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  Nachstehender Text ist ein Auszug aus meinem Buch Alles über Comics. Eine Entdeckungsreise von den Höhlenbildern bis zum Manga (2004) und entstammt dem Kapitel „Vom Heiteren Fridolin zum Kleinen Arschloch“ über die Geschichte der Comics in Deutschland von ihren Anfängen bis heute. Da ich deren Entwicklung seit Mitte der Siebzigerjahre von unterschiedlichen Standorten aus mitgestaltet habe, schildere ich diese Zeit „autobiografisch“ aus meiner Perspektive, so wie ich sie u.a. als Herausgeber der Comixene und Cheflektor des Carlsen Verlags erlebt habe. Die drei Abschnitte erzählen vom Beginn einer deutschen Szene und vom Aufkommen der Comic-Alben bis zum Manga-Boom, den ich in den Neunzigern mit Akira und Dragonball ausgelöst habe. (Die Buchversion enthält in den Marginalspalten weitere Hintergründe zu einzelnen hier nur angerissenen Themen wie Zeichner oder Verlage.)

Gegenkulturen

Den Comic-Heften der Kindheit – Wim Wenders hat es in einer schönen Szene in Im Lauf der Zeit gezeigt – wohnt eine Magie inne, die sich durch ihre jeweilige inhaltliche oder grafische Beschaffenheit zumeist nur schwer begründen lässt. Daran hat sich, allen Unkenrufen zum Trotz, auch im digitalen Zeitalter nicht viel geändert. In einer Hamburger Boulevard-Buchhandlung beobachtete ich unlängst einen Pulk Kids in XXL-Baggys, auf den Köpfen Wollmützen und Baseballcaps, Schirm in den Nacken gedreht, die eine Verkaufsfläche mit Manga-Taschenbüchern umlagerten. Wäre neben ihnen ein Regal eingestürzt, sie hätten wahrscheinlich nicht einmal aufgesehen. Dann fiel mir der Mann auf, der ein Stück abseits stand, Hut, Mantel, Ende 50. Auch er blätterte in einem Manga, viel langsamer als die zu seinen Füßen lagernden Jungs, als böte sich ihm hier endlich eine Gelegenheit, in Augenschein zu nehmen, was seine Enkel derzeit so lesen. Sein Gesicht verriet schiere Ratlosigkeit, in einem Comic hätte über seinem Kopf ein großes Fragezeichen gestanden. Jugendkultur ist stets auch Gegenkultur, Distanzierungskultur. Allerdings: Wie grenzt man sich heute ab gegen Eltern, die selbst mit Micky Maus und Asterix aufgewachsen sind, Jeans und lange Haare tragen, kiffen und Eminem nicht für „Negermusik“ halten?

Indem man von rechts nach links und von hinten nach vorne liest.

Als ich, in einem anderen Jahrhundert, ins Comic-Lesealter kam, waren selbst brave Pilzfrisuren pure Provokation, und dass Paul McCartney und Pete Best in ihrer Hamburger Absteige ein Kondom an eine Wand genagelt und angezündet hatten, reichte aus, um die Beatles aus dem Land zu werfen. Comics waren „Bildidiotismus“ oder „Blasenfutter für Analphabeten“, wer sie las wurde blöde, gewalttätig und bekam die Krätze oder Schlimmeres. Da war zum Beispiel Frau Duschek. Kaum hatte unsere Lehrerin zur Einrichtung einer Klassenbücherei aufgerufen, schleppten wir, Pennäler von sieben, acht Jahren, auch schon unser Lesefutter gleich ranzenweise an: Pucki-, „Was ist was?“- und Schneider-Bücher, vor allem aber ganze Stapel von Falk-, Tibor- und Micky Maus-Heften. Der armen Frau stand das blanke Entsetzen im Gesicht, selbstverständlich wurde der Schund umgehend aus dem Klassenzimmer verbannt. Mit Ausnahme allerdings eines Sammelbandes mit den Abenteuern von Fix und Fax, den beiden Mäusen von Jürgen Kieser („von drüben“, was aber zum Glück niemand wusste, sonst wäre er wohl auch schnell weg gewesen), der zum beliebtesten Titel unserer Bibliothek avancierte. Das war zwar auch ein Comic, allerdings mit festem Einband, und damit ging er als „richtiges Buch“ durch. Schlicht lief es in der Republik Ludwig Erhards. Anfang der Sechzigerjahre waren die wilden Goldgräberjahre bereits Vergangenheit, die billigen Hefte von Gerstmayer, Semrau und Mondial längst verschwunden, und auch der Lehning Verlag hielt sich nur noch mühsam durch Recycling seiner endlosen Wäscher-Serien über Wasser. Eines Tages brachte mein Vater einen Stapel „Mickymäuse“ mit nach Hause, die er aus einem Altpapierhaufen gerettet hatte, und so wurde Carl Barks zum Paten meiner Comic-Initation. Natürlich hielt ich Walt Disney für den Zeichner (wie es ja auf den Heften stand, Barks kannte damals noch niemand außer einem Redakteur und einer Honorarbuchhalterin bei der Dell Publishing Company im fernen Kalifornien), aber mir fiel auf, dass es gute und weniger gute Duck-Geschichten gab, und warum, bitte schön, wohnte Donald in jeder Geschichte in einem anderen Haus? Offenbar gab sich der Mann wenig Mühe.

