krieg erhält er nur Absagen. Er arbeitet unermüdlich, entwirft die unterschiedlichsten Themen und zeichnet sie in verschiedenen Stilrichtungen, und langsam beginnen sich ein einfacher Stil, rundgesichtige Figuren und Gags aus dem Alltag herauszukristallisieren.

Als er seine Comics Anfang 1946 bei der Catechetical Guild Educational Society in St. Paul vorlegt, die seit vier Jahren das katholische Monatsheft Topix (Untertitel: »Timeless, truthful, telling«) mit religiösen Comic-Geschichten herausgibt, gefällt dem Redakteur Roman Baltes Sparkys Lettering, und er bietet ihm an, für einen Dollar die Stunde die Texte in die Sprechblasen zu schreiben. Das ist zwar nicht das, wonach er sucht, aber als Baltes ihm anbietet, in der nächsten Ausgabe auch eine von ihm gezeichnete Seite zu veröffentlichen, sagt Sparky zu. »Es war mein Ziel, so viel wie möglich gedruckt zu kriegen«, so Schulz, »um zu zeigen, dass ich kein Amateur mehr bin, wenn ich mich bei den großen Syndikaten in New York bewerbe.«

Seit dem Tod seiner Mutter geht er regelmäßig in die Kirche und ist äußerst aktiv in der Gemeinde der Church of God. »Ich war sehr einsam nach dem Krieg. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man die ganze Woche über allein ist und keiner will einen. In der Kirche habe ich ein Zuhause gefunden ... Ich wurde lutherisch erzogen, aber mein Vater ging sonntags gerne angeln, also haben wir fast nie den Gottesdienst besucht, die Kirche hatte keinen großen Einfluss auf mich. Als ich anfing, in die Kirche zu gehen, geschah das aus einem Gefühl der Dankbarkeit heraus, dass ich den Krieg überlebt hatte. Ich kannte die Church of God – mein Vater und ich waren ein paarmal dort gewesen –, und eines Abends, es war ein Mittwoch, fühlte ich mich sehr einsam, und ich wusste, dass die Kirche ein neues Schild brauchte. Es war eine sehr arme Gemeinde, also stapfte ich einige Meilen durch den Schnee dorthin. Ich bot dem Pfarrer an, ihm ein neues Schild zu malen, wenn er wollte. Er war ein großartiger Mann, und ich habe dort viele Freunde gefunden. So hat das alles angefangen. Ich war sehr aktiv in der Kirchengruppe. Und hin und wieder wurde ich gefragt, ob ich am Sonntagabend ein paar Worte sagen möchte. Ich habe sogar an Straßenecken gepredigt, was ich nie hätte tun sollen. So etwas würde ich auf keinen Fall noch mal machen, denn ich glaube inzwischen, dass ich nicht in der Position bin, anderen etwas sagen zu können, also lasse ich es.«

Unter den Freunden, die er bei der Church of God findet, ist auch der Chefredakteur der Kirchenzeitung The Gospel Trumpet. Dessen Name weckt bei Sparky Erinnerungen an seinen alten Kumpel aus seiner Highschool-Zeit. Er heißt Charles E. Brown.

Sparky lettert auch die fremdsprachigen Topix-Ausgaben und schreibt Texte auf Französisch und Spanisch in die Sprechblasen, ohne sie zu verstehen. Immerhin hat er es auf diese Weise mit der Gattung zu tun, die er über alles liebt. Und in der April-Ausgabe erscheint eine zweite seiner aus vier Cartoons bestehenden Seite mit dem Titel Just Keep Laughing (wobei es allerdings bleiben wird). Ein weiterer Job ergibt sich bei der Zeichenschule, bei der Sparky vor dem Krieg seinen Fernkurs belegt hatte und wo er jetzt für ein Gehalt von zweiunddreißig Dollar die Woche die von den Kursteilnehmern eingesandten Arbeiten beurteilt und korrigiert. In dem fabrikhallenartigen Gebäude der Schule trifft er auch seinen ehemaligen Lehrer Frank Wing wieder. »Er war ein Perfektionist, wenn es darum ging, Dinge realistisch zu zeichnen, und ich habe viel von ihm gelernt. Er hat mir beigebracht, welche Bedeutung exaktes Zeichnen hat, und ich hatte das Gefühl, dass er in dieser Hinsicht nie ganz zufrieden mit mir war. Ich habe trotzdem viel von ihm gelernt. Nahezu alles, was ich heute zeichne, in welchem Stil auch immer, basiert auf dem Grundwissen, wie ein Gegenstand naturgetreu zu zeichnen wäre, egal ob es sich dabei um einen Schuh, eine Hundehütte oder eine Kinderhand handelt. Für eine gute Zeichnung muss man vor allem skizzieren können. Kann man eine Hand gut skizzieren, kann man auch einen guten Comic zeichnen.«

