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DIE AKTE LARGO WINCH

Von Andreas C. Knigge

„Sie haben also alles herausgefunden“, lautet die erste Sprechblase, „Ja.“ die zweite. Dazwischen nichts als ein gleißend strahlender Kronleuchter an der getäfelten Zimmerdecke. Beim zweiten Hingucken ist zu erkennen, dass auch noch weitere Lampen brennen, wie als Zeichen dafür, dass nun etwas ans Licht kommen wird. Sonst ist nichts zu sehen in dem Raum, außer ein paar Bildern an den Wänden. Deren vergoldete Rahmen und auch die barocke Tapete signalisieren Luxus. Wer hier zu Hause ist, der hat Geld. Verdammt viel Geld. Das bestätigt auch gleich das zweite Bild. Ein modernes Bürohochhaus aus einiger Entfernung. Es ist Nacht. Beinahe alle Fenster sind dunkel. Nur das Penthouse in der obersten Etage ist hell erleuchtet, das also ist der Schauplatz des Geschehens. Der Ort: Irgendwo in New York. Die Zeit: Ein Sonnabend im Mai irgendeines Jahres.

Dann unter dem Blick von außen drei weitere Bilder, die dorthin zurückkehren, wo sich eben der Eröffnungsdialog ereignet hat, sechs knappe Worte, durch die ein Konflikt in die Welt gesetzt ist wie mit einem Hammerschlag, mit denen eine handfeste Auseinandersetzung im Raum steht. Doch noch immer lässt sich keiner der Kontrahenten identifizieren. Links ein Mann im Rollstuhl, sein Gesicht wird von einer Sprechblase verdeckt. Rechts ein Mann im schwarzen Smoking, auf dessen Gesicht ein schwarzer Schatten fällt. Er dreht gerade den Schalldämpfer auf seinen Revolver. Zwischen den beiden ein antiker Schreibtisch, auf dem eine Akte liegt. Um das, was die enthält, scheint es also zu gehen.

Mit dieser Seite beginnt der Comic-Thriller Largo Winch, dessen erster Band mit dem harmlos klingenden Titel Der Erbe Ende 1990 zunächst in Frankreich und Belgien in die Buchhandlungen kommt. Gerade mal fünf Bilder, durch die man so gut wie nichts erfährt und die den Leser dennoch vom ersten Moment an elektrisieren. So vermag nur ein wahrer Meister der Spannungsliteratur eine neue Geschichte zu eröffnen. Der belgische Verlag Dupuis wagt deshalb eine mutige Startauflage von fünfzigtausend Exemplaren. Wenige Tage später ist Der Erbe restlos ausverkauft und muss eiligst nachgedruckt werden. Damit ist Largo Winch aus dem Stand heraus zum Bestseller geworden und zählt nach wie vor zu den meistverkauften Albumserien in Europa. Siebzehn Titel sind bislang erschienen, und die Reihe ist heute erfolgreicher denn je: 2001 startet eine Fernsehserie mit 39 Folgen (mit Paolo Seganti als Largo Winch; in Deutschland bei Pro7), im Jahr darauf folgt ein Computerspiel und 2008 der Kinofilm Tödliches Erbe (diesmal mit Tomer Sisley in der Hauptrolle), dessen Fortsetzung am 16. Februar 2011 in Brüssel Premiere feiert. Die Startauflage eines neuen Comic-Albums beträgt heute weit über eine halbe Million Exemplare.

Bei den Comics als grafischer Erzählform gilt die öffentliche Aufmerksamkeit in der Regel den Zeichnern, während die Autoren gewöhnlich eher im Hintergrund stehen. Ihr individueller Stil und ihre Kunstfertigkeit sind es, die als Erstes ins Auge fallen und die Atmosphäre einer Erzählung prägen, die Leistung des Szenaristen ist weniger offensichtlich, deshalb wird er leicht vergessen. Bei Largo Winch ist das anders, denn Jean van Hamme gilt auch schon vor 1990 als einer der besten und erfolgreichsten Comic-Autoren in Europa. In Frankreich und Belgien wird er gerne sogar „Mister zehn Prozent“ genannt, da angeblich jedes zehnte dort verkaufte Album aus seiner Feder stammen soll. Auch wenn das vielleicht übertrieben sein mag, so macht der Beiname doch eindrucksvoll die Stellung deutlich, die van Hamme heute unter den Schreibern einnimmt.

Grund genug, einen kurzen Blick auf seinen Werdegang zu werfen. Geboren wird Jean van Hamme am 16. Januar 1939 in Brüssel. Er studiert Wirtschaftswissenschaft, Jura und Journalismus und wird schließlich Manager bei dem Elektronikkonzern Philips. Allerdings interessiert er sich darüber hinaus immer auch für das Schreiben, und so erscheint schon 1968 sein erstes Comic-Album Epoxy, eine damals zwar legendäre, inzwischen jedoch längst vergessene erotische Fabel, die Paul Cuvelier in Szene setzt. Auch während der nächsten Jahre schreibt er immer wieder vereinzelte Comics – in Deutschland erschienen ist unter anderem Abenteuer ohne Helden in Zusammenarbeit mit Dany – bis er sich am Ende dafür entscheidet, seine Stelle bei Philips aufzugeben und sich ganz seiner Passion hinzugeben.

