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Es war einmal in Amerika

Von Andreas C. Knigge

Auch gut fünfzehn Jahre später habe ich die Szene noch immer gut vor Augen. Es war der letzte Tag der Comic Convention in San Diego, ein Sonntag. Wie üblich treffe ich mich zum Ausklang der Messe mit meiner Freundin Francine vom New Yorker Verlag Paradox Press auf Coronado Island. Wir sitzen auf der Holzterrasse vor dem viktorianischen Hotelpalast, den Billy Wilder 1959 in seiner Marilyn-Monroe-Komödie Manche mögen’s heiß kurzerhand nach Florida verpflanzt hat. Wir allerdings blicken an diesem Nachmittag vom Del Coronado auf die silbern in der Sonne blitzende Brandung des Pazifiks.

Fran schiebt mir einen imposanten Papierstapel über den Tisch. „We have something new …“ setzt sie an, doch da kommen auch schon die nächsten Margaritas. Wir bringen unseren Toast aus, und ich packe den von einem breiten Gummiband zusammengehaltenen Stapel zu den anderen, dünneren. Keine dreißig Meter über uns probt ein künftiger Pilot der US Air Force in einer F-14 mit unentschieden wankenden Tragflächen den Landeanflug auf die angrenzende Naval Base. Als Fran und ich uns wieder hören können, gibt es noch einen Toast auf das offenbar gelungene Manöver und kurz darauf einen weiteren auf das prächtige Wetter. It never rains in Southern California …

Am Tag darauf bin ich schon im Sonoma County, hundert Kilometer nördlich von San Francisco, und auf dem sich entlang des Russian River durch die Redwoods schlängelnden Highway 116 auf dem Weg zurück vom Sonnenuntergang am Goat Rock Beach, nicht weit von Bodega Bay, wo Hitchcock einst Die Vögel drehte. In Monte Rio mit seinen kaum neunhundert sich in den Wäldern verlierenden Einwohnern, wo ich wie jedes Jahr ein paar Tage nach der Convention verbringe, ist bereits alles dunkel, selbst der Saloon. Ich gehe auf mein Zimmer gleich hinter dem Wellblech-Kino am Ortseingang und nehme mir den Berg von in San Diego eingesammelten Comic-Projekten vor – alles, was ich schon hier aussortieren kann, brauche ich nicht mit über den Atlantik zu schleppen. Als erstes ist der von dem roten Gummi zusammengehaltene Stapel dran, das wäre schon mal eine deutliche Erleichterung.

„Stuck Rubber Baby“ steht auf der ersten Seite und „by Howard Cruse“, darunter „uncorrected proofs“. Auf dem nächsten Blatt prostet mir ein bärtiger Mann zu und schickt sich an, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen, offenbar so ziemlich von Anfang an. Die Zeichnungen haben nichts von dem, was gerade hipp ist, sie erinnern mich eher an die späten Sechziger, frühen Siebziger, an Robert Crumb und andere Zeichner des Undergrounds. Tatsächlich finden sich hier Howard Cruse‘ Wurzeln, in diesem kurzen, anarchischen und höchst folgenreichen Moment der amerikanischen Comics: Nach Veröffentlichungen in Heften wie Snarf, Bizarre Sex oder Dope Comix des Underground-Verlags Kitchen Sink Press und seinem ersten Erfolg Barefootz wird er 1979, Cruse ist fünfunddreißig, zum Mitbegründer und Herausgeber von Gay Comix, dem ersten explizit schwulen Comic-Heft. Ich kenne seine Serie Wendel aus The Advocate, ein amerikanisches Pendant zu Ralf Königs Konrad und Paul, wenn man denn will. Aber ich habe seinen Stil ganz anders in Erinnerung, eher funny-haft. Dies ist eindeutig ein anderes Kaliber, das klären schon die beiden kleinen Zeichnungen der Eröffnung, die die Folie der nachfolgenden Erzählung umreißen, auf der einen Seite Jackie und John F. Kennedy, auf der anderen eine Demonstration gegen die Gleichstellung der Schwarzen vor einem brennenden Bus, „Race mixers go back north“, „Close mixed schools“.

