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LEBERT, HANS

Geb. 09.01.1919 in Wien (Österreich). Nach der Schulzeit Gesangsstudium, erste Gedichte, Dramen und Erzählungen; 1938-1950 Opernsänger, vornehmlich Richard Wagner; 1941 Anklage wegen Wehrkraftzersetzung, entging Verurteilung durch Vortäuschung einer Schizophrenie, Unterstützung des österreichischen Widerstands; ab 1956 in Baden bei Wien; Ausfahrt, Erzählungen, 1952; Das Schiff im Gebirge, Erzählung, 1955; Die Wolfshaut, Roman, 1960; Der Feuerkreis, Roman, 1971; Das weiße Gesicht, Erzählungen, 1995. Gest. 20.08.1993 in Baden bei Wien (Österreich).

Die Wolfshaut

(dtsch) – In Die Wolfshaut hat Hans Lebert schonungslos und sprachmächtig die im Nachkriegsösterreich geübte Verdrängungspraxis gegenüber den während des Nationalsozialismus verübten Greueltaten offen gelegt und minutiös die Mechanismen kollektiver Schuldnegierung beschrieben. Der Roman wurde nach siebenjähriger Entstehungszeit 1960 mit einer Auflage von nur 3.000 Exemplaren in Deutschland veröffentlicht, nachdem sich in Österreich kein Verlag gefunden hatte. Zwar erhielt der Autor 1961 den Theodor-Körner-Preis und im Jahr darauf den Staatspreis für österreichische Literatur, in der auf das Vergessen der Ereignisse während des Dritten Reichs bedachten Öffentlichkeit blieb Die Wolfshaut jedoch weitgehend unbeachtet. Ein breiteres Publikum gewann Leberts erster Roman aufgrund seines radikalen Antifaschismus erst, als er 1962 auch in der DDR erschien.

Die Handlung spielt während 99 Tagen in einem fiktiven österreichischen Ort mit dem bezeichnenden Namen Schweigen, und das mysteriöse Geschehen, das sich dort zwischen dem 8. November 1952 und dem 14. Februar 1953 zuträgt, wird rückblickend von einem anonym bleibenden Erzähler wiedergegeben, der sich durch die von ihm gewählte „Wir“-Form mit der Mehrheit der Dorfbewohner zu identifizieren scheint. In die „gottverlassene Gegend“ kehrt sieben Jahre nach Kriegsende der Matrose Johann Unfreund zurück, dessen Name wie auch seine Berufsbezeichnung, mit der er den gesamten Roman über benannt wird, allegorisch seine Außenseiterrolle betonen. Er wohnt „am Rande über dem Dorf“, dessen Bewohner ihn als Fremden meiden und ihm mit mürrischer Distanz begegnen.

In der Nacht des 8. November erwacht Johann Unfreund von einem „sonderbaren Geräusch, das der Matrose gehört zu haben behauptet“, so der „Wir“-Erzähler, und das den Beginn der „rätselhaften Ereignisse, die uns vergangenen Winter beunruhigt haben“, markiert. „Wir anderen schliefen damals schon wieder recht gut. Wir hatten allerdings auch keine Ursache, ungut zu schlafen. Den Krieg und seine verschiedenen Folgen glaubten wir überstanden zu haben; im ganzen Land ging es wieder aufwärts (...), und wenn uns etwas quälte, so war es höchstens schon wieder die Langeweile, welche in Friedenszeiten hierorts daheim ist und wie ein graues unfassbares Gespenst zwischen den Häusern und zwischen den Stacheldrahtzäunen umgeht.“