In Fix und Foxi hingegen hatte alles seine Ordnung, Lupo lebte verlässlich in dem immer gleichen Turm mit dem windschiefen Schornstein und der Erfinder Knox ganz modern. Vor allem aber war es das „frankobelgische Flair“, mit dem der erste Fix-und-Foxi-Zeichner Dorul van der Heide – sein Vater war Niederländer, die Mutter Französin – die Ästhetik der Kauka-Produktion geprägt hatte, das mich mehr anknipste als der Stil amerikanischer Comics. Also fing mich Rolf Kauka ein und brachte mir – „Liebe Leser ... Euer Rolf“ – bei, wie die Welt funktioniert und dass man ältere Damen stets anständig um die Ecke bringt. Um irgendwann mal Schlauberger zu werden, sammelte ich die „Ich weiß mehr“-Kärtchen aus den Heften und später als Mitglied des „Wildranger Klubs“ artig Kaugummipapier aus Grünanlagen. Dann tat Kauka mit dem Abdruck belgischer Serien aus Spirou einen genialen Griff und verhalf mir zu der wunderbaren Bekanntschaft mit Franquin, Morris, Tillieux und Peyo.

Meine 50 Pfennig Taschengeld die Woche reichten natürlich nicht weit, also verdiente ich durch Austragen von Wochenend und Praline dazu und klapperte dann, die Hosentaschen voller Groschen, regelmäßig per Fahrrad sämtliche Antiquariate ab, die Hannover zu bieten hatte. Das Comic-Angebot in den Sechzigerjahren war grauenhaft, gegen deren Ende fanden sich in den Tauschläden stapelweise die Hefte mit dem spitzen „Original“-Lehning-L oben links auf der Titelseite (was das Aussortieren vereinfachte), dazwischen die Endlos-Western Bessy, Lasso, Buffalo Bill und Silberpfeil, mit denen der Bastei Verlag den Markt überschwemmte, als das deutsche Fernsehpublikum gerade die Kino-Western der Fünfziger nachholte. Die Fernseh Abenteuer mit Lassie, Fury, Rin Tin Tin und Mike Nelson aus dem Tessloff Verlag. Superman, mit dem Ehapa 1966 über das Disney-Business hinaus expandierte. Sogar von Lehrern toleriert wurden die Illustrierten Klassiker und hatten aus den Fünfzigerjahren überdauert, ebenso Prinz Eisenherz, der schon seit 1951 in Comic-Alben erschien – schließlich war das ja eine „Bildergeschichte“ und lehrreich obendrein. Poppig bunt kam dagegen Perry daher, die gezeichnete Adaption der SF-Romanheftserie Perry Rhodan. Die überwiegend vom Studio Giolitti in Rom in luftigen Layouts und mit einem gehörigen Schuss Erotik gestaltete Reihe war eine der erfolgreicheren deutschen Comic-Produktionen, erschien von 1967 bis 1975 und wird seit 2002 mit neuen Storys fortgesetzt. Besonders billig waren die schwarz-weißen Hefte aus dem Bildschriftenverlag (sic!), dessen Hit Comics, in denen sich nahezu alle Marvel-Helden tummelten, so kryptisch übersetzt waren, dass sich streckenweise jeder Sinn verlor; legendär wurde etwa die Eindeutschung von „’nuff said“ in „Nuff sagte ...“ – wer dieser ominöse „Nuff“ sein sollte, blieb nicht nur mir ein Rätsel. Superman war mir zu bieder, die Marvel-Welt zu schäbig, mit Superhelden wurde der Teenager Knigge nicht warm.

