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COMING-OUT
oder: Wie die belgischen Comics schließlich doch noch erwachsen wurden

Von Andreas C. Knigge

„Mit diesem Anblick hatten die Freunde nicht gerechnet. Selbstzweifel schleichen sich in Bobs großes Herz. Doch dann durchzuckt ein genialer Gedanke sein von einem dichten Bürstenhaarschnitt umgebenes Hirn.“ SCHNIPP – und schon entfährt Bob ein energisches „Ich hab’s!“.

Das ist der Stoff, aus dem echte Helden sind … Sollten Sie nicht gerade der Unsitte nachgehen, Nachworte mit einem Vorwort zu verwechseln, dann haben Sie eben eine recht turbulente Zeitreise hinter sich gebracht. Chapeau! In finsterer Urzeit haben Sie an der Seite von Bob Marone und Bill Gelatine den weißen Dinosaurier am Ende doch noch aufgespürt und schließlich das Geheimnis um den verschwundenen Frank Veers und seine Großwildjäger-Kumpane lüften können. Nach zahllosen Eskapaden und bestandenen Gefahren sind Sie nun wieder sicher in Ihrem bequemen Sessel im Hier und Jetzt gelandet und lehnen sich zurück. Genieren Sie sich nicht, wenn Sie noch ein wenig aus der Puste sind – nicht einmal am unerschrockenen Bob sind die dramatischen Geschehnisse völlig spurlos vorübergegangen: „Du siehst blass aus“, fällt seiner Mutter als Erstes auf, als sie den kratzbürstigen Kommandanten zurück in der Gegenwart wieder in Empfang nimmt.

Aber Ende gut, alles gut – wie sollte es angesichts zweier so furchtlos beherzter „Helden vieler Abenteuer“, wie Yann und Conrad gleich zu Beginn versichern, auch anders sein. Aufrechte Helden lassen ihre Leser nie allein, zumindest nicht in Comics franko-belgischer Provenienz. Denn dass in den bandes dessinées am Schluss Courage und Edelmut verlässlich triumphieren, darüber wacht eisern die katholische Kirche höchstselbst, das ist schon seit Hergés „Tim und Struppi“ so.

Damals sind Comics noch ausschließlich pour la jeunesse, für die Jugend, und die will behütet sein und nach bestem Vorbilde manierlich erzogen. Folglich dekuvriert Tim gleich zu Beginn seiner Karriere – das war anno 1929 – gottlose Kommunisten in der noch jungen Sowjetunion und muss wenig später zwischen Strohhütten und Kokospalmen im Kongo missionieren, wo Leopold II. erst kürzlich noch blutig wüten ließ, mit kirchlichem Segen. Sicher, seitdem hat sich einiges getan, irgendwann wurde der Comic zur „neuvième art“, zur neunten Kunst, dann sogar zum „roman graphique“, gut deutsch zur Graphic Novel. Doch sind auch heute noch beinahe alle großen Comic-Verlage in Belgien und Frankreich in katholischem Besitz.

Aber vielleicht gehören Sie ja ohnehin zu denen, für die damals alles besser war („selbst die Zukunft“, um Karl Valentin zu zitieren). Jedenfalls bevor im fernen Weltenraum Barbarella den Roboter Viktor verführt oder Arzach gleich im ersten Bild einer Episode vor den Augen seiner Leser in eine tetrahydrocannabinolgeschwängerte Traumwelt pullert. In Ihrem Comic-Regal stehen dann neben „Tim und Struppi“ sicher alle Bände von „Spirou & Fantasio“ (zumindest die aus der Feder des unerreichten André Franquin), von „Jeff Jordan“, „Yoko Tsuno“ und Peyos „Johann und Pfiffikus“. Nicht zu vergessen natürlich „Lucky Luke“ und „Asterix“, fulminante toiles de maître einer Zeit, in der Comics noch Comics waren und unbekümmert Spaß bereiten, anstatt uns mit dem Wahnsinn dieser Welt zu beeifern.

Zu diesen Klassikern, haben Sie mit kundigem Blick auf die Zeichnungen gedacht, müsste „Bob Marone“ prima passen. Doch nun sind Sie konsterniert. Nicht wegen des schauerlichen weißen Dinos, ach was, hirnloses Drachenvieh kennen Sie von Kirchenfresken ja zur Genüge (oder spätestens seit Franquins „Ein eisgekühlter Gast taut auf“). Aber dass Bob und Bill neben ihrer heldenhaften ebenso auch eine kuschelige Seite zeigen – und die sich auch noch gegenseitig –, das ist ja nun doch nicht so ganz, was der Papst erlaubt. Und wirft zudem generell die Frage auf nach der wahren Chemie auch zwischen Tim und Käpt’n Haddock, Jeff Jordan und Teddy Bär, zwischen Harry und Platte oder Spirou und Fantasio. Um nur einige Wenige zu nennen, die im frankofonen Comic seit Ewigkeiten unzertrennlich sind, ohne dass je ein Mädel in Sichtweite käme oder ernsthaft Beachtung fände.

