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BEFREIENDE KOMIK
Zur gesellschaftlichen Relevanz der Comics von Ralf König

Von Andreas C. Knigge

Stünde unter dem Titel Der Straffall Lothar Weiss nicht »Erdacht und zu Papier gebracht von Ralf König«, es käme wohl kaum jemand auf die Idee, dass der Comic, erschienen 1981, aus der Feder des Zeichners stammt, dessen Name verbunden wird mit Bestsellern wie Der bewegte Mann, Kondom des Grauens oder Lysistrata, mit Figuren wie Konrad und Paul, Luigi Mackeroni oder Roy und Al. Geschildert ist auf den sechs Seiten der Prozess gegen einen achtunddreißigjährigen KFZ-Mechaniker wegen »Verführung eines Minderjährigen zu homosexuellen Handlungen im Sinne des § 175 und 176 des Strafgesetzbuches«. Daneben entrollt sich, als Parallelhandlung zwischen die Gerichtsszenen geschnitten, die Geschichte des Kennenlernens von Lothar und Stefan, der Beginn einer zärtlichen Liebesbeziehung, die schließlich von einem Außenstehenden angezeigt, nun verhandelt und am Ende geahndet wird. »Weg mit den Paragrafen 174, 175 und 176!«, heißt es kämpferisch zum Schluss. »Sexuelle Gewalthandlungen und Nötigungen werden bereits durch andere Paragrafen ausreichend abgedeckt!«

Die kurze Geschichte ist politisch engagiert im Sinne einer vordergründigen Botschaft, und sie ist gezeichnet in einem auf Naturalismus bedachten Stil – deshalb würde man heute kaum Ralf König als Urheber vermuten. Obwohl der mit schwulen Themen in seinen Comics so eng in Verbindung gebracht wird, dass es unlängst sogar jemand für nötig hielt, auf der Wikipedia-Seite über ihn einen Absatz zu ergänzen, dass in seinem 2007 erschienenen Buch Hempels Sofa »eine heterosexuelle Frau mit ihren Schwierigkeiten beim Suchen und Finden der Liebe« die Hauptfigur sei. Allerdings sind seine Mittel, in gesellschaftlichen Debatten Stellung zu beziehen, längst andere – 1981, gerade hatte er sein Coming-out hinter sich, stand König ganz am Anfang seiner Karriere als Zeichner und hatte seinen persönlichen Stil noch nicht gefunden –, heute ist seine Waffe der Humor und weniger, wie im Straffall Lothar Weiss, der Appell an die Vernunft, rationale Argumentation.

Die Pubertät der Republik

Im Zusammenhang mit Ralf König mag »Waffe« im ersten Moment fehl am Platze klingen, denn natürlich ist er vor allem als Humorist populär geworden, seine Comic-Bücher sind von einem unbeschwerten, zündenden Witz, der einen an alles andere denken lässt als ausgerechnet an Probleme oder gar gesellschaftliches Engagement. Man muss sich zurückversetzen in die Zeit, als König zu zeichnen begann. Das war 1979, und da gab es die besagten Paragrafen noch (die Minderjährigkeit immerhin war gerade vier Jahre zuvor von einundzwanzig auf achtzehn Jahre heruntergesetzt worden) und obendrein einen Franz Josef Strauß, der öffentlich posaunte, er wolle »lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder«. Als die ARD am 8. November 1977 um 21.15 Uhr Wolfgang Petersens Die Konsequenz ausstrahlte, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Alexander Ziegler mit einer ähnlichen Thematik wie Der Straffall Lothar Weiss, klinkte sich der Bayerische Rundfunk aus und zeigte stattdessen den Heimatfilm Der Sternsteinhof. Im gleichen Jahr sorgte Bernd Clüvers Schlager Mike und sein Freund für einen Skandal und wurde von den Rundfunkanstalten boykottiert. 1984 dann die Kießling-Affäre um die vorzeitige Verabschiedung des Vier-Sterne-Generals und damaligen NATO-Oberbefehlshabers Günter Kießling, dem man Homosexualität unterstellte (was sich schließlich als nicht zutreffend erwies) und damit wegen der angeblichen Gefahr der Erpressbarkeit nicht länger tragbar fand.

Die Republik steckte noch in tief der Pubertät und war Lichtjahre davon entfernt, als dass auf einem SPD-Sonderparteitag der nominierte Kandidat für das Amt des regierenden Bürgermeisters von Berlin hätte bekennen können: »Ich bin schwul – und das ist auch gut so!« Dass Klaus Wowereit diesen Satz 2001 wagen konnte, um Diffamierungen durch die politische Gegenseite zuvorzukommen, und damit unbeschädigt blieb, ist nicht zuletzt – auch das mag überzogen klingen, ist es jedoch keineswegs – ein Verdienst von Ralf König. Nur wenige Zeitgenossen sind (sicher wäre hier auch Alice Schwarzer zu nennen) als einzelne Person derart eng verknüpft mit einem Aspekt der gesellschaftlichen Liberalisierung in der Bundesrepublik Deutschland wie er. Ralf König ist damit nicht nur der bekannteste und witzigste deutsche Comic-Zeichner, er ist vor allem auch der couragierteste.