Dafür gab es aber Die tollsten Geschichten von Donald Duck, prall gespickt mit Carl-Barks-Storys, und in der Mickyvision Dan Cooper und Michel Vaillant aus dem belgischen Tintin. Mein Favorit allerdings war eine Heftserie, in deren Ausgaben ganze Alben von Pit und Pikkolo und Lucky Luke erschienen, vollständig und abgeschlossen, da störte selbst der Gaga-Titel Fix und Foxi Super Tip Top wenig. Und es gab den Carlsen Verlag, den Per Carlsen 1953 gegründet hatte, um durch Koproduktion mit der schwedischen und deutschen Tochterfirma die Kosten für farbige Kinderbücher im kleinen Dänemark in den Griff zu kriegen (rechtzeitig genug, dass ich mit Petzi-, Pixi- und Wunderbüchern aufwachsen konnte). 1967 nahm Carlsen Hergés Tim und Struppi ins Programm. Schon einige Jahre zuvor hatte der belgische Verlag Casterman die Alben von Tournai aus herausgegeben, jedoch ohne großen Erfolg. Auch jetzt wollten sie nicht recht laufen, aber Per Carlsen plante sogar schon eine zweite Comic-Serie, Asterix. Die Vertreter stöhnten auf, der Kompromiss: Sie sollten sich für Tim und Struppi noch einmal kräftig ins Zeug legen, und dafür verzichtete der Verleger auf die zweite Serie.

Asterix ging an Ehapa, kam ebenfalls nicht in die Hufe, sollte bereits wieder aufgegeben werden, aber dann kam über Nacht der Durchbruch, schon 1972 lag die Auflage bei 1,2 Millionen Exemplaren und bald darauf doppelt so hoch. Aber auch Tim und Struppi entwickelte sich nun zu einem beständigen Erfolg, Per Carlsens Verlegernase hatte ihn nicht getrogen. Ich entdeckte die Alben eines Tages in der Stadtbücherei, die die „Tim Bücher“ für die Jugendbuchecke angeschafft hatte. Da sie äußerst begehrt waren, durfte man sie nicht entleihen. Also verbrachte ich ganze Nachmittage dort und folgte Tim nach Tibet, ins Reich des schwarzen Goldes und sogar zum Mond – sicher hätte auch ich keine Notiz davon genommen, wäre neben mir ein Regal in sich zusammengefallen.

Wenig später, 1971, begann Carlsen die Reihe Comics. Weltbekannte Zeichenserien mit Nachdrucken berühmter amerikanischer Zeitungstrips. Dick Tracy, Flash Gordon, Terry and the Pirates, Li’l Abner. Kleine Texte informierten über den Hintergrund der einzelnen Serien und ihre Zeichner – zum ersten Mal war in einem Verlag ein Comic-Kenner zugange. Der hieß Jens Peder Agger, saß in Kopenhagen und hatte den Auftrag, um Tim und Struppi herum ein neben dem Kinderbuch eigenständiges Comic-Programm aufzubauen, das der deutsche Carlsen-Ableger ohne weitere Einflussnahme in Koproduktion übernahm. Damit hielt der Comic Mitte der Siebziger Einzug in den Buchhandel.