Genau so sieht es der belgische Verleger Charles Dupuis, als er Anfang Juli 1981 die Ausgabe 2255 des wöchentlichen „Spirou“ durchblättert, neben der Fernsehzeitung „Télémoustique“ das wichtigste Objekt seines Hauses. Das Titelbild schmückt Jerry Spring, der Westernheld des großen Jijé, einem der wichtigsten Künstler des Comic-Magazins, der kurz nach der Gründung 1938 bereits dabei war und letztes Jahr verstorben ist – Auftakt zu einem Abenteuer, das schon einmal 1953 abgedruckt worden war. Zu der Zeit ist „Spirou“ das erfolgreichste Jugendmagazin in französischer Sprache, doch mittlerweile bröckelt die Auflage; erst kürzlich musste man sich sogar dazu durchringen, selbst die Titelserie einem neuen Zeichner zu übergeben: Jean-Claude Fournier hatte „Spirou & Fantasio“ gut zehn Jahre zuvor von André Franquin übernommen, sein bretonischer Witz kommt bei den Lesern allerdings nur in Maßen an. Und vor allem ist er zu langsam, als dass die Serie in jeder Ausgabe des nach ihr benannten Magazins vertreten sein könnte.

Nicht die allgemeine Situation des Blattes jedoch beunruhigt den Verleger an diesem Julimorgen, sondern vielmehr ein schmaler Streifen von kleinen Zeichnungen begleiteter Texte, der sich auf sechzehn Seiten durch das Heft zieht. „Diese Woche“, beginnt der erste Strip, „ein unveröffentlichtes Abenteuer von Bob Marone“. Und der letzte lässt verlauten: „Demnächst eine neue Episode von Bob Marone: ‚Die Dinosaurier-Jäger‘“. Die Streifen am oberen Heftrand, jeweils über den regulären Comic-Serien, hat Chefredakteur Alain De Kuyssche erst ein halbes Jahr zuvor eingeführt: Junge Zeichner liefern regelmäßig zusätzliche Gags – eine von De Kuyssches Maßnahmen, um „Spirou“ attraktiver zu machen. „Les hauts de pages“ wird das Extra getauft – zurück nach oben. Schon bald ist der Streifen in den festen Händen von Yann und Conrad, die in der neuen Ausgabe nun mit Bob Marone und Bill Gelatine aufwarten. Charles Dupuis ist entsetzt, so hat er sich die Renovierung seines Magazins, mit der er De Kuyssche beauftragt hatte, wahrhaftig nicht vorgestellt.

„Mich hat der Gedanke, zwei homosexuelle Helden in die Welt zu setzen, amüsiert“, sagt der 1954 geborene Yann le Pennetier dazu, heute einer der gefragtesten belgischen Comic-Autoren. „Das gab es in Comics zuvor nicht. Und es erlaubte mir, meine Figuren auch mit Emotionen auszustatten, fast so etwas wie eine Liebesgeschichte zu erzählen. Dass Comic-Helden auch eine Sexualität besitzen, hatte man bisher verschwiegen. Natürlich sind auch Asterix und Obelix schwul, nur sagt das keiner.“ Yann hat 1974 erste Kurzgeschichten für „Spirou“ gezeichnet, bevor er sich ganz auf das Schreiben von Szenarios konzentriert und wegen seines kessen (man möchte fast sagen: dialektischen) Witzes bald als Enfant terrible des franko-belgischen Comics gilt. Vier Jahre später lernt er in Brüssel den Zeichner Didier Conrad kennen – und schnell schätzen. Wie Yann stammt auch Conrad ursprünglich aus Marseille, ist fünf Jahre jünger aber hat ebenfalls schon 1974, noch als Schüler, ein paar kurze Storys für „Spirou“ gezeichnet. Im folgenden Jahr entsteht für Charles Dupuis‘ Magazin die gemeinsame Serie „Helden ohne Skrupel“, dann übernehmen Yann und Conrad auch die „hauts de pages“.

