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TRAVEN, B.

wahrscheinl. Ret Marut; deutschsprach. Schriftsteller
*1882 San Francisco (?)/1890 Chicago (?)  †26.3.1969 Mexico City
Werkartikel: Das Totenschiff, 1926

Über kaum einen anderen Schriftsteller wurde mehr gerätselt und gemutmaßt als über B. Traven. Hinter dem Autor von 13 Romanen, etliche davon Weltbestseller, zahlreichen Erzählungen und Reiseberichten vermutete man zeitweilig auch Jack London, einen dt. Verlagslektor oder gar ein Kollektiv linker Drehbuchautoren in Hollywood. Heute gilt als gesichert, dass sich hinter dem Pseudonym der dt. Sozialist Ret Marut verbarg. Traven betrieb die Verschleierung seiner Identität systematisch und benutzte nicht weniger als 27 Namen: Als Hal Croves etwa gab er sich aus, als John Huston 1946 Der Schatz der Sierra Madre verfilmte, seinen mexikan. Pass ließ er 1951 auf Traven Torsvan ausstellen.

Traven trat 1924 in Mexiko auf, von wo aus er dem sozialdemokratischen Vorwärts den Roman Die Baumwollpflücker anbot, der 1925 in 22 Fortsetzungen erschien. Bei der Büchergilde Gutenberg folgten u.a. Das Totenschiff (1926), Der Schatz der Sierra Madre (1927), Die Brücke im Dschungel (1929), Die weiße Rose (1929) und ab 1931 der sechs Romane umfassende „Caoba-Zyklus“ über das Schicksal und die Ausbeutung indianischer Lohnarbeiter in Mexiko.

Biografie: W. Wyatt: B. Traven, 1980 (dt. 1982); K.S. Guthke: B. Traven, 1987

Das Totenschiff

Das Totenschiff (1926) ist das erste Werk Travens, das in Buchform erschien. Mit den Mitteln des Abenteuerromans wird die Odyssee eines Seemanns ohne Papiere geschildert, der schließlich keinen anderen Ausweg sieht, als auf einem Schiff anzuheuern, dessen Mannschaft aus „lebenden Toten“ besteht. Ich-Erzähler ist der bereits aus Die Baumwollpflücker bekannte Amerikaner Gerard Gale, der später in Die Brücke im Dschungel und der Erzählung Nachtbesuch im Busch wiederkehrt.

Entstehung: Schon bei Die Baumwollpflücker hatte Traven betont, in Mexiko als „Ölmann, als Farmarbeiter, Tomaten- u. Apfelsinenpflücker, Urwaldroder, Maultiertreiber, Jäger“ gearbeitet zu haben. (Da er sich zu dieser Zeit erst seit gut einem halben Jahr in seiner neuen Heimat befand, wurde spekuliert, er könne die Erlebnisse eines amerikan. Wanderarbeiters verarbeitet haben; für die Existenz dieser zweiten Person fand sich aber nie eine Spur.) Die Form der Ich-Erzählung und seine Behauptung, nur aus dem eigenen Erleben heraus zu schreiben, legen nahe, das Werk als Schlüsselroman im Hinblick auf Travens Identität als Ret Marut zu lesen.

Die Vehemenz jedenfalls, mit der Traven in Das Totenschiff, schon 1923/24 in engl. Sprache in London begonnen, Gales Bemühungen beschreibt, an Papiere zu kommen, macht es sehr wahrscheinlich, dass er hier Erlebnisse seiner Flucht nach Mexiko verarbeitet hat: „So gab ich meinen guten Namen auf“, konstatiert Gale, als er an Bord der „Yorikke“ geht, „ich hatte keinen Namen mehr.“ Auch die von K.S. Guthke aufgestellte Hypothese, Traven selbst könne seine eigene Herkunft unbekannt gewesen sein, mag sich in der „lebensgeschichtlichen Verbindung zwischen Maruts Abschied von Europa und Travens Ankunft in Übersee“ niedergeschlagen haben.

Inhalt: Nach einer Liebesnacht verpasst der Matrose Gale in Antwerpen die Abfahrt seines Schiffes und steht nun ohne Geld und Papiere da. Ohne Identitätsbeweis will ihm der amerikan. Konsul in Paris keinen neuen Pass ausfertigen und stellt sogar Gales Geburt in Abrede. Er ist zum Opfer einer Bürokratie geworden, der Papiere wichtiger sind als der Mensch: „Jeder konnte mit mir machen, was er wollte.“ Gale wird abgeschoben und gerät nach einer Odyssee durch halb Europa schließlich nach Cadiz, wo er als „Kohlenschlepp“ auf der schrottreifen „Yorikke“ anheuert, die Schmugglerware transportiert.