Als seine ersten Comics erschienen, in Underground-Comic-Magazinen und Zeitschriften der Schwulenbewegung, konnte sich so etwas wie »Metrosexualität« niemand überhaupt nur vorstellen (und erst recht nicht, dass der von dem Briten Mark Simpson 1994 geprägte Begriff eines Tages sogar zum Marketingtool der Werbeindustrie werden würde). Jeder auch nur annähernd »unmännliche« Zug bei Männern war strickt verpönt und führte sofort zu Gerüchten mit manchmal, wie etwa im Fall Kießling, fatalen Folgen. »Wenn man Ende der Siebziger jemandem anvertraute, man sei schwul, dann guckte der einen im besten Fall verständnisvoll an, legte die Stirn in Falten und war zutiefst betroffen«, beschreibt Ralf König das Klima zur Zeit seines Coming-outs. »Noch heute wird ja manchmal vom 'bekennenden Homosexuellen' geschrieben, aber was gibt es da eigentlich zu 'bekennen'? Ich habe damals Comics darüber gezeichnet und das war neu, da war einer, der sich seines Schwulseins nicht mal schämte, sondern Witze darüber riss. Das war der richtige Ton zur richtigen Zeit.«

Natürlich wird Ralf König in erster Linie deshalb geschätzt und gelesen, weil seine Comics komisch sind – und das ist auch gut so! Ein Kompliment, das ihn in den letzten Jahren am meisten gefreut hat, stammt von der französischen Tageszeitung Le Monde, die in einer Rezension schrieb: »Es kommt nur selten vor, dass uns ein deutscher Zeichner zum Lachen bringt.« Als die französische Nationalbibliothek 2000 die Ausstellung Maîtres de la bande dessinée européenne zeigte, wurde Ralf König neben e.o. plauen als einziger Comic-Künstler aus Deutschland in die Schau auf die »Meister des europäischen Comics« aufgenommen. Und 2005 erhielt er in Frankreich für sein Buch Wie die Karnickel mit dem Prix Alph'Art sogar die höchste europäische Comic-Auszeichnung als bester Autor.

Der Comic mit dem Stilmittel der zeichnerischen Übersteigerung ist für Königs Humor das perfekte Medium. Dass sein Witz allerdings nicht nur comictauglich ist zeigen inzwischen vier Verfilmungen (zwei weitere sind derzeit in Vorbereitung): Sönke Wortmanns Der bewegte Mann wurde 1994 mit sechseinhalb Millionen Zuschauern zum bis dato zweiterfolgreichsten Film der deutschen Kinogeschichte, mit dem Bundesfilmpreis und der Goldenen Leinwand ausgezeichnet und in siebenundvierzig Ländern gezeigt.

Trotzdem sieht Ralf König das Thema Film durchaus zwiespältig. »Banaler Fakt: Comics und Film sind zweierlei. Der Unterschied liegt nicht nur darin, dass ich bei meinen Comics quasi Drehbuchautor, Regisseur und Kameramann bin, Casting, Licht oder Make-up selbst mache und somit nur mit Papier und Stift die alleinige Kontrolle über die Storys habe. Comic und Film sind zwei unterschiedliche Erzählformen mit einer jeweils eigenen Bildsprache, und vieles, was mit gezeichneten Figuren urkomisch wirkt, funktioniert im Film weniger oder anders. Erst recht beim Realfilm. Vor allem aber zeichne ich meine Geschichten, ohne auf Quote und Publikumsgeschmack schielen zu müssen, und auch um aus dem Ruder laufende Kosten brauche ich mir keine Sorgen machen, denn ich muss keine Schauspieler, Kulissen oder teuren Spezialeffekte bezahlen.«

Prall aus dem Leben

Als 1978 Isaac B. Singer der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, sagte er in seiner Rede, die erste Aufgabe eines Schriftstellers sei es, ein Geschichtenerzähler zu sein. Er sagte keineswegs »nur ein Geschichtenerzähler zu sein«, und genauso wenig versteht sich Ralf König »nur« als Humorist (obwohl zündender Humor zu den schwierigsten literarischen Disziplinen überhaupt gehört). Über seinen Witz hinaus ist er auch zum Chronisten des schwulen Alltags geworden, den er über viele Jahre vor allem mit seinen so gegensätzlichen Charakteren Konrad und Paul begleitet und dokumentiert hat.