„Wenn ich zurückblicke, dann waren es gar nicht so viele Tote, die ich während meiner Jugend im Süden gesehen habe“, beginnt der Bärtige mit der Bierdose in der Hand, „aber ich habe keinen von ihnen jemals vergessen können.“ Ein Satz, der einen an den Haken nimmt, nach dem es nur weitergehen kann. Der Ich-Erzähler ist Toland Polk, der in den vom Rassenhass geprägten Fünfzigerjahren in Clayfield in Alabama im Süden der USA aufwächst, schließlich die Wirren seines Coming-outs durchlebt und ausgerechnet während dieser Zeit zur Army muss. Noch bevor das erste Kapitel zu Ende ist, hat der Sog der Geschichte mich in den Bann gezogen. Vor allem auch dadurch, wie sie erzählt ist: Bilder, die ein noch ganz anderes Tempo anschlagen als es Mitte der Neunziger herrscht, die eine Atmosphäre großer Intensität erzeugen anstatt mir hohle Effekte um die Ohren zu schlagen, vor allem aber Figuren, die trotz ihrer karikaturenhaften Züge glaubhaft wirken und in ihrem Erleben und Befinden äußerst differenziert gezeichnet sind – Dinge, die zu dieser Zeit in Comics noch nicht häufig anzutreffen sind.

Als ich die letzte Seite aus der Hand lege, geht draußen bereits die Sonne auf. Der Nebel über dem Russian River beginnt sich aufzulösen und gibt, als wolle er C. Raymond Clars ehrfürchtiger Beschreibung in Out of the River Mist alle Ehre machen, den Blick frei auf die Redwoods am gegenüberliegenden Ufer. Ich gehe nach draußen auf die Veranda, die noch kühle Luft duftet intensiv nach den feuchten Nadeln der Sequoias. Außer dem Zwitschern der Vögel trübt noch kein Geräusch die Stille. Nur langsam kehre ich aus den Straßen der Provinzstadt Clayfield in Alabama zurück in die Gegenwart, tauche wieder auf aus den Geschichten ihrer Bewohner. Ich bin wie betäubt, Cruse‘ Erzählung hat mich geplättet wie kaum ein anderer Comic zuvor – wenn Sie die nachfolgenden zweihundert Seiten noch vor sich haben, dann kann ich Sie nur beneiden angesichts der Zeitreise, auf die Sie sich gleich begeben werden. Denn alle Wendungen und Pointen und Ereignisse werden ebenso unerwartet und schonungslos über Sie hereinbrechen, wie sie in dieser Nacht im späten Juli 1995 über mich hereingebrochen sind.

Stuck Rubber Baby, soviel ist klar an diesem Morgen, wird mein Reisegepäck jedenfalls nicht leichter machen. Handys und E-Mail sind damals noch nicht groß verbreitet, und so schicke ich erst nach meiner Rückkehr nach Hamburg ein Fax nach New York und kaufe die deutschen Rechte. Nach langen Diskussionen im Verlag finden wir schließlich einen deutschen Titel: Am Rande des Himmels. Auf dem Cover wird darunter am Ende „Ein Comic-Roman“ stehen. Durch eine bewusst am Buchmarkt orientierte Ausstattung wollen wir den Band von anderen Comics abheben, um seinen literarischen Atem zu betonen und die Ernsthaftigkeit des Themas. Das Phänomen der Graphic Novels ist zu dieser Zeit kaum mehr als eine Randerscheinung, trotz Will Eisners Zum Herzen des Sturms und vor drei Jahren einem Pulitzerpreis für Maus von Art Spiegelman. In Deutschland redet noch so gut wie niemand davon, wir wissen, dass wir etwas Neues wagen. Mir liegt Cruse‘ Erzählung so am Herzen, dass ich mich selbst an die Übersetzung mache (die später sogar Gegenstand einer Diplomarbeit an der Johannes Gutenberg Universität Mainz wird).

