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DIE SACHE MIT SORGE

Andreas C. Knigge im Gespräch mit der Hamburger Zeichnerin Isabel Kreitz über ihren neuen Comic-Roman bei Carlsen

Andreas C. Knigge: Isabel, Du bist die bekannteste und produktivste Comic-Zeichnerin in Deutschland und hast in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe sowohl eigener Geschichten vorgelegt wie auch viel gelobte Comic-Adaptionen von Romanen von Erich Kästner oder Uwe Timm. Dein neues Buch Die Sache mit Sorge ist mit 240 Seiten Deine bislang umfangreichste Arbeit. Worum geht’s?

Isabel Kreitz:Das Buch handelt von den letzten fünf Monaten im Leben des deutschen Journalisten Dr. Richard Sorge, der an der deutschen Botschaft in Tokio für die Sowjetunion spioniert hat, es geht also um die Zeit zwischen Mai und Oktober 1941. Dass ein Sowjetspion sich in das Vertrauen des deutschen Botschafters in Tokio einschleichen konnte, hat seinerzeit einen Riesenskandal ausgelöst. Nachdem Dr. Sorge enttarnt war und verhaftet wurde, ist er von deutscher und russischer Seite verleugnet worden, weil Stalin ihn tragischerweise für einen Doppelagenten hielt. Das ist, grob zusammengefasst, der Hintergrund der Geschichte, die ich in Die Sache mit Sorge erzähle.

Ich schildere dabei eine Gesellschaft von Berufsdiplomaten und deren Ehefrauen, die in Tokio eine Art Inseldasein auf dem Botschaftsgelände führt und mit Cocktailpartys, Konzerten und Tanzfesten Imagepflege betreibt. Mitten in diesen „Tanz auf dem Vulkan“ kommt eine Musikerin aus Berlin hinein, um in Japan eine Konzerttournee zu starten. Die Cembalo-Spielerin Eta Harich-Schneider lernt Dr.Sorge kennen, und zwischen den beiden beginnt eine kurze Affäre. Dr. Sorge ist am Ende seiner „Karriere“ als Spion schon recht angeschlagen, er leidet an starken Stimmungs-schwankungen zwischen Selbstmitleid und Größenwahn und geht allen mit seinen Ausfällen und Sauforgien mächtig auf die Nerven. Gern wäre man ihn los. Ganz Ähnliches konnte man etwa auch über Litwenienko lesen, als der Fall in den Medien war, das muss wohl so eine Art „Berufskrankheit“ sein. Die Geschichte endet schließlich mit Sorges Verhaftung und den Versuchen der Beteiligten, sich möglichst glatt aus der Affäre zu ziehen.

Knigge: Sorge bekam 1964 postum den Titel „Held der Sowjetunion“ verliehen, in der DDR wurde er mit einer Briefmarke geehrt. Nicht nur, dass das Aufarbeiten seiner Biografie nach dem Ende des Kalten Krieges heute etwas anachronistisch erscheint, auch seine Agententätigkeit ist ja auf den ersten Blick nicht unbedingt ein „Frauenthema“. Was speziell hat Dich an Sorge interessiert, dass Du Dich so intensiv mit ihm beschäftigt hast?

Kreitz: In fast allen meinen Comics habe ich das Thema „Entwurzelung“ am Wickel und beschreibe Figuren, die irgendwie deplatziert sind oder den Halt in ihrer Umgebung verlieren. Eine Voraussetzung für das erfolgreiche Spionagehandwerk ist ja, keine oder eine künstliche Vorgeschichte aufzuweisen. Interessant finde ich die Auswirkungen so eines Daseins auf den Charakter. Es finden sich immer wiederkehrende Muster in derartigen Biografien. Es ist in diesem Fall aber nicht nur die Figur des Spions, die mich interessiert hat, es ging mir auch um sein Umfeld. Die Kolonie von selbst ernannten Antinazis etwa, die aus Angst vor Repressalien im Ausland den „Hundertprozentigen“ spielen. Dieses ganze Kaleidoskop von Figuren ist schon eine Geschichte für sich, und das hat mich gereizt.