Ralf König schaut dem Leben das Typische und Banale ab, wirft das mit spitzer Feder aufs Papier und nimmt so treffsicher und pointiert die Moden, Macken und Marotten von Tunten und Lederkerlen aufs Korn. Oder er witzelt über die nur allzu menschlichen (und keineswegs immer typisch homosexuellen) Schrullen und Launen seines ungleichen Paars. Etwa wenn sich Konrad und Paul in der Videothek auf einen Film für einen verregneten Sonntagnachmittag zu einigen versuchen. Während Paul auf die Jean-Claude-van-Damme-Kassetten schielt, besteht Konrad auf etwas mit Anspruch. »Mit Anspruch?« Paul verdreht die Augen. »Ich seh schon wieder Meryl Streep hochschwanger von der Gestapo gehetzt zur Wodkaflasche greifen! Ich weiß, worauf das hinausläuft! Am Ende sitzen wir auf dem Sofa und gucken irgendwas von Margarete von Trotta!!!«

Zwar teilen die beiden Knollennasen seit vielen Jahren Bett und Kühlschrank, doch aus der einstigen Liebe ist irgendwann eine »offene Zweierbeziehung« geworden. Während Konrad eher romantisch disponiert ist und höchstens mal mit einem seiner Klavierschüler flirtet, ist Paul ständig auf der Piste und treibt sich in den einschlägigen Lederläden herum. Wann die beiden zuletzt miteinander geschlafen haben, weiß keiner mehr genau, aber bislang hat es ganz gut geklappt so. In Superparadise (1999) können sie sich nicht auf ein gemeinsames Urlaubsziel einigen, während Konrad nach Kreta will, um minoische Tempel zu besichtigen, zieht es Paul an den Schwulenstrand auf Mykonos. Also fährt Paul allein und lässt sich im »Superparadise« natürlich sofort gehörig den Kopf (und einiges mehr) verdrehen. Doch kaum ist er wieder zu Hause, erfährt er noch auf dem Flughafen, dass sein Freund Klaus an Aids gestorben ist. Gleich nach der Beerdigung beschließt er, selbst den Test zu machen. Und dessen Ergebnis ist positiv.

»Paul ist eine Figur, in der sich viele meiner Leser wiedererkennen«, sagt Ralf König über das Buch. »Jeder ist mal unvorsichtig, macht hier eine Ausnahme oder vergisst sich da, und das wird dann schnell verdrängt. Diese Ich-doch-nicht-Haltung wollte ich mit Superparadise thematisieren. Und da ich das konsequent tun wollte, habe ich es Paul als eine der beiden Hauptfiguren treffen lassen.« Der Schock des Testergebnisses trifft auch den Leser. Was als schrille Komödie beginnt, geht nun weiter als Schilderung einer Achterbahnfahrt der Gefühle: Der Widerstand gegen die unumstößliche Wahrheit, infiziert zu sein; der Umgang damit, dass sich dadurch zunächst nichts verändert und doch plötzlich alles anders ist; der Versuch, der Krankheit einen Sinn zu geben; die Frage »Wem sag ich’s?«. Ralf König erzählt davon anrührend, aber ohne sich in Moral oder Pathos zu verlieren. Vielen Szenen gewinnt er durch seinen Sinn für komische Details sogar eine herrliche Leichtigkeit ab.

Von der Argumentationskultur der Siebzigerjahre mit ihren endlosen Wohngemeinschaftsdebatten hat sich Ralf König schon früh abgesetzt. Aber er bezieht nach wie vor, wie einst im Straffall Lothar Weiss, deutlich Position in seinen Comics und vertritt in gesellschaftlichen Diskussionen klare Standpunkte, die sich nun allerdings nicht mehr argumentativ, sondern durch situative Komik und den Alltagswitz seiner Figuren mitteilen. Königs Comics sind im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Leben gegriffen. In Sie dürfen sich jetzt küssen etwa hat er sich 2003 auch der kontrovers diskutierten »Homoehe« gewidmet und lässt die Geschichte am Esstisch von Konrad und Paul anlässlich des fünfzehnten Jahrestags ihres Kennenlernens beginnen.

Natürlich hat Paul den »Jubeltag« vergessen, doch Konrad hat feierlich gedeckt und eine Flasche 1987er Merlot »von unserem Urlaub in der Bretagne 1990« aus dem Keller hervorgezaubert. Während Konrad die Frage auf den Tisch bringt, ob es nach fünfzehn Jahren nicht vielleicht an der Zeit wäre, »unsere Partnerschaft registrieren zu lassen« – »Es hat außerdem gesellschaftspolitische Signalwirkung. Die CDU/CSU ist dagegen und die katholische Kirche, es hat Auswirkungen auf Erbrecht, Mietrecht, Sorgerecht, Krankheit und Tod ...« – piept laufend Pauls Handy. Hastig, »tip tip tip«, beantwortet er die SMS-Anfragen nach Sex-Dates mit »kann grad nicht, vielleicht später« und wendet sich dann wieder Konrad zu, der ihn, den Merlot in der Hand, genervt über die Brille auf seiner Knollennase hinweg ansieht. »Sorry. Also was war das? Fünfzehn Jahre?«