In Am Rande des Himmels begibt sich Howard Cruse zurück an einen turning point der amerikanischen Geschichte, der geprägt ist durch die Bürgerrechtsbewegung und den Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit. Cruse ist noch ein Teenager, als Martin Luther King auf den Stufen des Lincoln Memorial in Washington vor über zweihunderttausend Menschen seine Rede „I Have a Dream“ hält, Joan Baez „We Shall Overcome“ zur Hymne des Freiheitskampfs macht und kurz darauf die Hoffnungen auf ein besseres Leben und Miteinander mit der Ermordung Kennedys brutal einen jähen Dämpfer erleiden. Es ist das Jahr 1963, und Cruse erlebt diese Zeit in seinem Geburtsort Birmingham in Alabama, das durch Dutzende von Bombenattentaten auf Kirchen, Häuser und Geschäfte von Schwarzen blutige Berühmtheit erlangt hat. Polizei und Ku-Klux-Klan stecken kaum verborgen unter einer Decke, achtundvierzig Anschläge in allein vier Jahren werden niemals aufgeklärt. In dem vorliegenden Comic-Roman ist aus Birmingham Clayfield geworden.

Neun Jahre vor dem Marsch auf Washington hatte der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung in öffentlichen Schulen für verfassungswidrig erklärt: Mit dem Grundsatz „separate but equal“ hat sich der Gerichtshof 1896 auf den Standpunkt gestellt, die im vierzehnten Verfassungszusatz garantierte Gleichheit sei keineswegs verletzt, solange ethnischen Minderheiten gleichwertige Einrichtungen zur Verfügung stünden wie Weißen. Mit dem Urteil von 1954 ist die Segregation nun offiziell aus den Angeln gehoben, doch vielerorts wird das schlicht ignoriert, es gibt auch weiterhin getrennte Schulen, Krankenhäuser, Zugabteile, Parkbänke und Toiletten für die farbige Bevölkerung. In Bussen müssen Schwarze zwar vorn beim Fahrer bezahlen, aber hinten einsteigen, wo sich die für sie vorgesehenen, in der Regel völlig überfüllten Sitzbänke befinden.

Als sich am 1. Dezember 1955 in Alabamas Hauptstadt Montgomery die 42jährige schwarze Näherin Rosa Parks in einem Akt zivilen Ungehorsams weigert, ihren Sitzplatz einem Weißen zu überlassen, und verhaftet wird, ist das für den damals noch weitgehend unbekannten Baptistenprediger Martin Luther King und seine Montgomery Improvement Association der Auslöser für den „Montgomery Bus Boycott“, der über ein Jahr andauert und die Stadtverwaltung schließlich dazu zwingt, die Rassentrennung in Bussen und Bahnen aufzuheben. Das ist der Beginn der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

Zusammen mit anderen Bürgerrechtlern gründet King die Southern Christian Leadership Conference (SCLC), um ähnliche Aktionen auch andernorts durchzuführen. Das soll „eine Krise schaffen und Spannungen erzeugen, so dass Kommunen, die Verhandlungen wiederholt verweigert haben, gezwungen sind, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen“. Vor allem der Boykott von Geschäften trifft die Wirtschaft der Südstaaten während der Rezession in den Fünfzigerjahren empfindlich. Die Staatsgewalt versucht King mit Anschuldigungen wie Beamtenbeleidigung, Geschwindigkeitsüberschreitung und Steuerhinterziehung beizukommen. In Florida wird er später in Handschellen abgeführt und zu sechs Monaten Zwangsarbeit verurteilt, nur weil er, als er von Montgomery nach Atlanta zieht, seinen Führerschein nicht umgehend umgemeldet hat; es bedarf der Intervention des damaligen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, John F. Kennedy, um seine Freilassung gegen Kaution zu erwirken.

Obwohl sich die SCLC an Gandhis Prinzip der Gewaltfreiheit orientiert, reagiert die Mehrheit der weißen Bevölkerung unmissverständlich. Auf Kings Haus und seine Kirche werden Bombenanschläge verübt, es kommt zu einer Serie von Lynchmorden durch den Ku-Klux-Klan (die natürlich nie aufgeklärt werden), „Bürgerräte“ gründen sich, um schwarzen Kindern den Zugang zu Schulen zu verwehren. In Little Rock in Arkansas setzt der dortige Gouverneur Orval Faubus 1957 die Nationalgarde ein, um neun von der Central High School angenommene Schwarze am Betreten der Schule zu hindern; Präsident Eisenhower muss tausendzweihundert Soldaten der 101. Luftlandedivision in die Stadt schicken, die mit aufgesetzten Bajonetten die Kinder in die Schule eskortieren, über drei Monate hinweg. (Die weiße Bevölkerung zeigt sich davon unberührt und bestätigt Faubus bei den nächsten Wahlen in seinem Amt.)