Knigge: Welche Rolle hat es für Dich dabei gespielt, dass die Weltgeschichte vielleicht einen etwas anderen Verlauf genommen hätte, hätte der sowjetische Geheimdienst Sorges Warnungen vor den Angriffsplänen Hitlers, in denen er ja sogar den Zeitpunkt und die Truppenstärken des „Unternehmen Barbarossa“ recht präzise benannt hat, nicht als Falschinformation abgetan, also das Motiv der letztendlichen Vergeblichkeit eines richtigen Handelns?

Kreitz: Herr Sorge hat sich in seinem Telegramm um etwa eine Woche vertan, um genau zu sein, aber diese Anmerkung soll natürlich seine Leistung nicht schmälern. Ähnliche Prognosen kamen auch aus anderen geheimdienstlichen Quellen, aber Stalin hielt das alles für Feindpropaganda. Letztendlich hat aber eins der Telegramme aus Tokio die Weltgeschichte tatsächlich beeinflusst, als nämlich Sorge funken ließ, dass Japan 1941 nicht in Sibirien einmarschieren würde, und Stalin nun all seine Truppen gegen Hitler einsetzen konnte. So ganz vergeblich waren Sorges Bemühungen also nicht. Aber der Vorfall, dass Stalin seinen Agenten der Falschinformation beschuldigte, zeigt ja auch, unter welchen Umständen Sorge in Tokio gearbeitet hat. Sorge hat von den Säuberungsaktionen Stalins erfahren, sich aber einer „Rückrufaktion“, die ihn sicherlich auch in Gefahr gebracht hätte, liquidiert zu werden, entzogen, indem er sie einfach ignorierte. Das Loyalitätsproblem hat sicherlich zu seinem exzessiven Lebenswandel beigetragen. Trotzdem, und weil es für ihn einfach keine Alternative gab, hat er bis zum Schluss weitergearbeitet, vergeblich oder nicht. Wie ein Lemming – das ist doch ein toller Tragödienstoff, oder?

Knigge: In der Tat! Vor fünf Jahren hat der japanische Regisseur Masahiro Shinoda Sorges Biografie ebenfalls als Blaupause für den Agententhriller Richard Sorge – Spion aus Leidenschaft verwendet. Hatte der Film irgend einen Einfluss auf Deinen Comic-Roman?

Kreitz: Der Film war sehr interessant, und da hat sicherlich eine Riesenmenge Recherchearbeit drin gesteckt. Letztendlich hat er mir aber eher gezeigt, wie ich die Figur Dr. Sorge nicht darstellen wollte.

Knigge: Durch eine Verfilmung bekommt eine historische Figur in der Verkörperung durch einen Schauspieler – bei Shinoda durch den britischen Charakterdarsteller Iain Glen – ein neues Gesicht und aus dramaturgischen Gründen vielleicht auch Charakterzüge, die nicht unbedingt etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben. Wie bist Du damit umgegangen?

Kreitz: Glen liefert in dem Film ein für meine Begriffe zu „glattes“ Bild. Interessant ist, dass die japanischen Nebenfiguren, etwa Sorges Zuträger Hozumi Ozaki, viel lebendiger wirken als das Abziehbild Richard Sorge. Oder als Eugen Ott, der von Ulrich Mühe dargestellt wird und im Film als Militärattache ohne und nach seiner Ernennung zum Botschafter mit Hitlerbärtchen gezeigt wird – nicht gerade subtil, oder? Das hat natürlich mit dem kulturellen Hintergrund des japanischen Regisseurs zu tun. Für die Japaner ist Ozaki der tragische Held der Geschiche. Der Antifaschist Ozaki lieferte Informationen aus Regierungskreisen an den Spion Dr. Sorge, um die japanischen Expansionspläne zu stören. Nach seiner Verhaftung schrieb der Familienvater rührende und patriotische Gedichte an seine kleine Tochter, die nach dem Krieg sehr erfolgreich verlegt wurden. So ist aus dem Verräter Ozaki ein Volksheld geworden.