Die erdrückend geschilderte Langeweile wird jedoch jäh unterbrochen, als der Matrose dem Geräusch, der „ersten Lautwerdung einer virtuellen akustischen Präsenz des Metaphysischen“ (Jürgen Egyptien), nachgeht und bei der verfallenden Ziegelei am Rande des Waldes auf einen Toten stößt, den Dorfbewohner Hans Höller. Wird dieser „erste Schlag aus dem Dunkel“ vom aus der Kreisstadt herbeigerufenen Amtsarzt noch als „Herzschlag“ diagnostiziert, so glaubt daran niemand mehr, als wenig später ein weiterer Dörfler tot aufgefunden wird. Vielmehr geht bald das Gerücht von einem Wolf um, der sein Unwesen um das Dorf herum treibt, und auch der Matrose gerät unter Mordverdacht, nicht allein, weil er zu den Dörflern auf Distanz bleibt, sondern auch, weil er den Spuren nachgeht, die darauf hinweisen, dass kurz vor Ende des Krieges eine Gruppe von Zwangsarbeitern bei der Ziegelei umgebracht worden ist, woran sich niemand in Schweigen erinnern will.

Angst breitet sich im Dorf aus, doch das Schweigen über das Verbrechen schweißt die Bewohner zusammen, während Johann Unfreund wie ein Archäologe des Terrors langsam die verdrängte Vergangenheit ans Licht zerrt und dabei dem Selbstmord seines Vaters auf die Spur kommt, der ebenfalls an der Bluttat beteiligt war. Im Gegensatz zu der radikalen Konsequenz, die der Vater des Matrosen aus der Tat gezogen hat, bleiben die anderen Schuldigen jedoch ungestraft, nicht zuletzt durch die Unangreifbarkeit des gerade zum Landtagsabgeordneten aufgestiegenen damaligen Ortsgruppenleiters Habergeier: Das Böse, so Leberts Fazit, lässt sich nicht überwinden, sondern bestenfalls verstehen. Statt irdischer Gerechtigkeit lässt er ein überirdisches Strafgericht in Form eines Landregens zuschlagen, der 99 Tage dauert und schließlich das Schweigen im Dorf aufweicht. Der Himmel, zu dem die Verdrängung der Schuld anstinkt, lastet über dem kesselartig eingeschlossenen Dorf wie eine „Schieferplatte“, und selbst die Berge tragen die „Farbe der Verwesung“.

Formal dem Aufbau eines Kriminalromans folgend, ist Die Wolfshaut eine Parabel mit politischer Dimension. Obwohl mit den künstlerischen Mitteln des Realismus erzählt, beeindruckt der Roman vor allem durch eine antiidyllisch motivierte symbolische Aufladung der Natur, die von einzigartiger sprachlicher Eindringlichkeit ist. Sein Titel nimmt Bezug auf eine offenbar auf einer wahren Begebenheit beruhenden Legende, die zu Leberts Kindheit kursierte: Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gegend der Koralpe von einem riesigen Wolf verunsichert, der großen Schaden am Vieh anrichtete und im Volksmund „der Bauernschreck“ genannt wurde. Die von Lebert beschriebene Bluttat greift die tatsächliche Ermordung von Fremdarbeitern durch SS und Volkssturm auf dem Präbichl in der Steiermark im Frühjahr 1945 auf.

Erst 1991 wieder aufgelegt, wurde Lebert nun in einem Atemzug mit Kafka, Musil und Broch genannt, und Autoren wie Elfriede Jelinek oder Christoph Ransmayr nannten Die Wolfshaut, schon von Heimito von Doderer als einer der zehn wichtigsten Romane nach 1945 bezeichnet, als maßgeblichen Einfluss auf das eigene Werk. Eine NDR/ORF-Hörspielfassung von Helmut Peschina und Robert Matejka wurde 2005 in Österreich zum Hörspiel des Jahres gewählt.

Literatur: G. Fuchs/G.A. Höfler (Hg.): Hans Lebert, in Dossier 12, 1997; J. Egyptien: Der „Anschluss“ als Sündenfall. Hans Leberts literarisches Werk und intellektuelle Gestalt, 1998; F. Braitenthaller: Küss mich, du Schwein! Hans Leberts diskrete Beziehungen zur Moderne, 2003.

(aus: Kindlers Literatur Lexikon, Metzler 2009)

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