Chronist des schwulen Alltags also, und dennoch: In ihrer genauen Beobachtung zwischenmenschlicher Beziehungen und Verhaltensweisen sowie der präzisen Analyse alltäglicher Absurditäten sind Königs Comics viel zu universell, als dass sie allein von einem schwulen Publikum goutiert würden. Bei seinen Signierstunden stehen wohl mehr Frauen an als bei jedem anderen deutschen Comic-Zeichner. Dass gerade die in seinen Comics manchmal etwas durchgeknallt wirken, scheint dabei nur die Männer zu stören, also die, die zumeist ohnehin nur an »das eine« denken. Als ich 1990 während des Erlanger Comic-Salons eine Podiumsdiskussion mit Ralf König moderierte, meldete sich im Publikum ein junger Mann zu Wort und bekundete zunächst, nicht homosexuell zu sein. Dann wollte er wissen: »Haben Schwule eigentlich tatsächlich so viel Spaß beim Sex wie in deinen Comics?« In seiner Stimme lag die deutliche Befürchtung, ihm könne womöglich etwas versagt bleiben in seinem Leben.

Trotz seines Erfolgs kam es in den Neunzigerjahren immer wieder auch zu Angriffen, die teilweise in Indizierungsanträge gegen Königs Bücher mündeten. Besonders engagiert zeigte sich dabei das bayerische Landesjugendamt. Die beantragte Indizierung des Titels Bullenklöten (1992) lehnte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften jedoch unter Berufung auf den Kunstvorbehalt ab. Dennoch fand auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Meiningen 1996 sogar eine bundesweite Ermittlungs- und Beschlagnahmeaktion in über tausend Buchhandlungen statt, die sich (neben anderen Comics, darunter auch Art Spiegelmans Maus) vor allem gegen Königs Kondom des Grauens (1987) richtete. Zu einem Verfahren kam es allerdings auch diesmal nicht.

Da hört der Spaß auf ...

Die größte Stärke von Königs Geschichten liegt in ihrer Authentizität, die sich aus seinem autobiografischen Background speist und aus seinem sensiblen Gespür für die Strömungen des Zeitgeists. Dass auch Letzteres nicht immer unproblematisch ist, zeigt seine Arbeit an der Geschichte Dschinn Dschinn, seinem mit über dreihundert Seiten bislang umfangreichsten Comic, in dem er sich mit der Lustfeindlichkeit des radikalen Islam beschäftigt. »Mich hat irgendwann die Diskrepanz verwundert zwischen dem sinnesfrohen Orient der Märchen aus tausendundeiner Nacht und der lustfeindlichen Verdrossenheit der Taliban mit ihrem Bartzwang, Musikverbot, Frauen unter die Burka etc.«, so König. »Es ging mir gar nicht darum, allgemein 'dem Islam' auf den Bart zu treten, ich hatte meinen Fokus nur auf Afghanistan und die Zustände dort.« Inmitten der Arbeit am ersten Band geschah dann am 2. November 2004 der Mord an dem Regisseur und Satiriker Theo van Gogh in Amsterdam. Kurz vor Abschluss des zweiten entbrannte Anfang 2006 der Karikaturenstreit, auf einmal waren auf die Zeichner der dänischen Zeitung Jyllands-Posten Kopfgelder ausgesetzt, und zwischen Casablanca und Karatschi gingen Botschaften in Flammen auf, fast zweihundertfünfzig Menschen kamen dabei ums Leben.

Beides warf König aus der Bahn, denn beides waren Anschläge auf die Meinungsfreiheit und damit unmittelbar auch auf seine Freiheit als Künstler. »Wie soll man im Moment als Kulturschaffender noch an das Thema Islam rangehen, wenn alles auch ganz anders gedeutet werden könnte? Ich frage mich: Schreibe ich jetzt Reizwörter wie 'Scharia', 'Koran' oder 'Allah' in die Sprechblasen? Kann ich mir das hier, mitten in Europa, erlauben oder nicht?« Allerdings bezieht sich sein Unbehagen nicht allein auf islamistische Fanatiker, sondern auch auf die konservativen klerikalen Kreise hierzulande, die eiligst »auch ein gewisses Verständnis« heuchelten und dass beim Thema Glaube schließlich Schluss sein müsse mit lustig. »Wenn die im Vatikan über die Jahrhunderte so gekonnt hätten, wie sie wollten, sähe es auch hier im Westen finster aus. Das Schlimmste wäre, wenn kritische oder satirische Töne ausblieben, weil wieder irgendwelche Leute meinen, ihren Gott mit Gewalt durchsetzen zu müssen.«

Der erste Band von Dschinn Dschinn kam am 30. September 2005 in den Buchhandel, just am gleichen Tag, an dem in Dänemark die Mohammed-Karikaturen erschienen. Am Anfang von Königs Erzählung steht ein historisch verbürgter doch längst vergessener Dialog der Kulturen: Im Jahre 797 nach christlicher und 175 nach islamischer Zeitrechnung entsandte Karl der Große eine von einem jüdischen Kaufmann namens Isaak angeführte Delegation nach Bagdad, das unter der Herrschaft des abbasidischen Kalifen Harun ar-Raschid eine Zeit kultureller Blüte und Offenheit erlebte. Harun, dessen Beliebtheit durch die Märchen aus tausendundeiner Nacht bis in unsere Tage überliefert ist, revanchierte sich fürstlich und schickte seinerseits eine mit den im Abendland noch unbekannten Wundern des Orients beladene Karawane auf den über zwei Jahre dauernden Weg nach Aachen, das damals – wie es im Comic heißt – »noch bei jedem Regen im Matsch versank«.