Shinodas Film erzählt im Grunde die tragische Geschichte des Journalisten Hozumi Ozaki, der aus Patriotismus dem charismatischen Frauenhelden und Bonvivant Dr. Sorge Informationen zuträgt, um sein Land vor dem Faschismus zu retten, und dadurch ums Leben kommt. Ich erzähle die tragische Geschichte des Kommunisten Dr. Sorge, dem in Japan bewusst wurde, dass er in seiner Wahlheimat Russland keineswegs so geschätzt wird, wie er es seiner Meinung nach verdient hätte, und der die Realität mit Alkohol ausblendet.

Knigge: Comic und Film erzählen ja beide durch Bilder. Worin besteht für Dich im Gegensatz zu einem life action movie der Unterschied im Aufarbeiten einer Geschichte in gezeichneter Form? Oder anders gefragt: Was fasziniert Dich speziell am Comic als aus Zeichnungen bestehender Erzählform?

Kreitz: Ich merke beim Schreiben meiner Storyboards immer wieder, dass ich mehr das Kino und weniger den Comic im Kopf habe. Als Kind habe ich mir häufig „Ersatzfilme“ gezeichnet, und das ist eigentlich noch heute so. Ich versuche eine Geschichte, die in meinem Kopf als Film abläuft, mit den bestmöglichen Mitteln zu realisieren. Mein Ziel ist eigentlich, eine Geschichte zu erzählen, ohne dass sich die Grafik in den Vordergrund drängt. Wenn ich also ehrlich bin, dann gilt meine Leidenschaft nicht dem Comic, sondern er ist für mich eine eher eine Art Ersatzmedium für den Film.

Knigge: Was waren für Dich die wichtigsten und aufschlussreichsten Quellen bei der Recherche zu Sorge?

Kreitz: Zentral für den Aufbau der Story war für mich das Werk von Robert Wymant, Dr. Sorge, der Mann mit den drei Gesichtern, dann die Autobiografie von Eta Harich-Schneider, der Musikerin, die sich später mit Dr. Sorge einlässt, und etliche im „Militärverlag der deutschen demokratischen Republik“ erschienene Machwerke unterschiedlicher Qualität. Sehr interessant war auch die Autobiografie von Ruth Werner, einer Agentin, die für den Sorge-Ring in China gearbeitet hat, ihre Schilderungen des „Agentenalltags“ waren sehr hilfreich. Alles in allem fand ich das Widersprüchliche in den Quellen aus Ost und West sehr spannend, das hat mir auch gezeigt, wie viel Spekulation in der Biografie des Dr. Sorge steckt. Viele Dokumente aus der Zeit sind zudem erst in jüngster Zeit zugänglich geworden, beispielsweise Sorges Funksprüche, die in Wladiwostok aufgefangen wurden. Sicherlich ist diesen „jüngeren“ Quellen mehr zu trauen als den älteren.

Knigge: Nun ist es ja so, dass Biografien oder historische Dokumentationen vor allem über Faktisches und Belegtes informieren. In Deinem Comic-Roman schilderst Du aber auch viel Alltägliches, kleine „beiläufige“ Situationen, die Aufschluss geben auch über die Emotionen der Figuren. Wieviel künstlerische Freiheit hast Du Dir bei der Arbeit zugestanden, an welchen Stellen etwa ist Sorges Geschichte „fiktiv“ oder wo musstest Du „konstruieren“?