Bei ihrer ersten „Bob Marone“-Episode – noch kein Comic, wie er hier vorliegt, sondern eher eine illustrierte Mini-Short-Story – wählen Yann und Conrad das Pseudonym „Raoul Vernes“. Was uns dazu bringt, dass Sie natürlich auch zu jenen zählen könnten, die „Der weiße Dinosaurier“ aufgrund eines ganz anderen Versehens gekauft haben. Auch Sie haben nicht genau hingesehen und erst beim Lesen eben gemerkt, dass es diesmal gar nicht Bob Morane und Bill Ballantine sind, die auf der Suche nach einem neuen Abenteuer durch die Zeiten jetten. Dass nicht einmal die Geschichte von Henri Vernes stammt und zudem natürlich, dass auch sonst einiges etwas anders zugeht als gewohnt. Auch Sie sind entgeistert – und ganz ehrlich: Ihnen ist wahrscheinlich kaum zu helfen. Wenn der Band noch keine Eselsohren hat, dann versuchen Sie am besten, ihn umzutauschen.

Vielleicht gehören Sie sogar zu denen, die nun gar nicht mehr wissen, wovon die Rede ist: „Bob Morane“ ist eine im französischen Sprachraum enorm populäre Romanreihe, die 1953 der belgische Autor Charles-Henri-Jean Dewisme unter dem Pseudonym „Henri Vernes“ schuf und von der bis heute 225 Titel vorliegen (von denen einige es Mitte der 1960er sogar zu einer deutschen Übersetzung bringen und an deren anfängliche Coverästhetik sich der vorliegende Band anlehnt). Bob, ehemaliger Kommandant der Royal Air Force, ist dabei Agent einer „Zeitpatrouille“ und wird auf seinen Abenteuern in Vergangenheit und Zukunft stets von seinem treuen Freund Bill begleitet, der weiter nicht nur Ballantine heißt, sondern tatsächlich eine ausgeprägte Liebe zu schottischem Whisky pflegt. Darüber hinaus ist über das Privatleben von Vernes‘ Helden kaum mehr bekannt als über das von Sherlock Holmes und Dr. Watson oder Starsky und Hutch. Die britische Reporterin Sophia Paramount jedenfalls, die das Duo regelmäßig aus schlimmsten Gefahren erlösen muss, lässt sich allein schon aufgrund ihres Namens nicht tatsächlich ernst nehmen. In der Frauenzeitschrift „Femmes d’aujourd’hui“ beginnt Vernes 1959 zusätzlich eine Comic-Serie, die auch schon 85 Alben zählt, ein „Bob Morane“-Kinofilm folgt 1960, eine Fernsehserie 1963 und 1998 auch eine Zeichentrickserie im Anime-Look.

Doch zurück zum Sommer 1981. Charles Dupuis greift zum Telefon und wählt die Nummer von Alain De Kuyssche. Die angekündigte Fortsetzung von „Bob Marone“ lässt sich nicht mehr stoppen, sie ist bereits fertig und das Heft, in dem sie erscheinen soll, ist schon in der Produktion. Dupuis lässt sich ausdrücklich versichern, dass danach aber Schluss sei, legt auf und blickt aus seinem Bürofenster über das trostlose Charleroi, in dem sein Verlag zu Hause ist. Mon colonel!

„Ich habe die Entscheidung von Dupuis wirklich sehr bedauert“, erinnert sich Conrad später. „Alte Stereotype aufzubrechen oder mit ihnen zu spielen, das lag damals doch in der Luft. Das war der Zeitgeist, überall probierten Zeichner Neues aus. Aber bei ‚Spirou‘ hatten sie die Hosen gestrichen voll und wollten partout so weitermachen wie bisher. Schade!“ Als im September das Heft 2267 mit der zweiten Folge von Yanns und Conrads „Helden vieler Abenteuer“ erscheint, teilt der Verlag seinen Lesern mit: „Auch wenn wir objektiv feststellen können, dass die ätzende Fantasie von Yann und Conrad nicht jede Woche mit derart giftigem Humor durchtränkt ist, müssen wir doch zugeben, dass viele von euch gegen die ‚hauts de pages‘ sind.“ Schon wenig später ist Schluss damit, kurz darauf verlässt De Kuyssche seinen Posten als Chefredakteur. Für Yann und Conrad reißen die Probleme mit ihrem Verleger ebenfalls nicht ab, immer wieder greift Dupuis in die Handlung und Gestaltungsweise ihrer Serie „Helden ohne Skrupel“ ein, verlangt Änderungen. Im Sommer 1982 bricht er die Veröffentlichung sogar inmitten des gerade laufenden Abenteuers ab, da er den Ton zu frech und düster findet pour la jeunesse. Das war’s, Yann und Conrad kehren „Spirou“ den Rücken.