Als in Bagdad die Karawane mit »prachtvollen Teppichen aus Arabien, exotischen Gewürzen aus Indien, Porzellan und Zierwerk aus China und allerlei Düften, Salben und Seifen, Flöten und Lauten, farbenprächtigen Stoffen, kunstvollem Schmuck« beladen wird, erzählen sich die versammelten Juden, Christen und Muslime gegenseitig Witze, etwa den, in dem Moses vom Berg Sinai zurückkehrt, um Gottes Gebote zu verkünden: »Also, Leute, eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die gute: Ich hab ihn runter auf zehn. Die schlechte: Ehebruch ist noch immer dabei!« Allgemeines Gegacker – man lacht miteinander, nicht übereinander. »Es ist eine seltene Gelegenheit«, bekundet eine der Figuren. »Wann begegnen sich schon mal drei Religionen?« Schließlich setzt ein Muslim an: »Ein Muslim, ein Christ und ein Jude gehen am Himalaja spazieren. Da kommt ihnen ein Buddhist entgegen. Sagt der Muslim ...« Doch dann wird er unterbrochen, und sein Witz bleibt ohne Pointe. Ralf König hat diese Szene mehr als ein Jahr vor dem Karikaturenstreit gezeichnet, doch nun wirkt sie wie ein Gleichnis für die scheinbare Unmöglichkeit einer friedlichen Koexistenz der Kulturen.

Als die Divergenzen zwischen dem radikalen Islam und dem Westen im Februar 2006 zu einer Art Weltbürgerkrieg eskalierten, schien plötzlich jede Satire, die den Glauben oder religiöse Gefühle zum Thema hat, zu purem Sprengstoff geworden zu sein. Während selbst Harald Schmidt anlässlich des Karikaturenstreits bekundete, wegen der Brisanz der Situation sei nun »eine nötige Portion Feigheit« geboten, und Kollegen wie Manfred Deix öffentlich bekannten, sich »angesichts der totalitären Bedrohung« nicht dazu äußern zu wollen, hat Ralf König, wie schon fünfundzwanzig Jahre zuvor bei seinem Coming-out, spontan und offensiv reagiert und Stellung bezogen – mit acht spitzen Karikaturen gegen die Meinungsdiktatur, die in ganz Europa in mehreren Zeitungen erschienen sind. Die, die am bekanntesten wurde, besteht aus drei Bildern: Im ersten kritzelt jemand eine bärtige Figur mit Turban an eine Hauswand. Er schreibt gerade »Moha ...« darunter, da kommt im zweiten Bild eine Frau mit Kopftuch um die Ecke, und im dritten ist aus »Moha ...« ein »Mohanikaner« geworden – der Zeichner und die Selbstzensur aus Furcht vor irrem Fanatismus.

Für seine »künstlerische Stellungnahme im Streit um die Mohammed-Karikaturen« erhielt Ralf König im Juni 2006 auf dem Internationalen Comic-Salon in Erlangen den Max-und-Moritz-Preis. »Ralf König ist dem Versuch, eine grafisch artikulierte Meinung durch gewalttätige Proteste zu unterdrücken, seinerseits mit grafisch artikulierter Meinung entgegen getreten«, hieß es in der Laudatio. »Als homosexueller Künstler, der die Homosexualität zum Hauptthema seiner Arbeit erhob, hat Ralf König stets selbst in einem repressiven und Diskriminierungen ausgesetzten Klima gewirkt. Der Zuspitzung des Zensur-Falls Mohammed zu witziger Kritik liegen bei König also soziale und persönliche Erfahrungen zugrunde, die ihn die Feder gegen jede Art von Meinungsunterdrückung erheben lassen. Seine Arbeit impliziert die Forderung, dass in einer freien Gesellschaft auch die sogenannte Verletzung religiöser Gefühle ausgehalten werden muss.«

Für Ralf König war der Fall damit jedoch alles andere als erledigt. Als »irgendwas zwischen Agnostiker und Pantheist« ist er im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung und hat vor zwei Jahren eine »Religions-Trilogie« in Angriff genommen, von der die ersten beiden Bände – jeweils nach einem Vorabdruck in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – bereits vorliegen. Prototyp ist Königs Version der Schöpfungsgeschichte, die überwiegend aus einem Dialog zwischen dem noch nicht aus dem Paradies verbannten Adam und der Schlange im Apfelbaum besteht. Gleich zu Beginn führt Gott der Schlange Luz seine jüngste Kreation vor. »Er heißt Adam! Moment, ich schalte sein Hirn ein! Daran habe ich nämlich lange gearbeitet, am Gehirn!« Im nächsten Bild erscheint über Adams verdutzem Gesicht ein Ausrufezeichen, und dann plappert er, Kant vorgreifend, los: »Sofern das Verhältnis von Sein und Denken, von Seiendem und Gedachten fragwürdig wird, tritt die materielle Logik auf, als nicht nur 'richtiges' sondern als gültiges Erkennen ...« Gott fährt mit seiner Fraktur-Stimme aus dem Off dazwischen – »Hm. Ich habe ihn versehentlich überprogrammiert! Moment, ich fahr ihn runter ...« – und ist erst zufrieden, als Adam mit Inbrunst trällert: »Die Schöpfung preist den Herrn/drum preis auch ich ihn gern/Er hat mich schön gemacht/ihm sei Lobpreis gebracht ...«

