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HAPPY BIRTHDAY, DONALD
75 Jahre – und kein bisschen leise!

Von Andreas C. Knigge

Als Donald vor nunmehr einem drei viertel Jahrhundert zum ersten Mal von den US-amerikanischen Kinoleinwänden quakte – mit der kongenialen Stimme des legendären Clarence Nash –, konnte noch niemand ahnen, dass sich der Erpel, der an diesem 9. Juli 1934 das Licht der Welt erblickte, schon bald anschicken sollte, die berühmteste Ente der Welt zu werden. Die Rede ist von dem kurzen Zeichentrickfilm The Wise Little Hen aus Walt Disneys schon seit einigen Jahren in den Vorprogrammen laufender Trickfilmreihe Silly Symphonies. Neben einer Henne, die ängstlich über ihre Küken wacht, und dem verfressenen Eber Peter Pig zählte zum Personal des achtminütigen Streifens noch ein Erpel, der in einem blauen Matrosenanzug steckte – und auf den Namen Donald Duck hörte. Donalds Wiege war also die Leinwand. Doch sein erster Auftritt auch im Comic ließ nicht lange auf sich warten, da Disney die Silly Symphonies regelmäßig für die Comic-Seiten der Tageszeitungen umarbeiten ließ, um für seine Filme zu werben. Und so hatte Donald in der Zeitungsversion von The Wise Little Hen auch sein Comic-Debüt bereits am 16. September des gleichen Jahres.

Große Pläne hatte Disney mit der Ente jedoch nicht. Sein Star, auf dem der Erfolg seines Trickfilmstudios beruhte, war die Micky Maus und sollte es auch zeitlebens bleiben. „Ich hoffe, dass wir eines nie vergessen“, lautete sein Credo, „dass alles mit einer Maus begann“. Und somit ist die glückliche Fügung, dass Donald in Disneys Zeichenuniversum nicht lange nur eine Nebenfigur blieb, vor allem einer Reihe herausragender Künstler zu verdanken, die dem Erpel Leben einhauchten. Das Kinopublikum schloss Donald auch deshalb sofort ins Herz, da dessen urkomische Animation von Art Babbitt stammte, einem der kreativsten Talente der Disney-Studios. Und die Comic-Version von The Wise Little Hen hatte der damals 29jährige Al Taliaferro in Szene gesetzt. Der prägte während der nächsten Monate nicht nur Donalds äußere Gestalt – anfangs hatte er noch keine Finger, sondern seine „Hände“ bestanden aus Federn, und auch sonst wirkte er noch recht ungelenk –, sondern sollte 1938 auch dessen Neffen Tick, Trick und Track erfinden.

Obwohl der Sommer 1934 somit unstrittig ist als Donalds Geburtsstunde, haben Disney-Experten Spuren ausgemacht, die sich in der Rückschau als Vorboten des großen Ereignisses lesen lassen. So heißt es etwa an einer Stelle des bereits 1931 erschienenen Kinderbuches The Adventures of Mickey Mouse, Micky habe „viele Freunde, Henry Horse, Carolyn Cow, Patricia Pig und Donald Duck“. Im Jahr darauf dann war in einem Mickey Mouse Annual sogar erstmals eine gezeichnete Ente aufgetaucht, auch wenn die noch keine große Ähnlichkeit mit dem späteren Donald aufweist. Letzteren stellte Disney noch 1934 in dem Film Orphan’s Benefit seiner Micky Maus zur Seite, um ein Problem zu lösen, das ihn schon eine Weile beschäftigte: „Micky muss immer nett und liebenswert sein. Was kann man mit einem solchen Darsteller anstellen?“ Donald sollte mit seinem ungezügelten Temperament und seinen cholerischen Wutausbrüchen Abhilfe schaffen und für Witz, Klamauk und Verwicklungen sorgen – und gerade das machte ihn im Nu zum Publikumsliebling.