Die Proteste der Schwarzen werden zum brennendsten innenpolitischen Problem der USA und 1960 auch ein zentrales Thema bei den Präsidentschaftswahlen. Dass sich Kennedy entschieden für die Rechte der Afroamerikaner engagiert, bringt ihm die Unterstützung eines großen Teils der Schwarzen ein und verhilft ihm zum – wenn auch mit einer Mehrheit von 112.881 Stimmen nur knappen – Wahlsieg. Mit 43 Jahren ist Kennedy der bislang jüngste Präsident der Vereinigten Staaten und wird zum Symbol eines Neubeginns. Widerstände im Kongress jedoch zeigen ihm schnell seine Grenzen auf, und obwohl er einige Schwarze in wichtige Ämter beruft, überlässt der neue Präsident Bürgerrechtsfragen lieber den Gerichten, anstatt auf die Verabschiedung entsprechender Gesetze zu drängen.

1963, dem Jahr, in dem Am Rande des Himmels spielt, ist die Rassentrennung in den Staaten Alabama, Georgia, Louisiana, Mississippi und South Carolina noch an nicht einer einzigen Schule aufgehoben worden. In Birmingham lässt der dortige Polizeichef Eugene „Bull“ Connor eine friedliche Demonstration von überwiegend Kindern, den „Children’s Crusade“, mit brutaler Gewalt auflösen und fast tausend minderjährige Jungen und Mädchen verhaften. Martin Luther King wird als „Rädelsführer“ zu seiner inzwischen dreizehnten Gefängnisstrafe verurteilt, während der er am 16. April den „Letter from a Birmingham Jail“ verfasst, seine berühmte Erwiderung auf die Angriffe weißer Kirchenväter.

Nach seiner Freilassung werden auf King und dessen jüngeren Bruder Bombenattentate verübt, Kennedy entsendet dreitausend Soldaten in das Krisengebiet. Doch auch das kann Mitte September nicht einen Sprengstoffanschlag auf die Sixteenth Street Baptist Church verhindern, bei dem vier schwarze Mädchen, zwischen 11 und 14 Jahre alt, ums Leben kommen. (Dank eines Zeugen wird schließlich ein gewisser Robert Chambliss verhaftet. Er ist Klan-Mitglied, wird aber vom Gericht von der Mordanklage freigesprochen und lediglich wegen Besitzes von hundertundzwölf Stangen Dynamit zu einer Geldstrafe von hundert Dollar sowie einem halben Jahr Haft verurteilt.)

Howard Cruse greift das Ereignis in Am Rande des Himmels mit dem Attentat auf das Melody Motel auf. Er ist bei der Beerdigung der vier Mädchen damals dabei. „Es waren überwiegend Schwarze da, nur ein paar Weiße mit entsetzten Gesichtern“, erinnert er sich. „Einige Bürgerrechtler und ein paar Leute wie ich, die einfach nur zeigen wollten, dass sie die Tat verurteilen und kein Problem mit Schwarzen haben. Martin Luther King hielt die Totenrede. Dann trat er aus der Kirche, gefolgt von den Leichenträgern mit den Särgen und den weinenden Eltern, und die Menge begann ‚We Shall Overcome‘ zu singen. Ich habe nicht mitgesungen, ich hatte das Gefühl, kein Recht dazu zu haben.“ Das Ereignis wird zum Wendepunkt in Birmingham und führt zum Niedergang der Stadt. „Die Leute zogen reihenweise weg, weil sie nicht an einem Ort leben wollten, an dem Kinder an einem Sonntag in der Kirche ermordet werden. Damit will ich nicht sagen, dass nun alles anders wurde, aber der Schock sorgte schon für eine spürbare Veränderung.“

