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FAUSER, JÖRG

Geb. 16.7.1944 in Bad Schwalbach/Taunus (Deutschland). Ab 1960 journalistische Arbeiten; 1965 Studium der Ethnologie und Anglistik in Frankfurt, 1966 abgebrochen, Zivildienst; lebte in London und Istanbul, anschließend in Göttingen, Frankfurt, Berlin und München; ab 1971 Mitherausgeber der Underground-Zeitschriften Zero, Ufo und Gasolin 23, Gedichte, Erzählungen, Essays, Reportagen, Kolumnen, Hörspiele und Übersetzungen, ab 1980 Songtexte für Achim Reichel sowie die Romane Der Schneemann, 1981 (verfilmt 1984), Rohstoff, 1984, Das Schlangenmaul, 1985, Die Tournee (Fragment, 2007); starb unter ungeklärten Umständen am 17.7.1987, als ihn in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag auf der Autobahn A 94 bei München ein Lkw erfasste.

Rohstoff

(dtsch.) – In dem 1984 erschienenen Roman Rohstoff hat Jörg Fauser wie bereits schon in seinen frühen Erzählungen die Sucht zum literarischen Stoff gemacht. Er erzählt autobiografisch in einer direkten Sprache ohne jede artifizielle Distanz oder Verklärung von der eigenen Drogenabhängigkeit sowie den ersten Schreibversuchen bis zum Erscheinen seiner ersten Erzählung bei einem kleinen Verlag der Alternativszene. Nach abgebrochenem Studium war Fauser während seines Zivildiensts als Krankenpfleger in einer Krebsklinik in Heidelberg mit Morphium in Kontakt gekommen und bald dem Heroin verfallen. Er setzte er sich nach Istanbul ab, wo er 1967/68 im Stadtteil Tophane lebte, noch bevor der wenig später zum Anziehungspunkt für drogensüchtige Hippies und Junkies aus aller Welt wurde. Sein Leben stets auf der Suche nach dem nächsten Schuss geriet zum Horrortrip, er verbrachte einige Zeit in türkischen Gefängnissen und wurde ausgewiesen. Noch in Istanbul hatte er mit der Arbeit an seinem ersten Prosatext begonnen, doch die Aufzeichnungen gingen verloren. Zurück in Deutschland begann er noch einmal von vorn. Unter der Bezeichnung »Roman« erschien Tophane schließlich 1972, für Fauser eher ein »einziges langes Gedicht, ein Prosagedicht«, vor allem aber der »Versuch, eine Sprache zu finden, mit der sich die Stoffwechselkrankheit Sucht beschreiben lässt«. Fauser dokumentiert hier seine Erlebnisse in den Slums von Istanbul im Cut-up-Stil der Beatgeneration als Montage zerhackter Texte, in denen die Realität zu einer losen Folge scheinbar wirrer Sinneserfahrungen wird. Zur gleichen Zeit therapierte er sich mit Apomorphin, um von den harten Drogen loszukommen. Für seinen Weggefährten Jürgen Ploog war es jedoch vor allem »das Schreiben«, mit dem Fauser »die Drogensucht nicht nur im physischen Sinne überwunden hat«.

Rohstoff beginnt in Istanbul im Frühjahr 1968, als es so aussah, »als ob sich etwas zusammenbraute in Paris, Berlin, Prag [...] Der Ami bezog Prügel in Vietnam. Wer weiß, was die Türken davon hielten.« Es erzählt Fausers Alter Ego Harry Gelb, vom Elend der Sucht (»Einer goss Sprit auf den Steinfußboden und zündete ihn an, und solange die Flammen etwas Wärme verbreiteten, versuchte der andere, eine Vene zu finden.«) und von den ersten Entwürfen zu Tophane. »Ehrlich schreiben konnte man doch nur über das, was man selbst aus erster Hand erfahren oder erlebt hatte, die Technik kam dann schon, wenn man es nur ernsthaft genug mit dem Schreiben versuchte«, sagt sich Gelb und meint, als sein Kumpel Ede, der es mit Malen probiert, seine Sätze zu lang findet: »Das liegt an der Technik. Hier handelt es sich um einen Bewusstseinsstrom à la Joyce. Schon mal Ulysses gelesen?« Doch Ede hat eine andere Theorie: »Ich glaub, das liegt eher am Desoxyn. Du weißt doch, wie Speed funktioniert – du fängst einen Satz an, dann kommst Du vom Hundertsten ins Tausendste.«

Als im Sommer plötzlich »Horden von Hippies« in Istanbul einfallen und »die intime Atmosphäre, die bisher geherrscht hatte, in ein angeblich libertäres Tohuwabohu verwandelten«, wird Gelb bei einer Razzia verhaftet, ausgewiesen und landet schließlich in einer Berliner Studentenkommune, deren politisches Niveau »sich nicht über dem eines vage linken Stammtischs« bewegt, zwischen Gruppensex-Diskussionen, LSD-Trips und Wilhelm-Reich-Raubdrucken. Gelb beginnt zwischen Berlin und Istanbul zu dealen und überlegt, das Schreiben aufzugeben. »Es schien mir nicht nur unwichtig, sondern auch wie ein besonders anmaßender Versuch, zwischen mir und den Dingen, so wie sie mir alltäglich in die Augen starrten, eine Zwischenzone zu errichten, einen Schwarzmarkt von Gefühlen, Werten, Verlangen.« Dann aber zieht er nach Göttingen zu der Medizinstudentin Sarah und einen Schlusstrich unter seine bisherigen Kladden, kauft statt dessen eine Olympia-Reiseschreibmaschine: »Jetzt gab es nur noch weiße Blätter und den harten Anschlag der Tasten.« Gelb nennt seinen geplanten Roman Stamboul Blues und weiß, dass er bei dem bleiben will, »was du gesehen hast«. Er hat eine neue Literatur vor Augen. »1945 wäre es dafür auch Zeit gewesen, aber was hatten wir in Deutschland (West) dafür bekommen? Die Gruppe 47. Mit dem, was diese Leute schrieben, hatte ich herzlich wenig am Hut.«