Kreitz: Für einen Spion, über dessen Hintergrund von Berufs wegen ja eigentlich nichts bekannt sein sollte, gab es erstaunlich viele Quellen, die auch Begegnungen und O-Töne schildern. Natürlich sind die je nach politischer Einstellung immer stark eingefärbt. In den DDR-Publikationen edelt Dr. Sorge als aufrechter Kommunist nur so vor sich hin, während er auf dieser Seite des eisernen Vorhangs in der Literatur etwas kritischer gesehen wurde. Trotzdem entstammen alle Situationen des Comics einer dieser Publikationen. Ich habe die Szenen ausgewählt, die mir interessant erschienen und sich zu einer flüssigen Handlung zusammensetzen ließen. Von Frau Harich-Schneiders Charakter hatte ich nach Lektüre ihres Buches eher keine hohe Meinung, ihre Darstellungen der Ereignisse sind sicherlich stark eingefärbt. Trotzdem habe ich sie in meiner Erzählung zur „guten“ Figur gemacht, weil mir ihre „Erfindungen“ gut gefallen haben. Ich hatte ja nicht vor, eine wissenschaftliche Arbeit zu leisten, sondern wollte eine gute Geschichte erzählen.

Knigge: Du hast Richard Sorge ja nicht als zentralen Charakter in den Mittelpunkt gestellt, sondern seine Geschichte wird bei Dir begleitet von in die Handlung eingestreuten Erinnerungen und Kommentaren anderer Personen an seiner Seite. Was hat Dich an dieser Erzählperspektive gereizt?

Kreitz: Auch das ergab sich aus der Quellenlage. Bei der Durchsicht der besagten Bücher „sah“ ich die Autoren und Selbstdarsteller vor mir, besonders das Gegenüberstellen der Rechtfertigungen am Ende des Buches hat mir sehr viel Spaß gemacht. Außerdem musste ich mir etwas einfallen lassen, um Zeit zu überbrücken und trotzdem Hintergrundinformationen zu liefern, die für das Verständnis der Story notwendig sind. So entstand die Idee der „Doku“-Comic-Seiten.

Knigge: Besonders eindrucksvoll finde ich die atmosphärische Dichte Deiner Schauplätze, das Shanghai oder Tokio der Dreißigerjahre meint man förmlich atmen zu können.

Kreitz: Danke! Ich habe mich bemüht, dass das nicht klischeehaft wirkt, denn ich kenne Shanghai nicht. Tokio habe ich zwar im Jahr 2000 kurz besucht, aber ich kann nicht erahnen, wie es vor siebzig oder achtzig Jahren dort ausgesehen haben sein mag und zugegangen ist. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, Fotos zu suchen, und musste feststellen, dass es im Gegensatz zu europäischen Metropolen fast gar nichts gibt. Warum das so ist, kann ich nur vermuten. Was ich dann zur Verfügung hatte, waren drei Ausgaben von National Geographic aus den Dreißigerjahren, ein japanischer Bildband mit Fotos querbeet durch den japanischen Alltag und ein Buch mit japanischer Architektur aus der Zeit. Ich habe dann die Details aus den wenigen Bildern immer wieder zu neuen Straßenszenen zusammengesetzt. Wunderbarerweise habe ich auch eine amerikanische Publikation über das Imperial-Hotel von Frank Lloyd Wright in Tokio finden können, das 1969 abgerissen wurde – unendlich traurig: Dieses Hotel muss eine große Rolle im gesellschaftlichen Leben der Europäer in Tokio gespielt haben. East meets west ...

Knigge: Der überwiegende Teil der Handlung spielt in Japan, dem Land, das durch den Manga-Boom der letzten Jahre als Gegenwelt zum Alltag in den „westlichen“ Ländern auf Kids und Jugendliche große Faszination ausübt. Hat dieses Phänomen für Dich bei der Entscheidung für Dein Thema eine Rolle gespielt? Ging’s Dir am Rande auch darum, ein Japan zu zeigen, wie es natürlich durch das von Mangas vermittelte Bild in der Vorstellung junger Leser nicht vorhanden ist?

Kreitz: Ich muss zugeben, dass ich neugierig bin, ob das Buch überhaupt wahrgenommen wird von der Manga-Klientel. Ich glaube eher nicht. Und Manga-Lesern das wahre Bild Japans zu zeigen würde ich mir niemals anmaßen, ich kenne es ja selber nicht. Auch glaube ich nicht, dass der Schauplatz oder das Label „Japan“ der interessante Faktor am Manga ist, wie man ja auch an chinesischen, koreanischen und nicht zuletzt deutschen Mangas sieht. Es geht wohl eher um die zwischenmenschlichen Probleme einer bestimmten Altersgruppe in Verbindung mit einer bestimmten Erzählweise ...