Ein Sprung ins kalte Wasser, denn nun ist er ein Nobody, einer unter Vielen. Zunächst versucht er es mit Kriminalromanen, und so entsteht 1977 Largo Winch. Während der nächsten drei Jahre schreibt er sechs Thriller, die im Verlag Mercure de France erscheinen und mäßig erfolgreich sind. Immerhin, vom ersten Band werden elftausend Exemplare verkauft. Dann entsteht das Drehbuch für Diva (1981) von Jean-Jacques Beneix, den mit vier Césars ausgezeichneten aber leider ebenfalls in Vergessenheit geratenen Achtzigerjahre-Kultfilm um den Postboten Jules, der ein glühender Verehrer der Operndiva Cynthia Hawkins ist: Die Sängerin hat nie eine Platte aufgenommen, da ihr dabei die Nähe zum Publikum fehlt; als sie nach Paris kommt, nimmt Jules heimlich ihr Konzert auf und wird sodann von zwei Taiwanern gejagt, die mit allen Mitteln in Besitz des Tonbandes kommen wollen, um mit Schwarzpressungen ein Vermögen zu machen. Diva wird zum Grundstein des „cinéma du look“, der wichtigsten Erneuerung des französischen Kinos seit der Nouvelle Vague.

Aber auch die Comics verliert van Hamme nicht aus den Augen. Ein erster Erfolg gelingt ihm ab 1980 zusammen mit dem aus Polen stammenden Zeichner Grzegorz Rosinski mit der Serie Thorgal um den Jungen aus einer anderen Welt, der im siebten Jahrhundert auf die Erde gelangt und bei Wikingern aufwächst. Bis heute sind bereits über dreißig Bände erschienen. Dann folgt in Zusammenarbeit mit William Vance ab 1984 der Thriller XIII (bislang zwanzig Bände) um einen Geheimagenten ohne Gedächtnis, der auf der Suche nach seiner Vergangenheit von mysteriösen Gegnern gejagt wird: Ein atemberaubender Reißer, in dem sich bereits Vieles von dem andeutet, was er schließlich mit Largo Winch weiterentwickeln wird.

Thorgal und XIII begründen van Hammes Ruf als europäischer Erfolgsautor. Dreimal wird er mit dem belgischen Prix Saint-Michel ausgezeichnet sowie 1989 auch mit dem Publikumspreis des Internationalen Comic-Salons im französischen Angoulême. Auf dem Comic-Salon in Erlangen erhält er zudem 1994 den Max-und-Moritz-Preis. Da sind bereits auch schon die ersten vier Alben von Largo Winch erschienen, die in dem vorliegenden Band nun erstmals zusammengefasst vorliegen.

1990 datiert das Erscheinen des letzten Largo Winch-Krimis bereits zehn Jahre zurück, inzwischen sind die Romane vergriffen und vergessen. Da erhält van Hamme eines Tages einen Anruf von einem jungen Zeichner. Philippe Francq, geboren am 13. Dezember 1961 in dem Brüsseler Vorort Etterbeek, hat eine Ausbildung zum Zeichner am Institut Saint-Luc absolviert, ab 1984 als Assistent von Bob de Moor im Studio Hergé gearbeitet und inzwischen einige erste eigene Comic-Alben veröffentlicht (auch in Deutschland erschienen ist 1989 Helen). Nun hat er allen Mut zusammengenommen und fragt den Starautor der franko-belgischen Comics nach einer möglichen Zusammenarbeit. Van Hamme erkennt Francqs Talent und arbeitet Largo Winch zu einem Comic-Szenario um, jeweils einen Roman zu zwei Alben.

Francq läuft bei der Adaption zu Höchstformen auf. Schon wenige Tage nach Erscheinen ist der erste Band ausverkauft. Das liegt natürlich an dem Ruf, den van Hamme sich inzwischen erarbeitet hat, doch dass Largo Winch schließlich zu dessen größtem Comic-Erfolg wird, ist nicht zuletzt auch das Verdienst von Philippe Francq, der es meisterhaft versteht, das Szenario in ebenso elegante wie rasante Bilder umzusetzen. Inzwischen dauert die Zusammenarbeit zwischen Francq und van Hamme seit über zwei Jahrzehnten an, und anfangs kann man sich fest darauf verlassen, dass jedes Jahr pünktlich im November ein neues Album erscheint. Nach van Hammes sechzigstem Geburtstag im Jahre 1999 jedoch ist der Erscheinungsrhythmus etwas langsamer geworden.

In Der Erbe nehmen die Dinge ihren Lauf. Der Mann im Rollstuhl, dessen Gesicht auf der ersten Seite nicht zu sehen ist, entpuppt sich als Nerio Winch, einer „der mächtigsten Männer dieses Planeten“ und Chef der „größten Holding internationaler Unternehmen, die je von nur einem Mann geleitet wurde“. Der hat nun eine Unterredung mit dem Unbekannten im schwarzen Smoking und liegt am Ende vor seinem Firmenhochhaus tot auf der Straße.

Dann schwenkt die Handlung um in einen der östlichsten Winkel Europas, nach Istanbul, wo man nur den Bosporus überqueren braucht und auch schon in Asien ist. Dort ist es bereits Sonntag, die Sonne steht hoch am Himmel und lässt die Minarette der Blauen Moschee in gleißendem Licht erstrahlen. An die Stelle der kalten New Yorker Hochhausarchitektur und schnurgeraden mehrspurigen Straßen treten jetzt urbane Gassen, über die sich Wäscheleinen spannen. Und hier beginnt nun das Abenteuer von Nerio Winchs Adoptivsohn Largo ...

Es ist zugleich auch das Abenteuer Jean van Hammes, der 1976 seinen gut dotierten Job in der Chefetage von Philips kündigt, um diese Geschichte schreiben zu können, zunächst als Kriminalroman. Der dann allerdings über zehn Jahre warten muss, bis er einem jungen Zeichner begegnet, der ihr die passende Form gibt.

(Vorwort zu Jean van Hamme/Philippe Francq: Largo Winch Band 1, Verlag Schreiber & Leser, München 2011)

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