Im Herbst hat er 117 Seiten beisammen (»Ich fand, dass das reichte. Wer diese 117 Seiten las, musste schließlich wissen, woran er mit mir war.«), doch es findet sich kein Verlag. Sarah trennt sich von ihm, er schlägt sich mit Aushilfsjobs durch, pendelt zwischen Deutschland und Istanbul, beginnt für Zeitungen zu schreiben, besucht für das Magazin twen William S. Burroughs in London und wird in Frankfurt Mitherausgeber der Underground-Zeitschrift Zero, die nach zwei Ausgaben eingeht. Entlang der Stationen von Fausers Biografie taumelt Harry Gelb durch die mit ironischer Distanz geschilderten bundesrepublikanischen Zustände der Nach-APO-Zeit zwischen Demos und Drogen, RAF und Kommune I, Hausbesetzungen und »Marx-Exegesen«, deren Beschreibung auch ein lakonisches Sittenbild alternativer Kleinverlegerei innerhalb der linken Szene zeichnet. »Ich hatte sie alle satt«, stellt Gelb bald fest, »die Nietenjacken wie die Rollkragenpullover, das Gesabber der einen wie die Standpunkte der anderen, Sodom und Gomorrha oder Marxismus-Leninismus, Jacke wie Hose.«

Mit Hilfe des von Burroughs empfohlenen Apomorphins sagt er sich von den Drogen los und entdeckt die Kneipen, »wo man tagsüber im Halbdämmer zwischen den alten Bierwimpeln und den Fußballplakaten mit den Rentnern und Hausfrauen und Gelegenheitsarbeitern und Nuttchen und Krüppeln in diesem köstlichen Dunst aus Bier und Korn und Pisse und Rindswurst und Senf und Rauch hockte [...] das Asyl, das manche Leute mitten in der Heimat brauchten, der Freihafen, wo sie mit ihren Träumen handeln konnten, ein Zuhause, für das sie keinen Bausparvertrag brauchten und keinen Mietvertrag, keinen Abstand und keine Möbelgarnitur, keine Bettwäsche und keine Butzimaus, sondern nur ihren unendlichen Durst und das Gefühl, dass ihr Nachbar, wer immer er sein und wie er auch aussehn mochte, wenn er nur genügend Durst mitbrachte, einen Abend lang auch ihr Freund sein konnte.« Schließlich erscheint Stamboul Blues bei einem Kleinverlag »irgendwo im Bayerischen« in einer Auflage von fünfhundert Exemplaren, »das Typoskript wimmelte von Fehlern«. »Vielleicht sollte ich mal wieder Gedichte schreiben«, denkt sich Gelb, als er in seinem Buch blättert, »kurze, klare Aussagen, präzis auf den Punkt gebracht, wie ein Schluck Wodka, wie eine Ohrfeige.« Am Schluss trifft er seinen alten Kumpel Fritz, der gerade mit dem Trinken aufgehört hat. »Mit dem Schreiben ist das anders«, sagt Fausers Alter Ego. »Das kannst du nicht aufgeben wie den Alkohol oder die Spritze. Das Schreiben kann höchstens dich aufgeben. Und bei mir hat es noch gar nicht richtig angefangen.«

Wie kein anderer der deutschen Nachkriegsliteratur hat Fauser das Leben als Rohstoff aufgegriffen und schildert mit intimer Milieukenntnis ungeschönt und beklemmend gescheiterte kleinbürgerliche Randexistenzen, schrullige Loser entlang finsterer Abgründe. Seine Sprache ist hart und knapp, präzise und witzig, ihr Duktus findet Vorbilder in der amerikanischen ‚hardboiled fiction’ von Raymond Chandler oder Ross Thomas, die »von den deutschen Feuilletons so gut wie gar nicht wahrgenommen wurden, eine Auszeichnung, die sie mit vielen Schriftstellern teilten, die mir etwas bedeuteten«; der Krimi ist für Fauser das einzige Genre, um die sozialen Zustände noch überzeugend zu beschreiben (das Resultat waren die Kriminalromane Der Schneemann und Das Schlangenmaul). Fauser ist oft als »Underground-Poet« tituliert und mit Charles Bukowski verglichen worden, den er 1976 und 1977 traf, doch seine Erzählungen und Romane sind keine »Szene-Literatur«; sie halten Wirklichkeit fest, sind authentische Beschreibungen der Tristesse einer ausgeblendeten Realität, ein Gesellschaftsporträt von unten. »Eine Schreibmaschine war eine Waffe«, bemerkt Harry Gelb in Rohstoff. Fauser gab wenige Monate vor seinem Tod in einer »Selbstauskunft« an, er sei »kein netter Mensch sondern Schriftsteller, einer der Dunkelmänner also, die für die älteste Agentur der Welt arbeiten – die Agentur für Sprache und Zweifel.«

Literatur: M. Penzel/A. Waibel: Rebell im Cola-Hinterland – Jörg Fauser, 2004.

(aus: Kindlers Literatur Lexikon, Metzler 2009)

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