Knigge: Das ist natürlich richtig, aber in einer bestimmten Szene vor allem junger weiblicher Leser gibt es durchaus eine Art Nippon-Kult, die saugen begierig jede Information aus und über Japan auf ...

Kreitz: Mag sein, aber das ist nicht meine Baustelle. Allerdings habe ich mich lange schwergetan mit der Entscheidung, diese Geschichte anzugehen, aus genau dem Grund, damit einen Schauplatz zu haben, den ich nicht kenne. Das war für mich ein Experiment. Auch die Idee zu Dr. Sorge stammt auch nicht von mir. Als ich im Jahr 2000 mit Junko Iwamoto und Jürgen Seebeck in Japan war, hat mich Jürgen zum ersten Mal auf Dr. Sorge aufmerksam gemacht, vorher hatte ich keine Ahnung, wer das war. Wir haben herumgesponnen, ob wir nicht gemeinsam einen Dr.-Sorge-Manga machen wollen. Er drückte mir als Informationsmaterial den Band Richard Sorge. Die Geschichte eines großen Doppelspiels von F.W. Deakin und R.S. Storry in die Hand, und irgendwie hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Als ich es später dann mit zwei anderen Ideen dem Carlsen Verlag vorschlug, kam Dr. Sorge am besten an. Jürgen Seebeck hatte dann netterweise nichts dagegen, mich die Idee allein umsetzen zu lassen – wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Knigge: Mit zu den grafisch schönsten Szenen gehören für mich die immer wieder vorkommenden Passagen, bei denen Du auf Text verzichtest und über längere Strecken allein über die Bilder erzählst. Das sieht man oft ja auch bei Mangas, allerdings dient das dort in der Regel der Beschleunigung des Lesetempos, während Du durch Deine „stummen“ Szenen Ruhe erzeugst, obwohl Du Zeit komprimierst: Oft reihen sich da kleine Augenblicke aneinander, die jeder aktionsgeile Comic unter den Tisch fallen ließe, und schaffen ein Gefühl für die Zeit, die über die Geschichte verstreicht.

Kreitz: Freut mich, dass Dir diese Szenen gefallen. Die sind in erster Linie aus dem Wunsch heraus entstanden, etwas Lokalkolorit in die Geschichte zu bringen. Und natürlich auch aus der luxuriösen Situation, endlich mal Platz zu haben, einen Sachverhalt nur durch Bilder zu erzählen. So etwas ist bei einem starren Korsett wie etwa dem klassischen Album mit achtundvierzig Seiten schwerlich möglich. Ich habe diese Szenen vor allem als dramaturgisches Mittel eingesetzt, um eine Szene von der anderen zu trennen und, wie Du schon gesagt hast, das Verstreichen von Zeit darzustellen.

Knigge: 240 Seiten, das entspricht etwa fünf klassischen Comic-Alben. Wie lange hast Du an Sorge gearbeitet?

Kreitz: Etwa zwei Jahre, unterbrochen allerdings von Illustrations- und Comic-Aufträgen. Wenn man diese Zeit abzieht, dann sind es vielleicht dreizehn bis vierzehn Monate reine Arbeitszeit gewesen.

Knigge: Absolut erstaunlich finde ich den Reichtum der Details in Deinen Zeichnungen, durch die eine ungeheuer dichte Atmosphäre entsteht. Allerdings bleiben die immer unaufdringlich, lenken nie von der Erzählung ab, und erst beim genauen Hinsehen merkt man, welche Arbeit Du da in jedes Panel investiert hast. Wäre angesichts des enormen Umfangs nicht ein schlichterer Stil ökonomischer gewesen?