Doch der Grund der Hölle ist noch lange nicht erreicht. Zusammen mit seinem polnischen Kameraden Stanislaw Koslowski, ebenfalls ein Entwurzelter, wird er auf die „Empress of Madagascar“ verschleppt, die als Versicherungsbetrug versenkt werden soll. Doch bevor es dazu kommt, läuft das „Totenschiff“ auf ein Riff, nur Koslowski und Gale überleben. Schließlich zerstört ein Sturm das Wrack, und am Ende treibt Gale allein auf dem endlosen Meer.

Wirkung: Das Totenschiff wurde Travens berühmtester Roman. Er hatte ihn angekündigt mit den Worten: „Dagegen werden alle Seegeschichten wie Buttermilchsuppe erscheinen. Alle, betone ich noch einmal.“ Die Weltbühne würdigte das Werk nach Erscheinen als „ein Seemannsbuch, das auf eine Art mit der verlogenen Seemannsromantik aufräumt, dass buchstäblich nicht eine Phrase übrig bleibt“, die fehlende Hoffnung jedoch, dass sich das Schicksal der Rechtlosen, Unterdrückten und Armen wenden ließe, die als Grundtendenz auch die anderen Romane Travens prägt, fand bei der linken Kritik auch Missfallen.

Georg Tressler verfilmte den Roman 1959 mit Horst Buchholz und Mario Adorf. Traven selbst verstummte nach Ein General kommt aus dem Dschungel (1940), der seinen „Caoba-Zyklus“ abschloss, und meldete sich erst wieder 1960 mit Aslan Norval, seinem letzten und schwächsten Werk, zu Wort. ACK

Das B. Traven-Geheimnis: Wer war Ret Marut?

Suche: 1948 setzte die amerikan. Zeitschrift Life vergeblich 5.000 $ für die Aufdeckung des Geheimnisses um Traven aus. Erst 1966 gelang es dem Stern-Reporter und späteren „Hitler-Experten“ G. Heidemann, Travens letzte Frau, die Mexikanerin Rosa Elena Luján, aufzuspüren, als die dessen Postfach 2701 in Mexico City leerte. Die Identifizierung Travens als Ret Marut warf jedoch neue Rätsel auf.

Herkunft: Legenden ranken sich v.a. um Maruts nach wie vor ungeklärte Herkunft. Die Abenteuerlichste knüpft die Verbindung zu einer Affäre des Preußenprinzen Wilhelm 1840 in Warmbrunn mit der Schauspielerin E(milie?) v. Sternwaldt, deren Stammbaum sich in die norddt. Orte Traventhal und Marutendorf zurückverfolgen lässt, und die später wahrscheinl. in die USA auswanderte. Erstmals aktenkundig wurde Marut, der um 1892 nach München gekommen sein will, als „Regisseur und Schauspieler“ für die Spielzeit 1907/08 im Neuen Theater-Almanach (1908).

Revolutionär: In München gab Marut ab 1917 die anarchist. Zeitschrift Der Ziegelbrenner heraus, die wütend Kaiser, Reich und bürgerl. Presse attackierte und lt. Oskar Maria Graf der Zensur nur deshalb entging, weil sie von den Behörden als „Maurerfachzeitschrift“ missverstanden wurde. 1918/19 zählte Marut als „Volksbeauftragter für Volksaufklärung“ zu den Literaten, die die Münchner Räterepublik unterstützten. Er wurde wegen Hochverrats verurteilt und soll der Erschießung nur entkommen sein, weil sich die Weißgardisten nicht einigen konnten, wem seine Uhr zufallen solle.

Flucht: Marut floh bis London, wo er wegen Verstoßes gegen das Meldegesetzes festgesetzt wurde, und gelangte wahrscheinl. über Holland nach Mexiko, wo er im Sommer 1924 in dem Ölhafen Tampico eintraf. Unter dem 26. Juli notierte er in seinem Tagebuch: „Der Bayer aus München ist tot.“

(aus: Das Buch der 1.000 Bücher, Harenberg 2002)

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