Über Comics war damals nicht viel zu erfahren, gerade zwei Bücher gab es. Das eine, Die Sprache der Comics von Manfred Welke (von 1958 und noch 1972 in dritter unveränderter Auflage) begann so: „Wenn der literarische Jugendschutz nicht eine Illusion bleiben soll ...“. Das andere, Die Welt der Comics von Alfred Clemens Baumgärtner (von 1965, 1971 als vierte Auflage) hieß schon im Untertitel „Probleme einer primitiven Literaturform“. Allerdings hatte ich Glück und mit Adolf Thielke einen Kunstlehrer, der als einer der ersten fortschrittlichen Pädagogen in Deutschland zum Thema Comic publizierte und meine Interessen förderte. Also begann ich mit eigenen „Recherchen“, die sich alsbald in Form von Betrachtungen über Asterix, Lucky Luke oder Wilhelm Busch in der auf Matrizen abgezogenen Schülerzeitung niederschlugen, die ich zusammen mit meinem Kumpel Thilo Rex aus der Parallelklasse herausgab. Die Schülerzeitung tauften wir bald um in Comics Maker, um unserer Leidenschaft nun ganz unverhohlen zu frönen – und vor allem unsere eigenen Comic-Versuche zu veröffentlichen. Heute schätzen sich alle damals Beteiligten glücklich, dass die Auflage 80 Exemplare nicht überstieg.

Inzwischen hatte sich das Comic-Angebot zu wandeln begonnen. Als Mecki gerade lernte, sich in Sprechblasen zu artikulieren, eroberte Asterix zwischen APO und Deutschem Herbst die Unis. Raymond Martin, der es mit seinen nackten Nürnberger Volksverlags-Kommunarden sogar auf ein Spiegel-Titelbild brachte, setzte im Sommer 1969 U-Comix in die Welt. Angesteckt von den französischen „Pop-Bilderbüchern“ zeichnete Alfred von Meysenbug (*1940) 1968 die Agitprop-Comics Mini-Faust, Supermädchen und Glamour-Girl, zwei Jahre später folgte Robert Crumbs Bürgerschreck-Anthologie Head Comix bei März (und landete prompt auf dem Index), und Chlodwig Poth (*1930), Mitbegründer der Pardon, begann 1971 Mein progressiver Alltag. Mit Zack startete im Jahr darauf das erste konsequente und erfolgreiche Comic-Magazin nach frankobelgischem Muster. Die Peanuts erschienen als kleine quadratische „Aar-Cartoons“, in Wien bemühte sich Heinz Pollischansky rührig um eine lückenlose Prinz Eisenherz-Ausgabe, und der Melzer Verlag edierte Klassiker wie Little Nemo, Feiningers Kin-der-Kids und Pogo. Und dann, mit „128 schrecklichen, blutdurchtränkten Seiten“, Der beste Horror aller Zeiten, ein wilder Geisterbahnritt durch die in den USA einst als nationale Bedrohung bekämpfte Welt der EC-Comics. Wow!

Auch eine Fanszene formierte sich, Keimzelle war der schon seit 1955 bestehende Science Fiction Club Deutschland (SFCD). 1970 dann kam es zur Gründung der Interessengemeinschaft Comic Strip (INCOS), deren Mitglieder sich umgehend an die Aufarbeitung der deutschen Comic-Geschichte machten, die noch weitgehend im Dunkeln lag: Gerade gut sechs A4-Seiten umfasste 1972 ein hektografierter „Sonderdruck“ der INCOS Nachrichten mit der Auflistung aller damals bekannten Comics; sechs Jahre später hatte Peter Skodzik in seiner Deutschen Comic-Bibliographie 1946-1970 auf über 400 Seiten mehr als 18.700 Titel erfasst. Man hatte sich Großes vorgenommen. Analog zu den SF-Cons, zu denen sich regelmäßig auch prominente Autoren wie Stanislaw Lem oder Robert Jungk einfanden, sollte im April 1973 in den Berliner Stadionterrassen der „1. Deutsche Comic-Congress“ mit dem gerade in der Lüneburger Heide aufgestöberten Hansrudi Wäscher sowie aus New York Stan Lee als Stargästen stattfinden. Lee sagte ab, die Veranstaltung geriet mit 750 Besuchern zum finanziellen Desaster, die Gründerstimmung verflog, die INCOS wurde nach ihrem hoffnungsfrohen Beginn ein Sammlerverein.