Im zweiten Band, Archetyp, widmet sich König dem gottesfürchtigen Schiffsbauer Noah und der Frage, was einen gütigen Gott veranlassen kann, fast seine gesamte Schöpfung zu ersäufen. Schon eine Woche nach dem Start des Vorabdrucks in der FAZ im Januar 2009 kritisierte der christliche Medienverbund KEP die Veröffentlichung in einer Presseverlautbarung scharf, sah Christen »diffamiert« und die »Grenze der Zumutbarkeit« überschritten: »Die Zeichnungen machen sich über biblische Geschichten und Figuren lustig und sind eine Beleidigung für alle, denen die Bibel als Grundlage für ihren Glauben gilt. Wenn biblische Überlieferungen mit kaum zu überbietendem Spott überzeichnet werden, hört der Spaß auf.«

Derartige Vorwürfe sind hanebüchen und verleiten zu dem Schluss, dass in manchem Winkel des Christentums ein ähnlich mangelhaft entwickeltes Humorverständnis vorherrscht, das sonst Islamisten vorgeworfen wird. Wenn sich etwas in keinem einzigen von Königs Büchern findet, dann sind das Respektlosigkeit oder Spott. Sein Augenmerk gilt vielmehr einer wachsenden Aggressionsbereitschaft der Religionen und zunehmendem Fundamentalismus in einer Zeit, die gemeinhin als »aufgeklärt« bezeichnet wird.

»Religionen, egal welcher Art, haben Humor bitter nötig, sonst nehmen die sich zu ernst, wer sich auf Gottes Seite wähnt, hat damit sein Totschlag-Argument, da wird dann oft keinerlei Spaß mehr verstanden«, sagt Ralf König zu seinen Streifzügen in biblische Gefilde und seinem Interesse, sich mit den Religionen als Thema in seinen Comics zu beschäftigen. »Der sogenannte 'Kalif von Köln' zum Beispiel war so eine schlechtgelaunte, vergrätzte kleine Figur mit Fusselbart und Brille. Ich musste immer lachen, wenn ich den im Fernsehen sah, so erschreckend die Ideologie dahinter auch ist. Ob Papst, Kardinal oder Mullah, diese Leute sind doch immer auch irgendwie komisch.«

Und komisch sind natürlich auch Königs Bücher, so komisch, dass man bei der Lektüre kaum spürt, wie ernst ihm sein Anliegen ist und wie seine Comics Gedanken anstoßen. Im dritten Teil der Trilogie, der 2010 erscheinen soll, will sich Ralf König mit dem Apostel Paulus auseinandersetzen.

Und das mit links!

Neben der Religion und der Homosexualität gibt es noch ein weiteres Thema, das zumeist übersehen wird, bei dem Ralf König ebenfalls Mut gezeigt hat. Und das ist, ausgerechnet in Deutschland eine Laufbahn als Comic-Zeichner in Angriff genommen zu haben. Deutschland hat diesbezüglich, Wilhelm Busch zum Trotz, keine nennenswerte Tradition vorzuweisen, Ende der Siebzigerjahre, als König mit dem Zeichnen begann, galt die Gattung noch vielerorts als »Blasenfutter für Analphabeten«, und selbst Intellektuellenlieblinge wie Asterix oder die Peanuts wurden bestenfalls im Sinne von Oscar Wilde goutiert: »Ich schwärme für einfache Genüsse, sie sind die letzte Zuflucht der Komplizierten.« Es gab Chlodwig Poths Mein progressiver Alltag in der Pardon, in der Emma Franziska Beckers Mein feministischer Alltag, Gerhard Seyfrieds Wo soll das alles enden, und darüber hinaus waren so gut wie keine Comics von deutschen Zeichnern zu finden.