Beinahe wäre Donalds Platz der an der Seite von Micky Maus geblieben. Doch Al Taliaferro erkannte die enormen Möglichkeiten, die in der Figur schlummerten, und rückte Donald in seinen Silly Symphony-Strips immer mehr in den Vordergrund. Schließlich erhielten seine Comic-Seiten im Titel sogar den ständigen Zusatz „... featuring Donald Duck“. „1938 war Donald so populär, dass ich meinte, die Zeit sei reif für einen eigenen Zeitungsstrip“, erinnerte sich Taliaferro später. Disney jedoch war skeptisch. Taliaferro ließ sich nicht entmutigen und tat sich mit dem Autor Bob Karp zusammen. Gemeinsam entwickelten sie einen Tagesstrip mit Donald als alleiniger Hauptfigur und legten ihn King Features vor. Das Syndikat, das schon den Mickey Mouse-Strip unter Vertrag hatte und an die Tageszeitungen verkaufte, griff sofort zu. Die erste Folge erschien am 7. Februar 1938, und am 10. Dezember 1939 folgte zudem eine farbige Sonntagsseite. Damit war Donalds Siegeszug als eigenständige Comic-Figur nicht mehr aufzuhalten.

Inzwischen hatte Walt Disney neben den Filmen und Zeitungsstrips ein neues Geschäftsfeld entdeckt – die gerade aufkommenden Comic-Hefte. Schon 1933 hatte er eine erste Lizenz für ein Mickey Mouse Magazine erteilt, auf dessen Seiten sich natürlich bald auch Donald tummelte. Und das zahlreiche Nachahmer auch in Europa fand: In Frankreich erschien in der Folge Le Journal de Mickey, in Italien Topolino, in Spanien Mickey, in England ein Mickey Mouse Weekly, in Polen die Gazetka Miki, und auch in der Schweiz versuchte sich der Bollmann Verlag ab 1936 kurzzeitig mit einer deutschsprachigen Micky Maus Zeitung (in der Donald Schnatterich hieß).

Schließlich startete in den USA der Verlag Dell Ende 1940 das Heft Walt Disney’s Comics and Stories, in dem die Strips aus den Zeitungen nachgedruckt wurden. Doch als nach dreißig Ausgaben das Material zur Neige ging, beschloss man, eigene, neue Storys zu produzieren. Davon erfuhr Carl Barks, der schon etliche Jahre an Disneys Trickfilmen mitgearbeitet hatte, zuerst als Zwischenphasenzeichner und dann im Story Department, der Ideenschmiede des Studios. Zusammen mit seinem Kollegen Jack Hannah hatte er sich während dieser Zeit auch an einer Comic-Story mit dem Titel Donald Duck Finds Pirate Gold nach einer nicht realisierten Filmidee versucht, die Dell 1942 veröffentlicht hatte. Barks bewarb sich, bekam den Job und lieferte ab der Ausgabe 31, die im April 1943 an die Kioske kam, regelmäßig neue Storys.

Im gleichen Jahr wurde der Film-Donald mit einem Oscar geehrt, und zwar für einen seiner ganz seltenen Auftritte mit politischem Hintergrund. In Der Fuehrer’s Face (1942) träumt Donald davon, in einer Munitionsfabrik Hitler-Deutschlands schuften zu müssen, und schmettert dem „Führer“ am Ende eine Tomate ins Gesicht. Allerdings verdankt Donald seinen bis heute strahlenden Ruhm nicht diesem Ereignis, sondern vielmehr dem einzigartigen Talent von Carl Barks, der schnell eine Wesensverwandtschaft mit dem launigen Erpel entdeckte: „Donald habe ich immer am liebsten gezeichnet, denn mit ihm ließ sich eine Menge anstellen. Jeder Mensch unterliegt Stimmungsschwankungen, auch ich bin an einem Tag euphorisch, am anderen eher depressiv gestimmt. Und Donald ging es ebenso, ihn konnte ich fühlen, er war ein Stück von mir selbst und verhielt sich oft so, wie auch ich es tue.“

Barks löste sich bald von der Dramaturgie des Trickfilms, die seinen ersten Geschichten noch anhaftet, und verlieh seinem Helden, der zuvor vor allem als Slapstick-Figur angelegt war, einen äußerst differenzierten Charakter. „Ich habe aus dem zänkischen kleinen Kerl eine sympathische Persönlichkeit gemacht“, so Barks. Ergab sich anfangs die Komik der Storys oft aus dem Generationskonflikt zwischen Donald und seinen Neffen Tick, Trick und Track, wucherte sein Entenhausen mit der Zeit zu einem komplexen Phantasiekosmos aus, den er mit immer neuen Figuren bevölkerte. Im Dezember 1947 tauchte zum ersten Mal Onkel Dagobert auf, zu dem Barks durch den knauserigen Ebenezer Scrooge in Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte angeregt worden war. Er gehörte bald zum festen Ensemble und errichtete im März 1951 den ersten Geldspeicher in Entenhausen. Im gleichen Jahr traten die Panzerknacker auf den Plan. 1948 schon war der ewige Glückspilz Gustav Gans hinzugekommen, der versponnene Erfinder Daniel Düsentrieb folgte 1952.