Thilo und ich fühlten uns in dieser „Altpapier-Welt“ nicht zu Hause, aber dass aus unseren Fan-Comics ebenfalls nichts werden würde, wussten wir auch. Dank einer kleinen Invasion von Büchern, die Anfang der Siebziger auch in Deutschland das wachsende Interesse an den Phänomenen der populären Kultur reflektierte (darunter das 1971 erstaunlich profunde Comics. Anatomie eines Massenmediums von Wolfgang J. Fuchs und Reinhold C. Reitberger mit den Titelmelodien amerikanischer Comic-Radio-Serials auf einer beiliegenden „Schallfolie“) und eines Besuchs beim Verlag Dargaud in Paris, den unser Französischlehrer für uns eingefädelt hatte, hatten wir unseren Horizont in Sachen Comics inzwischen ausgedehnt und beschlossen, jung und wild und wenig schüchtern, die Herausgabe eines „internationalen Comic-Fan- und Fachmagazins“, wie sie gerade in Frankreich mit Phénix und Schtroumpf oder der holländischen Stripschrift aufgekommen waren.

Ins Rollen war der Stein nach einer von Reinhold Reitberger initiierten Comic-Ausstellung im Münchner Stadtmuseum gekommen, bei deren Eröffnung Thilo im Frühjahr 1974 René Lehner aus Zürich kennengelernt hatte. Ein Comic-Enthusiast wie wir, damit waren wir zu dritt. Die erste Ausgabe der Comixene erschien im November des gleichen Jahres, René, der Älteste von uns, war Motor, Herz und Seele des Ganzen. Um Amateurzeichnern weiterhin ein Forum zu bieten, erstritt ich bei den Planungen einen Comics Maker als jeweils dritte Ausgabe (nach drei Nummern hörten wir aber endlich damit auf). Erstaunlicherweise nahm man uns ernst: Fuchs und Reitberger (und viele, viele andere) schrieben für Comixene, Verlage erkundigten sich bei uns, wie man an die Rechte für Comics, die wir vorgestellt hatten, käme, und Robert Oehler nahm mich auf Zack-Kosten mit zum internationalen Comic-Festival nach Lucca. Dort sollte ich als gerade eben zeichnungsberechtigt gewordener Pöks über deutsche Comics referieren. (Dass die Weltöffentlichkeit tatsächlich von „Jimmy the Rubberhorse“ und „Sigörd“ erfuhr, war allerdings pures Glück, denn auf der gemeinsamen Zugfahrt nach Italien brachte uns Dieter Kalenbach beim Umsteigen in einer Münchner Bahnhofsspelunke in Lebensgefahr, als er in Gegenwart eines Kellners, durchaus wahrheitsgemäß, den Zustand seiner Weißwurst kommentierte.) Doch als sich zuerst Thilo zurückgezogen hatte, dann René zeitlich kürzertreten musste und ich schließlich meine Einberufung zum Zivildienst bekam, hätte alles zu Ende sein können. Anfang 1978 sah ich keine andere Möglichkeit, als die Comixene nach 17 Heften einzustellen. Dann klingelte das Telefon.

Hartmut Becker, der im Jahr zuvor mit den Kölner Comic-Tauschtagen eine bis heute legendäre Sammlerbörse gegründet hatte und gelegentlich für die Comixene schrieb, wollte plaudern. Sechs Stunden, nachdem ich ihm von dem gerade gefassten Entschluss erzählt hatte, saßen er und Achim Schnurrer, den er fix noch in Köln eingesammelt hatte, in Hannover auf meinem Sofa, und bis ins Morgengrauen schmiedeten wir Pläne, wie es weitergehen könne. Hartmut zog vom Rhein an die Leine, formte aus der Klitsche einen Verlag, 1979 ließen wir die Edition Becker & Knigge als GmbH eintragen. Ideen und Ziele hatten wir in jener Nacht wie Popcorn produziert: Eine Schriftenreihe zum Thema Comic tauften wir im Siebzigerjahre-Jargon „Comixene Materialien“, gleich der erste Band, die „Bilddokumentation“ Bilderfrauen/Frauenbilder, die ich mit Achim Schnurrer zusammengestellt hatte, wurde für unsere Verhältnisse zum Bestseller und erlebte mehr als ein halbes Dutzend Auflagen. Dann folgte mit Die Kinder des Fliegenden Robert eine erste Bestandsaufnahme der deutschen Comic-Historie vor 1945. Und natürlich Alben nach Carlsen-Manier, mit denen wir Klassiker wie Taró oder Jimmy das Gummipferd dem Vergessen entreißen wollten.