Kleine Leute

Ein Dutzend Zeichner ist für die Art Instruction School (wie sie inzwischen heißt) tätig, und Sparky fühlt sich wohl in ihrer Mitte. Mit einigen freundet er sich an, diskutiert und scherzt und unternimmt gemeinsame Aktivitäten in seiner wenigen jetzt noch verbleibenden Freizeit. Der Abteilung der Zeichner steht ein Mann vor, vier Jahre jünger als Sparky, der an der University of Minnesota Kunst studiert hat. Er ist der dritte Charles Brown, der in Sparkys Leben eine Rolle spielt. Und er lässt sich von allen Charlie nennen. Sparky hat im Kreis der Art Instruction School ein Zuhause gefunden, zum ersten Mal seit dem Tod seiner Mutter fühlt er sich geborgen. Nur in einer Beziehung zeigt er sich strikt ungesellig. »Alkohol existierte nicht in Sparkys Welt«, kommentierte Charlie Brown. »Das ist gegen seinen Glauben, pflegten wir immer zu sagen.«

Tagsüber arbeitet Sparky bei der Art Instruction School in Minnesota, und nachts lettert er am Esstisch der Wohnung, in der er mit seinem Vater wohnt, Texte in die Sprechblasen von Heiligen und Märtyrern. Ständig pendelt er mit der Straßenbahn zwischen den beiden Jobs hin und her. Roman Baltes erteilt Sparky 1947 auch den Auftrag, nach einem vorliegenden Szenario das achtundvierzigseitige Comic-Heft Is This Tomorrow? zu zeichnen, das schildert, wie kommunistische Horden Amerika verwüsten und als Höhepunkt der Handlung ein Standbild der Jungfrau Maria zerschlagen. Das Machwerk wird das einzige Heft bleiben, das Sparky jemals zeichnet. Es wird mehrfach nachgedruckt, erscheint auch in Frankreich, in der Türkei und in Australien und erreicht mit dem Beginn des Kalten Krieges allein in den USA eine Gesamtauflage von vier Millionen Exemplaren.

Sein erstes Gehalt investiert Sparky in ein Zeichenbrett. Er zeichnet weiterhin in jeder freien Minute, darunter auch eine Seite um ein paar Kinder nach dem Modell von Just Keep Laughing. »Ich muss zugeben, dass ich zu dieser Zeit kein großes Interesse hatte, kleine Kinder zu zeichnen. Ich habe sie gezeichnet, weil ich meinte, das verkauft sich.« Er zeigt die Seite einem Redakteur bei der Minneapolis Star Tribune, der sie am 8. Juni 1947 unter dem Titel Sparky’s Li’l Folks abdruckt. Eine weitere folgt in der nächsten Woche. Doch Sparky ist nicht zufrieden damit, nur im Bedarfsfall und wenn die Zeitung gerade Platz hat zu zeichnen, ein Lückenfüller zu sein. Schließlich legt er seine Idee bei den beiden Zeitungen in St. Paul vor, und am 22. Juni erscheint die dritte Folge auf der Frauenseite der Pioneer Press – jetzt betitelt mit »Li’l Folks by Sparky«. Bis zum 22. Januar 1950 wird jede Woche eine neue Seite mit drei oder vier Cartoons erscheinen, für die Sparky ein Honorar von zehn Dollar bekommt. Der Text steht jeweils unter den Zeichnungen, Sprechblasen kommen in der Serie ebenso wenig vor wie Erwachsene.

In den letztendlich hundertfünfunddreißig Li’l Folks-Folgen reift Sparkys Stil. Von Woche zu Woche unmerklich, doch vergleicht man die ersten mit den letzten Folgen, dann zeigt sich eine frappante Entwicklung. Zu Beginn noch um räumliche Wirkung bemüht, angedeutet durch Schatten oder Perspektiven, erzeugt Sparky durch die zunehmende Vereinfachung der Zeichnungen und eine Konzentration ganz auf die Konturen mehr und mehr eine zweidimensionale Schlichtheit; die Figuren bekennen sich zu dem, was sie von Anfang an sind: Papierwesen.