Wie kommt man dazu, sich in einem so kargen Umfeld ausgerechnet der Ausdrucksform Comic zu verschreiben? »Die Initialzündung für mich war damals Robert Crumbs Fritz the Cat, überhaupt die amerikanischen Underground-Comics der Siebziger. Ich saß als erlebnishungriger Teenager in einem ostwestfälischen Kuhdorf und bekam diesen Comic in die Finger: Bekiffte Miezen, die in der Badewanne vögelten – da draußen schien es also eine wilde, wilde Welt zu geben, von der ich noch nichts wusste! Und Comics schienen mir dann das ideale Medium zu sein, den eigenen Kokolores im Kopf loszuwerden.«

Die Underground-Comics, kurz auch Comix, die ab 1968 in San Francisco aufgekommen waren, markieren in der Ontogenese der Gattung eine deutliche Zäsur. Zuvor war der Comic ein »Massenmedium« und zielte auf die Bedürfnisse und den Geschmack eines Massenpublikums, jetzt wurde er zu einer persönlichen Ausdrucksform, in der sich ein als neu empfundenes Lebensgefühl spiegelte und Botschaften der Alternativszene transportierten. Ralf König hat sich von diesem Funken Ende der Siebziger anstecken lassen, und seine ersten Comics sind deutlich geprägt von der Tabulosigkeit der Comix. 1981 veröffentlichte er gleich drei Hefte bei alternativen Kleinverlagen (zwei mit Kurzgeschichten und die vor einer antiken Kulisse spielende homoerotische Erzählung Sarius), die ihm heute allerdings »peinlich« sind und deshalb lange vergriffen, noch nicht einmal er selbst besitzt noch Exemplare davon. Sie lassen jedoch die Entwicklung erkennen, die sich um 1980 innerhalb nur kurzer Zeit vollzogen hat.

Allem voran die Herausbildung eines neuen Selbstbewusstseins: In Das sensationelle Comic Book ist vorab auf der zweiten Seite eine Klassenarbeit von Ralf König im Fach »Zeichnen« abgedruckt, die mit Fragezeichen des Lehrers übersät und mit »6« benotet ist, dann folgen auf siebzig Seiten seine Comics. Das ist das Pfeifen auf bürgerliche Konventionen und das Dagegensetzen des eigenen Ausdrucks. Viele der frühen Kurzgeschichten sind erotischen Inhalts, in »einem ostwestfälischen Kuhdorf« zu Papier gebrachte Fantasien, zuerst noch heterosexuell, dann gestricheltes Coming-out, manchmal geradezu poetisch. In der Geschichte Mython räkelt sich ein nackter Jüngling auf einer griechischen Säule, ein Schmetterling fliegt heran, lässt sich auf seiner Nase nieder, flattert Brust und Bauch hinab und landet schließlich auf seinem Geschlecht. »Sympathisch«, denkt sich der Jüngling im letzten Bild freudig überrascht.

Diese Geschichten sind naturalistisch gezeichnet, zunächst vor allem in antiken Milieus angesiedelt und zumeist lustgetrieben. Auf der Bildebene könnte man sie durchaus auch als »pornografisch« bezeichnen, doch auf der Erzählebene sind immer wieder zwei Elemente anzutreffen, die dem widersprechen: Zum einen die Zärtlichkeit im Sinne gegenseitiger Achtung, zum anderen die Rebellion gegen herrschende Normen; gerade die erotischen, naturalistisch gestalteten Geschichten werden schnell auch politisch und münden schließlich in Beispiele wie Der Straffall Lothar Weiss.

Der »eigene Kokolores im Kopf« hingegen fließt ganz im Stil der Comix auf schrille, witzig überzeichnende Weise auf das Papier. Die Storys heißen Lydia Lust oder Arnold, die Ameise, handeln von langohrigen Hasen, archaischen Monstern in dunklen Sümpfen, in den Weiten des Alls gestrandeten Raumschiffen, Halluzinationen in der Wüste und anderen Verrücktheiten. Aber auch hier finden sich schon früh gesellschaftskritische Kommentare. In dem Einseiter Der liebe Onkel etwa, gezeichnet 1979, verspricht ein Lüstling namens Herbert Hanke einem kleinen Mädchen in einem Park »eine ganze Tafel Schokolade«, wenn »du brav mit mir kommst und tust, was ich dir sage«. Das Nachfolgende wird von zwei im Gebüsch lauernden Polizisten beobachtet. »Ich hätte schwören können, dass er dem Kind die versprochene Schokolade nicht gibt«, sagt der eine anschließend. »Na sehen Sie, Herr Schulze«, sagt der andere. »Es gibt wohl doch noch ehrenwerte und anständige Menschen.« Hier formt sich, was Ralf Königs Comics bis heute kennzeichnet: Er prangert nicht vordergründig an, sondern führt vor und überlässt es dem Leser, selbst daraus seine Schlüsse zu ziehen.

Trotz des fehlenden Umfelds – was ein noch nicht vorhandenes Publikum ebenso impliziert wie eine noch nicht vorhandene Infrastruktur der Verlage, die Comics bislang zumeist nur übersetzt hatten – hat Ralf König seinen Weg gefunden. Neben den Kurzgeschichten, mit denen alles anfing, hat er 1987 auch das epische Erzählformat für sich entdeckt und innerhalb nur eines Jahres mit Kondom des Grauens, Der bewegte Mann und Lysistrata gleich drei umfangreiche Comic-Romane vorgelegt, die seitdem ohne Unterbrechung im Buchhandel lieferbar sind, in ein Dutzend Sprachen übersetzt und allesamt verfilmt wurden.