Aus meiner Wohngemeinschaft, die den Verlag bislang beherbergt hatte, zogen wir in eine Büroetage gleich neben unserer Druckerei. Ludwig Könemann, der später den internationalen Vertrieb für Taschen auf die Beine stellen und dann den Könemann Verlag gründen sollte, kam dazu und kümmerte sich um den Verkauf. Mit „Comics etc.“ gründeten wir die erste „altpapierfreie“ Comic-Buchhandlung in Deutschland, in der unser neuer Partner Paul Derouet auch für ein umfangreiches internationales Angebot sorgte. Inzwischen war die Comixene nicht mehr allein. Für die Sammler, denen wir zu sehr nach vorne und zu wenig über die Schulter sahen, lancierte Norbert Hethke 1976 die Sprechblase, aus Wien kam ab 1979 Comic Forum. Blendende Beziehungen entwickelten sich zu Carlsen. Wir fühlten uns mit dem Reinbeker Verlag auf der gleichen Wellenlänge, widmeten ihm ein Comixene-Themenheft, texteten die Carlsen-Publikumsprospekte, und als das Programm wuchs, bot uns Verlagsleiter Herbert Voss die Ehe an. Allerdings war Per Carlsen dann in unseren Augen mit seinem Angebot für die Übernahme der Edition Becker & Knigge eher knauserig. Wir beschlossen, unseren eigenen Weg zu gehen, konnten Voss aus unseren Reihen aber immerhin Eckhart Sackmann vermitteln, der für Comixene gerade die Geschichte von Mecki erforscht hatte (und später mit seinem eigenen Verlag Comicplus reüssieren sollte): Zum ersten Mal rückte damit ein Comic-Fan in die Redaktion eines der großen Verlage ein.

Comixene war immer professioneller geworden, farbig und monatlich, rempelte mit ihrer kritischen Marktbeobachtung allerdings auch an. Ernst wurde es etwa 1980, als Rolf Kauka spitzkriegte, dass wir für ein Heft über seinen Verlag nicht nur ihn, sondern auch seinen ehemaligen Chefzeichner Walter Neugebauer interviewt hatten. Kauka flog in Hannover ein, bewunderte das Fix-und-Foxi-Dorf, das ich mit 14 gebastelt hatte, betätigte den Fix-und-Foxi-Brummkreisel aus Hartmuts Merchandising-Schatzkammer und brachte uns kurz vor Druck zur Streichung einer Neugebauer-Passage zur Urheberschaft von Tom und Klein Biberherz. Kurz darauf bombardierte uns der Condor Verlag gleich mit einem ganzen Satz Schadensersatzklagen über je 100.000 DM, weil ich angesichts der Bearbeitung eines Flash Gordon-Taschenbuchs in eine zu hohe Tonlage geraten war. Obwohl wir 544 handwerklich schlecht ausgeführte Veränderungen gegenüber dem Original nachwiesen, konnte das Gericht unserer Argumentation, auch das Werk eines Comic-Zeichners verdiene ein wenig Respekt, nicht recht folgen, sah uns mit unserer Handvoll Comic-Alben aber in Konkurrenz zu Condor (Jahresumsatz 40 Millionen Mark) stehend und den Strafbestand einer wettbewerbswidrigen Schmähkritik.

Reserven, um juristische Auseinandersetzungen auszuhalten, hatten wir keine, der Verlag hielt sich ohnehin nur durch Selbstausbeutung über Wasser. Ein Jahr später und nach 42 Ausgaben war es aus mit der Comixene, jetzt würgte uns das „grüne Band der Sympathie“. Um die Bank ruhig zu halten, schrieb ich einen Stapel Bücher, und mit Martin Compart (der nicht nur in dieser brenzligen Lage, wie die Texas Rangers in den alten Filmen auf den letzten Drücker, angeritten kam) setzte ich bei Ullstein das Comic Jahrbuch in die Welt. Anfang 1983 zog ich nach Hamburg und dockte bei Carlsen an.

Teil 2 - Comic Cultur
 
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