Stuck Rubber Baby ist kein autobiografischer Comic-Roman, auch wenn er äußerst dichte autobiografische Bezüge und Parallelen aufweist. „Ich erzähle eine frei erfundene Geschichte“, stellt Cruse klar. „Doch die hier geschilderten Ereignisse basieren auf eigenen Erlebnissen und denen von Freunden und Bekannten wie auch auf Nachrichtensendungen und Zeitungsartikeln, die das Land damals in Atem hielten.“ Er schildert die als das Jahr der „Negro Revolt“ bekannt gewordene Zeit nicht allein durch die Augen des zurückblickenden Toland Polk, sondern lässt die Ereignisse vielmehr im Fühlen, Denken und Handeln einer ganzen Gruppe von Personen lebendig werden, die er mit all ihren menschlichen Schwächen und Widerborstigkeiten zeichnet. Dabei verbindet er ihre psychologischen Motivationen untrennbar mit der Zeitfolie und macht deutlich, dass Gesellschaft und Individuum den gleichen Repressionsmechanismen unterliegen und dass Selbstbefreiung ein ebenso notwendiger Prozess ist wie der Kampf für eine freie Gesellschaft – wenn auch ein oftmals noch schwierigerer.

Am deutlichsten zeigt sich das an Cruse‘ Alter Ego Toland Polk, der sich nicht einzugestehen getraut, dass ihn Männer anziehen. Homosexualität existiert damals nur im Verborgenen, in verruchten, abgelegenen Bars wie dem Rhombus und dem Alleysax (für die Cruse das Sand Ridge in Birmingham als Vorlage diente), und bedeutet für Betroffene große Probleme. Als Gore Vidal 1948 etwa die Sehnsucht eines jungen Tennislehrers nach dem ehemaligen Schulfreund Bob zum Thema seines Romans Geschlossener Kreis macht, die erste ernsthafte Darstellung von Homosexualität in der amerikanischen Literatur überhaupt, lehnt selbst die New York Times Anzeigen für das Buch ab; um als Schriftsteller zu überleben, ist Vidal während der nächsten Jahre gezwungen, ein Pseudonym zu benutzen. Oder der Bürgerrechtler Bayard Rustin, der zusammen mit Martin Luther King die SCLC gegründet hat – er muss sich von der politischen Arbeit zurückziehen, nachdem FBI-Chef J. Edgar Hoover hat deutlich werden lassen, andernfalls dessen Homosexualität öffentlich zu machen.

Toland fürchtet aber nicht nur Diskriminierung, sondern darüber hinaus – wie es ihm seine Umgebung suggeriert – ein Leben ohne Erfüllung. „Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck, weil ich auf einmal spürte, dass ich an diesem Glück niemals würde teilhaben können. Ich war anders geboren worden … und niemand würde mich jemals ansehen und denken, wie wunderbar es sei, dass ich verliebt bin“, geht ihm in einer der bewegendsten Szenen in diesem Buch durch den Kopf. Erst langsam erkennt er im weiteren Verlauf der Handlung, dass Rassismus und Homophobie den gleichen Ursprung haben, und so kann er sich endlich doch zu seiner sexuellen Hautfarbe bekennen.

Stigmatisierung birgt immer auch das Potenzial einer Sensibilisierung für die Situation anderer Randgruppen in sich und vermag Vorurteile gegen Minderheiten generell ins Wanken zu bringen. So verliebt sich Toland schließlich in einen schwarzen Jungen – der wohl furchtbarste aller Weltuntergangs-Alpträume eines jeden white anglo-saxon protestant. Mit Tolands Liebe zu Les Pepper, dem Sohn eines schwarzen Pfarrers und einer Jazzsängerin und Aktivistin, öffnet Cruse auch den Blick auf die Situation einer Minderheit innerhalb einer Minderheit. Als Schwarzer kann man sich nicht verstecken, Homosexualität hingegen lässt sich verbergen. Um den hohen Preis der Selbstverleugnung freilich – weshalb später die Schwulenbewegung „out of the closet“ zu ihrer Parole macht.