Walt Disney’s Comics and Stories wurde zum beliebtesten Comic-Heft seiner Zeit und verkaufte Anfang der Fünfzigerjahre bis zu über drei Millionen Exemplare pro Ausgabe. Barks jedoch, dessen genialen Storys dieser enorme Erfolg in erster Linie zu verdanken ist, kannte niemand. Wenigstens nicht namentlich, denn dass es unter den Zeichnern, die für Walt Disney’s Comics and Stories arbeiteten, einen „good duck artist“ gab, war vielen Lesern durchaus aufgefallen. Aber der Verlag nannte keine Namen in seinem Heft, damals sollte alles so aussehen, als stamme es von Walt Disney selbst. Im Herbst 1957 kam Malcolm Willits, ein Fan in Minneapolis, auf die Idee, sich direkt an die Disney-Studios in Burbank zu wenden. Mitte November bekam er Antwort: „Der Zeichner, der die Donald Duck-Titelgeschichten in unseren Heften zeichnet, ist kein Angestellter des Studios, sondern des Verlages, der die Hefte für uns produziert. Trotzdem freuen wir uns, Ihnen weiterhelfen zu können ...“ Es folgten der Name Carl Barks und eine Adresse in Hemet in Kalifornien. Als Willits kurz darauf an Barks schrieb, hielt der den Brief zunächst für den Scherz eines Kollegen – er hatte nicht die geringste Ahnung von seiner Popularität: „Ich habe mir nie große Gedanken gemacht, wer meine Leser sind. Ich habe einfach immer nur die Geschichten gezeichnet, die ich selbst gerne gelesen hätte.“

Heute gilt Barks als einer der besten Comic-Zeichner – und Autoren natürlich! – aller Zeiten, sein weit über sechstausend Seiten umfassendes Gesamtwerk wurde mehrfach nachgedruckt, zuletzt in dreißig dicken Prachtbänden in Leinen und mit Goldprägung. Kein Wunder also, dass Fans vom Ende einer Ära sprachen, als Barks 1966 im Alter von 65 Jahren den Zeichenstift zur Seite legte. Taliaferro, der weiterhin die Zeitungsstrips gezeichnet hatte, war schon im Jahr zuvor in den Ruhestand getreten.

Der vorliegende Band allerdings zeigt, dass es um Donald keineswegs leise geworden ist seitdem und eine neue Zeichnergeneration bravourös in Barks’ Fußstapfen getreten ist. Neben klassischen Glanzstücken von Barks, Taliaferro und Jack Bradbury finden sich hier jedoch nicht nur auch Beispiele aus der Feder jüngerer US-amerikanischer Zeichner wie William van Horn und Don Rosa. Denn längst ist Donald – wir haben es schon immer gewusst durch seine zahlreichen Ausflüge bis in die entlegensten Winkel unseres Globus – zum Weltbürger geworden, und seine Erlebnisse werden heute vor allem auch von Comic-Künstlern aus Südamerika und Europa aufgezeichnet. Somit gratulieren in diesem Geburtstagsalbum auch der aus Argentinien stammende Daniel Branca und aus Chile Vicar (mit bürgerlichem Namen Victor José Arriagada Rios) sowie Daan Jippes und Mau Heymans aus den Niederlanden, Marco Rota aus Italien und aus Finnland Kari Korhonen.

Die Filmindustrie hat sich kürzlich ebenfalls vor der berühmtesten Ente der Welt verneigt. Zu seinem siebzigsten Geburtstag vor fünf Jahren wurde Donald mit einem Stern auf Hollywoods Walk of Fame geehrt.

(aus: 75 Jahre Donald Duck, Superstar, Ehapa Comic Collection, Köln 2009)

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