Nicht, dass ihnen das geschadet hätte: Yann arbeitet in den nächsten Jahren mit diversen Zeichnern an unterschiedlichsten Serien, darunter auch „Marsupilami“, „Lucky Luke“ und 2009 sogar – Charles Dupuis hat einige Jahre zuvor das Zeitliche gesegnet – „Spirou & Fantasio“. Conrad hingegen ist soeben in die Fußstapfen von Albert Uderzo getreten und zeichnet heute „Asterix und Obelix“. Vor allem aber: Yann und Conrad wären nicht Yann und Conrad, wenn aus „Bob Marone“ nicht schließlich doch noch etwas geworden wäre. Vom Verlag Dupuis wechseln sie nach dem Zerwürfnis zu Glénat und lassen „Bob Marone“, koloriert von Lucie, in dessen Monatsmagazin „Circus“, das sich explizit an ältere Comic-Leser wendet, wieder aufleben (obwohl der Verleger Jacques Glénat sich noch vier Jahre zuvor heftig an einer lesbischen Szene in François Bourgeons „Reisende im Wind“, ebenfalls in „Circus“, gestoßen hatte).

Das Ergebnis halten Sie in den Händen, einen modernen Klassiker und Mitte der 1980er ein stattlicher Erfolg, der in mehrere Sprachen übersetzt und während des internationalen Comic-Festivals in Angoulême mit dem „Prix de la presse“ ausgezeichnet wird. „Mit ‚Bob Marone‘ haben wir wohl Comic-Geschichte geschrieben“, meint Conrad heute. „Meines Wissens sind Bob und Bill tatsächlich die ersten schwulen Comic-Helden.“ Und das stimmt sogar. Erst im gleichen Jahr, in dem die beiden ihr Comeback in „Circus“ erfahren, beginnt Howard Cruse in der US-amerikanischen Schwulenzeitschrift „The Advocate“ die Serie „Wendel“ – deren junger Protagonist allerdings eher ein Held des alltäglichen Irrsinns ist, ebenso wie später Ralf Königs Konrad und Paul.

Kein Wunder also, dass dieser Meilenstein unvergessen bleibt, obwohl sich Yann und Conrad anschließend neuen Projekten widmen. Beinahe zwanzig Jahre später tritt Yoann Chivard, damals noch unbekannt, heute der aktuelle Zeichner von „Spirou & Fantasio“, an Yann heran und schlägt ihm eine Wiedererweckung Bob Marones vor. Unter dem Titel „Bob und Bill“ schreibt Yann schließlich eine neue Story und Conrad liefert detaillierte Layouts und Scribbles, nach denen Yoann, unter dem Pseudonym „Janus“, die Zeichnungen anfertigt. „Ein Duft der rosa Yetis“ erscheint Ende 2003 in dem Magazin „Fluide Glacial“ und verschlägt die Freunde in die Schneewüsten des Himalayas. Sechs weitere Abenteuer folgen (einschließlich eines Cameo-Auftritts von Bills resoluter Schwester Lara Gelatine) und liegen in Frankreich natürlich längst auch gesammelt als Buchausgabe vor – auf den ersten Blick gut zu verwechseln mit einem der alten „Bob Morane“-Taschenbücher.

Vielleicht finden Sie ja sogar als unerschrockener Fan von Henri Vernes‘ Zeitagenten ihren Spaß an der Parodie von Yann und Conrad – und lesen Ihren „Bob Morane“ künftig mit etwas anderen Augen. Das spräche für Sie. Und sollten Sie vornehmlich für den göttlichen Franquin, für Hergé und die gute alte Zeit der belgischen Comics schwärmen, dann kommen Sie ohnehin auf Ihre Kosten, und das üppig. Oder haben Sie am Anfang auf dem Rücksitz von Bobs rotem MG-Cabrio nicht kurz das Gefühl gehabt, zum Schloss des Grafen von Rummelsdorf zu jagen, auch wenn auf dem Ortsschild eben noch „Schnakenhof“ stand? Natürlich hat Sie der Bimbo Quimbo, der das halbe Örtchen schwängert, und das noch vor der Sonntagsmesse, an den kolonialen Hauch erinnert, der die frühen bandes dessinées durchwehte, damals, als noch alles besser war, auch die Zukunft. Und selbstverständlich haben Sie herzlich geschmunzelt, als Sie spätestens auf Seite 58 in Bob und Bill auch zwei vertraute Gallier wiedererkannten.

Es gibt eine Menge mehr an subtilen Anspielungen und verschmitzten Zitaten zu entdecken, fangen Sie am besten gleich noch mal von vorne an. Anschließend können Sie den Band dann guten Gewissens in Ihr Comic-Regal stellen, vielleicht ja sogar neben die Alben mit Blake und Mortimer, Alix und Enak oder Michel Vaillant und Steve Warson (blättern Sie dabei noch mal zurück zu dem weltentrückten Blick, den Michel auf der vorletzten Seite des ersten Abenteuers dem neu gewonnenen Freunde zuwirft). Denn trotz des kleinen Unterschieds sind Bob und Bill schließlich auch nichts anderes als – echte Helden eben.

(Nachwort zu Yann/Conrad: Bob Marone, Carlsen Verlag, Hamburg 2015)

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