Und es wandelt sich ihre Anatomie. Die Körper schrumpfen, die Köpfe nehmen eine überdimensionierte Ballonform an, Sparky imitiert die Wirklichkeit nicht mehr, er karikiert sie und schafft damit seine eigene. Seine Gags entstammen immer weniger einer kindlichen Welt, als vielmehr einer erwachsenen, entsprechend verändert sich die Tonlage der Kommentare. Und obwohl jeder Cartoon für sich steht, kehren Figuren wieder und werden zu unmittelbaren Vorläufern des späteren Peanuts-Casts – auch ein Beagle inklusive Hundehütte ist dabei, und in einer Folge trägt ein Junge bereits ein Hemd mit dem markanten Zickzack-Streifen, den Charlie Brown später berühmt machen wird.

Was bewirkt diese Veränderung seiner grafischen Mittel? David Michaelis verweist in seiner Biografie Schulz and Peanuts auf Frieda Mae Rich, die 1948 Sparkys neue Kollegin in der Art Instruction School wird. Eine kleinwüchsige Frau aus Winnipeg, die in Minneapolis die School of Art besucht hat und mit ihren siebenundzwanzig Jahren nicht größer ist als einen Meter zwanzig. Sie ist charmant und lebensfroh, bei ihren Kollegen äußerst beliebt und lässt sich von ihrer Mikrosomie überhaupt nicht beeinträchtigen. Sie hat ihren Arbeitsplatz in der gleichen Schreibtischreihe wie Sparky, auf der anderen Seite des Gangs, die beiden freunden sich an. »Sie ist eine erwachsene Frau im Körper eines Kindes«, so Michaelis. Wenn sie vor Sparkys Schreibtisch steht und ihre Ellenbogen darauf stützt, bleibt ihr Rücken gerade, ganz wie bei den Peanuts-Figuren, wenn die ihre Ellenbogen auf eine flache Mauer legen, während sie miteinander reden. Und wie bei diesen berühren ihre Füße auch nicht den Boden, wenn sie auf einem Stuhl sitzt. »Es gibt viele Dinge, die Charlie Brown nicht tun kann«, wird Schulz später sagen. »Seine Arme und Beine sind zu kurz. Seine Arme reichen nicht bis über seinen Kopf.«

Diese Physiognomie entwickelt sich in Li’l Folks. Und als Sparky 1948 zu seinem Stil gefunden hat, da tritt plötzlich in der Folge vom 30. Mai ein Junge auf, beugt sich zu einem Beagle hinab, ergreift dessen Pfote und sagt: »Brown heiße ich ... Charlie Brown ... Immer schön, einen Kumpel zu finden!« Eine Begegnung, die Folgen haben wird. Ein Vierteljahr später, am 5. September, taucht ein anderer Junge auf, dieser hat blondes statt dunkles Haar. Er steht vor einem niedlichen kleinen Mädchen und streckt ihr die Hand entgegen: »Ich heiße Charlie Brown ... Ich kann die ganze Melodie der 'Fledermaus' pfeifen! ... Und was kannst du?« Das Mädchen ergreift seine Hand nicht, dazu ist es viel zu perplex. Das ist ein Abbild von Sparkys Schwierigkeit, Kontakte zu knüpfen, ungezwungen auf Menschen zuzugehen. In der Folge vom 29. Mai des nächsten Jahres schließlich trottet von links ein weiterer Knirps ins Bild. Der hat so gut wie keine Haare, sein Kopf ist kreisrund. Gleich wird er an zwei Jungs vorbeigehen, von denen der eine zu dem anderen sagt: »Der gute, alte Charlie Brown! Wie ich ihn hasse!!«

So werden nächstes Jahr die Peanuts beginnen. Der Strip ist noch nicht geboren, aber seine Welt ist bereits vorhanden.