Kreitz: Sicherlich, ich habe mir auch so manches Mal in den Hintern treten können dafür. Nur wähle ich mir in der Regel nicht aus, mit welchen Mitteln ich arbeiten will, es passiert einfach. Ich hatte mir eigentlich mal vorgenommen, Bleistift-Outlines mit Computer-Grauwerten zu füllen, ganz reduziert, wie in meinem Buch Sushi entdecken, das wäre ja schön schnell geangen. Aber schon nach der ersten Probeseite kam etwas anderes heraus. Nach drei oder vier Probeseiten bin ich dann bei diesem Stil gelandet. Meine Freunde Natscha und Jörn haben es dann geschafft, aus den schmierigen Originalen Druckvorlagen zu machen.

Knigge: Wie muss man sich Dein Arbeiten konkret vorstellen: Entwickelst Du, bevor Du mit dem Zeichnen anfängst, vorab die Handlung bis hinein in die Details, oder gibt es auch Leerstellen, wo die Geschichte vielleicht eine andere Wendung nimmt, als Du’s am Anfang vorhattest?

Kreitz: Ich finde es praktisch, zunächst das gesammte Storyboard vorliegen zu haben, bevor ich den Stift in die Hand nehme. Das sieht bei mir so aus, dass ich kleine, briefmarkengroße Seitenlayouts mache und dazu die Texte an den Rand setze. So kann ich den ganzen Comic bereits „lesen“ und sehen, ob das Timing stimmt oder irgendwo Lücken oder Verständnisprobleme entstehen. Im Grunde ist damit die ganze kreative Arbeit getan, die Umsetzung ist dann nur noch „Handwerk“. Wenn sich noch Szenen ändern, dann meist, weil der „Hausfrauentest“ noch Defizite ergeben hat oder ich mit Bildquellen Probleme hatte und substituieren musste. Ich halte wenig davon, mir unnötig mehr Arbeit zu machen, indem ich Leerstellen lasse und durch mangelnde Vorarbeiten riskiere, Seiten umsonst gemacht zu haben und noch mal neu machen zu müssen. Inzwischen habe ich auch die nötige Routine, um so arbeiten zu können.

Knigge: Du bist bei Sorge Deine eigene Autorin, und auch in der Vergangeheit hast Du selten mit einem Szenaristen zusammen gearbeitet, wie’s bei Comics ja üblich ist, sondern lieber Romane als Vorlagen genommen. Liegt Dir dieses alleine Arbeiten mehr als die Zusammenarbeit mit einem Autor?

Kreitz: Ja, obwohl es immer mein größter Wunsch war, in einem Studio mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten. Mein Traumbild ist das Studio, das Will Eisner in seinem autobiografischen Comic The Dreamer beschrieben hat: Ein dutzend Zeichentische, Autoren und Zeichner in einem Raum, Zeitdruck, Nachtschichten, Kaffee und Zigaretten, das volle Klischee (lacht). Nun bin ich das alleine Arbeiten allerdings inzwischen einfach zu sehr gewöhnt, um noch zu teilen, jedenfalls bei meinen eigenen Themen. Bei Aufträgen ist das ganz anders, da ist es viel leichter, klare Ansagen zu machen, wer was wie macht. Ich will mich mit der Arbeit dann ja nicht „selbst verwirklichen“, sondern habe eine Aufgabe zu erfüllen. Das ist etwas ganz anderes ...

Knigge: Erstaunlich finde ich die Variablität Deiner Stilrichtungen und die Homogenität und Sicherheit, die Du dann bei einem einmal gewählten Stil zeigst. Deine Ralf-Tetralogie ist in einem ziemlich fetzigen Stil angelegt, der sich auch für Tempo und Bewegung anbietet, für Der 35. Mai hingegen hast Du den Stil Walter Triers aufgegriffen und wie eine Hommage an den großen Kästner-Illustrator adaptiert. Bei Sorge hast Du mit dem Bleistift gearbeitet und erzeugst dadurch ein Fluidum, wie es von den Illustrationen der Presse in den Fünfzigerjahren ausgeht. Ist es eigentlich schwierig, so von einer Technik zu anderen zu springen?