Während der letzten Jahre hat der Comic in Deutschland eine deutliche Imagekorrektur erfahren (selbst die renommierte Literaturzeitschrift Text+Kritik hat der Gattung gerade einen umfangreichen Sonderband gewidmet), und auch zu der Erkenntnis, dass der Comic nicht »nur« Unterhaltung – und in den Augen des Bildungsbürgertums zudem auch noch schlichte – sein muss, hat Ralf König mit seinen inzwischen über dreißig Büchern nicht unwesentlich beigetragen. In der Tat hat es der Comic nicht eben leicht, den Ruch der »Trivialliteratur« abzustreifen, und nicht ganz unschuldig daran ist seine Gattungsbezeichnung, die aus den Kindertagen der damals noch ausschließlich komischen Bildergeschichten stammt. Etliche Verlage bemühen sich deshalb derzeit um die Etablierung der Bezeichnung »Graphic Novel« (ein Terminus, der Will Eisner zugeschrieben wird, der 1978 damit in den USA erstmals seinen Band Ein Vertrag mit Gott labelte) und haben dazu unter anderem die gemeinsame Website www.graphic-novel.info ins Leben gerufen. Was vom Kulturbetrieb heute als ein neuer Trend wahrgenommen wird, praktiziert Ralf König mit seinen Comic-Romanen allerdings schon seit über zwanzig Jahren – nur dass mit dem Begriff »Graphic Novel« damals noch niemand etwas hätte anfangen können.

Ein Phänomen der Graphic Novels ist der auffallend hohe Anteil an autobiografisch inspirierten Erzählungen – durch die persönliche »Handschrift« des Zeichners ist der Comic dafür wesentlich besser geeignet als die Romanliteratur oder der Film –, und auch hier nimmt Ralf König in Deutschland eine Vorreiterstellung ein. Zum einen schon durch die unmittelbare Verbindung seines Coming-outs mit seinen Comic-Anfängen, was schnell in Geschichten mit sehr persönlichen Themen und Anliegen mündete. Zudem verkörpern natürlich vor allem seine Figuren Konrad und Paul beide auch eigene Wesenszüge, Vorlieben und Marotten, und in seinem ersten farbigen Album Prall aus dem Leben (1989) hat er mehrere Kurzgeschichten unmittelbar auf eigenen Erlebnissen und denen von Freunden – »So was kann man sich gar nicht ausdenken! Die schönsten Geschichten schreibt das Leben ...« – fußen lassen. In dem Band ... und das mit links! hat König – er ist Linkshänder – schließlich auch seinen eigenen Werdegang als Zeichner als Comic geschildert.

Mal gelangweilt, mal genervt sitzt er darin über sechsundsiebzig Seiten hinweg dem Journalisten Bernhard Seifert gegenüber und beantwortet dessen Fragen für ein schwules Szeneblatt. Das Interview hat tatsächlich stattgefunden, wobei es in Königs Comic-Version immer wieder durch Fotos, Ausschnitte aus frühen Arbeiten oder gezeichnete Szenen, in denen er seine Kindheit und Jugend rekapituliert, unterbrochen – besser: ergänzt – ist. Und an einer Stelle von den Leserbriefen zweier Frauen, die damals empört auf den Abdruck seiner Geschichte Wunderbare Tierwelt (aus dem Album Prall aus dem Leben) in dem Berliner Stadtmagazin Zitty reagierten.

»Also grundsätzlich und vom Kopf her schätze ich Frauen weit höher als Männer«, kommentiert König das gegenüber seinem Gesprächspartner, und seine ausufernden Sprechblasen entwickeln sich zu einem geradezu feministischen Manifest. »Wenn Frauen in dieser Welt das Sagen hätten, sähe der Planet nicht so ramponiert aus. Deshalb sollten Frauen viel mehr in die Politik gehen und diese aggressiven Gorillas ablösen, die nur Krieg und Umweltschäden anrichten ...« Plötzlich sitzt nicht mehr Ralf König auf dem Sofa vor dem Mikrofon, sondern die emanzipierte Lysistrata, die in seinem gleichnamigen Comic frei nach der Komödie von Aristophanes zusammen mit anderen Frauen den Plan schmiedet, durch sexuelle Verweigerung gegenüber den Männern den Frieden zwischen Spartanern und Athenern zu erzwingen. »Die Heteromänner sollten dringend lernen, dass es noch andere zwischenmännliche Möglichkeiten gibt, miteinander Spaß zu haben, als sich gegenseitig mit Maschinengewehren zu zerfetzen«, geht der Monolog weiter. Jetzt sitzt auf dem Sofa wieder Ralf König.

»Und dabei könnten wir Schwule ihnen weiterhelfen, meinst du?«, fragt Seifert nach.

»Klar«, sagt König. »Mit genügend Gleitcreme ...«

(aus: Der Eros der Nasen – Comics von Ralf König, Ausstellungskatalog der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen, 2009)

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