Chicago, Cleveland, New York

Sparky hat jetzt endlich eine regelmäßige Serie, auch wenn sie nur einmal in der Woche erscheint anstatt täglich, wovon er noch immer träumt. Mit fünfzehn seiner gedruckten Arbeiten macht er sich im Spätsommer 1947 auf den Weg nach Chicago, um sich bei den großen dort ansässigen Zeitungsagenturen zu bewerben, beim Chicago Tribune-New York News Syndicate, das unter anderem Publikumslieblinge wie Gasoline Alley, The Gumps und Dick Tracy im Programm hat, dem Publisher’s Syndicate und dem Chicago Sun-Times Syndicate. »Ich bin am Nachmittag angekommen, habe im Hotel eingecheckt und mich am nächsten Morgen auf die Socken gemacht, um die Syndikate abzuklappern.« Er hat keine Termine vereinbart, weil er nicht weiß, dass man sich für eine Präsentation vorher anmelden muss. »Zu dieser Zeit war ich etwas geselliger geworden und hatte gelernt, wie man mit den Leuten redet ... Eigentlich hatte ich noch gar nicht genug Material zum Vorzeigen, und nur ein Redakteur war trotzdem freundlich zu mir. Einige der anderen Syndikatsangestellten waren sehr schroff, und die meisten haben mich nicht einmal empfangen.«

Unverrichteter Dinge fährt er zurück nach St. Paul. In seiner Mappe ist auch der Entwurf für eine geplante Serie mit dem Titel Judy Says um einen gleichnamigen Wildfang, der jedoch kein Wort über die Lippen bringt. Das Reden überlässt das Mädchen ihrem namenlosen Freund, dessen Sätze dann stets mit »Judy sagt ...« beginnen. In Judy Says lässt Sparky erstmals einen ihm wohl vertrauten Wesenszug in einen Comic einfließen, die eigene Sprachlosigkeit. Er hat den Krieg überstanden, erste regelmäßige Veröffentlichungen, an Selbstvertrauen gewonnen. Doch noch immer plagt er sich mit der inneren Barriere herum, die ihn hindert, ungezwungen mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, locker zu sein, entspannt.

Während er auf der Highschool Mädchen einfach ausgewichen ist, bemüht er sich seit seiner Zeit als Soldat um Beziehungen zu Frauen. Stets steuert er dabei zielstrebig das Thema Heirat an. Zum einen könnte er voreheliche Sexualität nicht mit seiner religiösen Ethik vereinbaren, zum anderen hat er das Gefühl, nun in einem Alter zu sein, in dem es der gesellschaftlichen Norm entspricht, langsam eine Familie zu gründen. Eine der Frauen, zu denen zeitweise eine engere Beziehung entsteht, ist eine Kollegin an der Art Instruction School. Sie ist hübsch, zudem eine hervorragende Zeichnerin, und sie heißt Judy. Judy Halverson – wie seine Mutter mit ihrem Geburtsnamen. Der Riss zwischen Judy und Sparky entsteht, als er ihr, viel zu voreilig, einen Heiratsantrag macht und zurückgewiesen wird. Judy Says ist auch Sparkys Entdeckung, dass er seine eigenen Enttäuschungen am Zeichenbrett in Humor verwandeln kann.

Immer wieder schickt Sparky seine Zeichnungen an verschiedene Zeitungen, in der Hoffnung, dass es einmal doch klappen muss. Eine, die einen kleinen Jungen mit einem Ballonkopf am Ende einer langen Chaiselongue zeigt, die Füße auf einem Hocker und in ein Buch vertieft, schickt er an die Saturday Evening Post, ein renommiertes Wochenmagazin, dessen Titelbilder Norman Rockwell gestaltet und in dem auch Autoren wie F. Scott Fitzgerald oder John Steinbeck veröffentlichen. Neben dem New Yorker und Collier’s ist die Post Sparkys erste Wunschadresse, deshalb gibt er es trotz wiederholter Absagen nicht auf.

Einige Tage später erhält er eine Mitteilung: »Check Tuesday for spot drawing of boy on lounge.« »Ich habe den Brief erst einmal weggelegt«, so Schulz später. »An dem Abend sind mein Vater und ich wie gewöhnlich essen gegangen, und während wir uns unterhielten, dämmerte es mir plötzlich: 'Ich habe heute einen Brief von der Post bekommen. Junge, jetzt verstehe ich das erst. Sie schicken mir am Dienstag einen Scheck. Ich dachte, das bedeutet, Checken Sie am Dienstag die Post, weil sie mir die Zeichnung zurückschicken.' Und tatsächlich bekam ich an diesem Dienstag einen Scheck über vierzig Dollar, das war mein erster verkaufter Cartoon, der erste größere.« Die Zeichnung erscheint am 29. Mai 1948. Ein Anfang.