Die meisten Schwulen haben sich in ihrer verborgenen Welt aus versteckten Etablissements und anonymem Sex eingerichtet und verschaffen sich innerhalb der Bürgerrechtsbewegung nur zögerlich Gehör. Zum Initialfunken wird eine der damals üblichen Razzien in der Christopher Street, der main street des schwulen New York. Am 28. Juni 1969 lassen sich dort die Gäste des Stonewall Inn die ständigen Demütigungen nicht mehr gefallen und liefern sich eine fast einstündige Straßenschlacht mit der völlig überrumpelten Polizei. Die Nachricht vom Widerstand gegen die Polizeischikanen, der auch während der nächsten Tage im New Yorker Greenwich Village immer wieder auflodert, verbreitet sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land und führt noch in der gleichen Woche zur Gründung der Gay Liberation Front.

Das wird zur Keimzelle einer rasch wachsenden Schwulenbewegung, in deren Umfeld Cruse später mit der Herausgabe der Gay Comix beginnt. Mit den Comics von Robert Crumb ist Ende der Sechzigerjahre eine Undergroundszene entstanden, deren Infrastruktur schon bald die Veröffentlichung feministischer Hefte wie It Ain’t Me, Babe (betitelt nach einer Songzeile von Bob Dylan) oder Wimmen’s Comix ermöglicht. Howard Cruse knüpft daran an und wird bald zum engagiertesten und populärsten Zeichner offen schwuler Comics in den USA, vor allem mit seiner Serie Wendel, die er 1983 beginnt, findet er große Beachtung. Trotz des Erfolgs dieser charmant-komischen Chronik des schwulen Alltags in den USA gibt er die Serie um den emanzipierten, idealistischen jungen city dweller Wendel und dessen Freund Ollie nach sechs Jahren auf und beginnt mit Stuck Rubber Baby.

„Als ich mit dem Buch anfing, glaubte ich, die Arbeit in zwei Jahren bewältigen zu können“, so Cruse. Es werden schließlich vier, und nur mit der Unterstützung von Freunden schafft er es, diese Zeit zu überbrücken. Als Stuck Rubber Baby Ende 1995 in den USA erscheint, wird das Buch sowohl mit dem Eisner wie mit dem Harvey Award ausgezeichnet, in England mit dem Comic Art Award, für die deutsche Übersetzung gibt es den von der Zeit und Radio Bremen vergebenen Luchs, etwas verspätet, 2002, kommt dann auf dem internationalen Comic-Salon im französischen Angoulême noch der Prix de la critique dazu.

Beinahe auf den Tag genau ein Jahr nach meiner nächtlichen Zeitreise am Russian River bekomme ich einen Brief von Howard Cruse (wie gesagt, es ist die Zeit noch vor den E-Mails). Er schreibt, wie sehr es ihn gestärkt und ermutigt habe, als er in einer nach dem Abschluss seines Buches für ihn nicht einfachen Situation von seinem Verlag erfuhr, dass mit meinem Fax die erste Anfrage nach den Übersetzungsrechten eingegangen sei. Dem Brief liegt eine signierte Originalseite aus Stuck Rubber Baby bei, unten steht mit Bleistift: „For Andreas, my industrious translator, with warmest regards.“ Die Seite zeigt Toland Polk, der nicht die Augen öffnen will, da er fürchtet, sein Glück in diesem Moment könne womöglich nur ein Traum sein, und hängt bis heute über meinem Sofa, zwischen Will Eisners Spirit und Nestor Burma von Jacques Tardi.

Irgendwann war Am Rande des Himmels vergriffen, und ich muss gestehen, dass ich während der letzten zwei, drei Jahre auf eine Neuausgabe förmlich gewartet habe: Inzwischen ist das Thema Graphic Novel auch in Deutschland angekommen – und Stuck Rubber Baby ist zweifellos eine der kühnsten und eindrucksvollsten Graphic Novels, die bisher geschrieben und gezeichnet wurden. Und sie hat in den vergangenen Jahren nicht eine Unze von ihrer Frische und Größe verloren.

Voilà: Überzeugen Sie sich!

(Nachwort zu Howard Cruse: Stuck Rubber Baby, Cross Cult, Ludwigsburg 2011)

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