Kreitz: Eigentlich nicht, die Technik ergibt sich, wie ich schon sagte, durch die Geschichte. Ich mache mir auch gar keine große Mühe, mich vorher lange mit einer neuen Technik zu beschäftigen. Da pfusche ich eher gern mal, das sieht man dann hinterher, wenn man die erste und die letzte Seite nebeneinander legt. Am liebsten würde ich dann noch mal von vorne beginnen, weil ich erst am Fuße der Arbeit richtig vertraut bin mit der Technik.

Knigge: Das ist ja ein verbreitetes Phänomen unter Künstlern, dass man am Schluss meint, alles viel besser zu machen, wenn man jetzt noch mal von vorne anfinge – für mich einfach immer ein Ausdruck, dass man an seiner Arbeit gewachsen ist und sich damit auch der Blick verändert hat. „Pfuschen“ wäre nun allerdings wirklich der letzte Ausdruck, der mir bei Deinen Seiten in den Sinn kommen würde! ... Aber noch mal zu Der 35. Mai, Deinem vorletzten Buch, das auch zu den wenigen farbigen Arbeiten von Dir gehört. Ist Dir Schwarz-weiß lieber?

Kreitz: Schwarzweiß geht schneller, das ist der Hauptgrund. Wie gesagt, die „kreative“ Arbeit liegt hinter mir, wenn ich mit dem Zeichnen anfange, und die Umsetzung sollte nicht sooo viel Zeit in Anspruch nehmen, sonst fängt der Kram an zu müffeln. Und ich hasse es, zu kolorieren. Wann immer es finanziell machbar ist, gebe ich gern Aufträge dazu an Kollegen weiter. Im Falle vom 35. Mai gab es die Farbvorgabe durch die Coverillustration von Walter Trier, da musste ich halt selber ran. Es gelingt mir auch besser, ein bestimmtes „Licht“ in Schwarzweiß zu erzeugen, vielleicht, weil ich überwiegend schwarzweiße Fotos als Bildquellen heranziehe. Ich fühle mich auch wohler dabei, weil mir Schwarzweiß mehr liegt und ich damit besser umgehen kann. Aber wie schon gesagt: Wenn die Story es verlangt, dann setze ich auch Farbe ein, ganz klar.

Knigge: Ralf gehört zu den wenigen Geschichten, mit denen Du Dich in der Gegenwart bewegst, auffällig oft dagegen beschäftigst Du Dich mit dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit. Woher stammt Deine Faszination für diese Epoche?

Kreitz: Also aus dem gymnasialen Geschichtsunterricht ganz bestimmt nicht (lacht). Ich bin da von einer Thematik ganz unvermittelt in die nächste gerutscht. Mein erstes Album bei Carlsen, Ohne Peilung, das Du ja damals als Lektor begleitet hast, wollte ich als Horror-Comic nach Art der EC-Storys umsetzen. Ich habe damals nach aktuellen Themen gesucht, mit denen man das „Schloss im Blitzgewitter“ ersetzen kann, und bin durch Dich auf den verschütteten U-Boot-Bunker im Hamburger Hafen gestoßen, den es damals noch gab. Für die Story in und um diesen Bunker habe ich mich erstmals „richtig“ mit der Thematik des Zweiten Weltkriegs beschäftigt und vor allem viele Bilddokumente gesammelt. Die spukten dann immer in meinem Hinterkopf herum, als mir das Buch von Uwe Timm in die Hand fiel, Die Entdeckung der Currywurst, aus dem ja dann, als Adaption, der zweite Comic wurde, der in dieser Zeit spielt. Wieder Recherche, wieder neue Bilder, und so ging das immer weiter ... Inzwischen fällt mir der Zugang zu dieser Thematik eben leicht.

Knigge: Wenn man so lange an einem Projekt gearbeitet hat wie Du an Sorge, fällt man dann eigentlich anschließend in das sprichwörtliche „schwarze Loch“, wenn man fertig ist und alles beim Verlag liegt?

Kreitz: Oooh, ja! Und wie! Ich sitze immer noch wie Falschgeld an meinem Schreibtisch. Hoffentlich kommt bald ein nerviger Job rein, mit dem ich mich ablenken kann.