Während der beiden folgenden Jahre wird die Post sechzehn weitere Cartoons von Sparky abdrucken, und schießlich hat er so viel Selbstvertrauen gewonnen, dass er es wagt, aus der kleinen Welt von St. Paul auszubrechen. Die Zusammenarbeit mit der Pioneer Press beendet er im Januar, weil er die Zeitung weder überreden kann, Li’l Folks künftig täglich statt nur einmal die Woche zu bringen, noch sein Honorar von zehn Dollar pro Seite aufzustocken. »Im Frühjahr 1950 nahm ich die besten Gags, zeichnete sie neu und schickte sie an das United Feature Syndicate«, erinnert sich Schulz später. »Sie gefielen ihnen immerhin so gut, dass sie mich baten, nach New York zu kommen.«

Tatsächlich allerdings hat Sparky Li’l Folks zunächst an zwei andere Syndikate geschickt. Von King Features in New York bekommt er eine Absage, aber die Newspaper Enterprise Association (NEA), die auch seinen Favoriten Wash Tubbs von Roy Crane vertreibt, lädt ihn zu einem Gespräch ein und bezahlt ihm einen Flug nach Cleveland, Ohio. Zum ersten Mal sitzt Sparky in einem Flugzeug. Mit NEA-Präsident Ernest Lynn ist er sich schnell einig, unterschreibt einen Vertrag und liefert bald darauf Cartoons für die ersten sechs Wochen ab. Doch dann macht NEA einen Rückzieher, wahrscheinlich, weil es Bedenken seitens der Vertreter des Syndikats gab. Lynn annulliert den Vertrag und zahlt Schulz ein Ausfallhonorar von hundert Dollar. »Ich war so dicht dran«, seufzt Sparky und macht sich fortan eine Maxime zu eigen: »Ich bin sicher, dass ich vielleicht etwas verkauft habe.«

An United Feature, das unter anderem Al Capps Li’l Abner und Gus Arriolas wunderbaren Gordo vertreibt, schickt Sparky einen anderen Entwurf, zwei übereinander montierte Cartoons, auf denen ebenfalls ein paar rundgesichtige Kids ihren Schabernack treiben. »Ich hielt das für eine clevere Idee«, so Schulz. »Das Syndikat bekommt zwei Cartoons zum Preis von einem. Ich wollte unbedingt ins Geschäft kommen und dachte mir, dazu müsste ich einen neuen Weg probieren.« Etliche Wochen verstreichen, dann trifft in Carls Friseursalon endlich ein Brief ein. Jim Freeman, Chefredakteur bei United Feature, bittet Sparky, nach New York zu kommen. Als er am 11. Juni 1950 in den Zug steigt, ahnt niemand, dass sich das Land in wenigen Tagen schon wieder im Krieg befinden wird. In New York regnet es.

Anstatt der »cleveren Idee« sieht United Feature allerdings bessere Chancen in einem Comic-Strip mit vier stets gleich großen Panels, die die Zeitungen horizontal, vertikal oder in zwei Bildzeilen übereinander abdrucken können, je nachdem, wie der gerade zur Verfügung stehende Platz beschaffen ist. Auch das ist eine neue Idee. Noch in seinem New Yorker Hotelzimmer macht sich Sparky an die ersten Strips und unterschreibt zwei Tage später einen Fünfjahres-Vertrag. »Jetzt bin ich endlich Comic-Zeichner!«, frohlockt er, als er wenig später wieder unten auf der 42. Straße Ecke East steht, und kann es selbst kaum fassen. Dann steigt er in den Zug und fährt zurück nach Minnesota.

Wieder in der Art Instruction School, geht Sparky zu Charlie Brown und erzählt ihm, dass er eine neue Idee habe. »Allerdings brauche ich dafür deinen Namen.« Okay, sagt Charlie Brown, aber er wolle vorher wissen, wofür. Sparky zieht den Strip aus seiner Mappe, auf dem im ersten Bild ein ballonköpfiger Knirps von links ins Bild trottet und dann ohne ein Wort an Shermy und Patty vorbei. Er ist nicht wie sonst signiert, unten rechts im letzten Bild steht »Schulz«.

Sparky wird demnächst 28, und er spielt von nun an in einer anderen Liga.

(erstes Kapitel aus Andreas C. Knigge: Charles M. Schulz. Das große Peanuts-Buch,
Carlsen Verlag, Hamburg 2010)

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