Knigge: Und hast Du schon Pläne, was Du als nächstes angehen wirst?

Kreitz: Ich sitze gerade an dem Storyboard für Pünktchen und Anton, dem Folgeband zu Der 35. Mai, der Ende des Jahres fertig sein soll. Obwohl es mir im Moment gerade nicht so leicht fällt, von Sorges Tokio auf Triers Berlin umzuschalten ...

Knigge: Also noch einmal Kästner. Was reizt Dich so, Literatur zu Comic-Literatur zu machen, und an Kästner im Speziellen?

Kreitz: Wenn man Kästner adaptiert, dann merkt man, wie sehr er sich schon mit Drehbüchern beschäftigt haben muss, die Szenen sind so gegliedert, dass man sie nahtlos in Bilder und Dialoge aufteilen kann, ohne etwas hinzudichten zu müssen. Das macht die Sache einfach. Was mir an Kästner großen Spaß macht, ist, den Figuren seine flotten Texte in den Mund zu legen und sie zu animieren. Allgemein hatten wir ja schon das Thema „Arbeitsteilung“. Im Grunde ist es so, dass ich beim Adaptieren die Freiheit habe, mir die „Szenaristen“ aus allen Epochen der Weltliteratur auszusuchen. Und wenn sie schon tot sind, können sie mir nicht mal mehr reinreden (lacht). Auch, wenn man häufig an Grenzen stößt, wie im Fall von Thomas Mann, für dessen Buddenbrooks ich seit ungefähr elf Jahren versuche, die Rechte zu bekommen. Eine solche Adaption hätte mich aus vielen Gründen sehr gereizt, aber die Probleme auszuführen, auf die ich hier gestoßen bin, würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Nun bin ich gespannt, wie das Ganze in Breloers Verfilmung aussehen wird, die wohl dieses Jahr in die Kinos kommt. Aber es gibt ja genügend wundervolle Stoffe, die sich für Adaptionen eignen.

Sicherlich kann man behaupten, ein Comic mache nur Sinn, wenn ihm eine eigenständige Geschichte zugrunde liegt, und man würde mit der Adaption auf fahrende Züge aufspringen. Aber warum soll der Comic nicht dürfen, was im Kino gang und gäbe ist? Und warum ein mittelmäßiges oder schlechtes eigenes Comic-Szenario umsetzen, wenn man aus der Weltliteratur auswählen kann ... Dem Buch soll ja um Himmelswillen keine Konkurenz gemacht werden, und erst recht geht es natürlich nicht darum, eine „Arme-Leute-Version“ für Leseunwillige vorzulegen. Eine gute Geschichte ist es aber doch wert, am Leben zu bleiben, ob als Film, Hörspiel oder Theaterstück. Und wenn es für den Film kongeniale Zusammenarbeiten gab, etwa die von Francis Ford Coppola mit Mario Puzzo, warum soll das im Comic nicht möglich sein? Ich werde weiter auch eigene Stoffe umsetzen, aber Adaptionen machen mir bei weitem mehr Spaß, weil ich dabei mehr Energie in die Arbeitsschritte lege, die ich am besten kann, nämlich eine Geschichte in Bildern zu erzählen und nicht etwa, sie selber zu erfinden. Ich hoffe, dass mit dem Segment graphic novel, das in Deutschland ja noch ziemlich am Anfang steht, die Grenzen zwischen den Buch- und Comic-Regalen weiter eingerissen werden, und damit auch die Berührungsängste der Literatur mit dem Comic schwinden. Mit dem Kino gibt es die ja auch nicht – was wahrscheinlich nicht zuletzt auch daran liegt, dass ein Verlag, ein Autor oder dessen Rechtsnachfolger im Falle einer Verfilmung deutlich mehr verdienen.

Knigge: Ich danke Dir für das Gespräch, Isabel. Und viel Spaß und Erfolg mit Deinen nächsten Projekten!

(aus: Comixene 102, Mai 2008)

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