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RASENDES DAUMENKINO, VON HINTEN NACH VORNE
Japanische Manga-Comics haben einen Siegeszug durch die Buchhandlungen angetreten

Von Andreas C. Knigge

Auf den ersten Blick wirkt Ranma Saotome wie ein ganz normaler Teenager. Süß sieht er aus mit seinem Wuschelkopf und den großen verträumten Augen, finden die Mädchen. Außerdem ist er an „Tendos Kampfsportschule für Schlägereien aller Art“ der Primus. Aber da ist noch etwas. Denn seit Ranma in eine verwunschene Quelle fiel, verwandelt er sich jedes Mal, wenn er mit kühlem Wasser in Berührung kommt, in ein Mädchen. Das ist ziemlich lästig, weil er dann etliche Jungs auf Distanz halten muss, die in die vermeintliche Martial-Arts-Schülerin verliebt sind. Und dumm natürlich auch, wenn es ausgerechnet inmitten eines Flirts mit der bezaubernden Akane zu regnen beginnt. Dann hilft allein ein heißes Bad, damit Ranma wieder zum Jungen wird.

Bizarre Geschichten wie diese sind eine Spezialität japanischer Comic-Zeichner. Und sie sind erstaunlich strapazierfähig. 38 Bände hat Rumiko Takahashi mit Liebelei, Intrigen und Raufereien gefüllt, fast 7.000 Seiten. Ihr Manga-Epos diente als Vorlage für 166 Zeichentrick-Episoden und drei Kinofilme. Auch in Europa ist Ranma ½ längst ein Bestseller, in Deutschland hat der Kölner Egmont Verlag über zwei Millionen Exemplare der Endlos-Saga verkauft. Der Weg ist dabei das Ziel: Als Ranma und Akane am Schluss den Bund der Ehe schlossen, waren viele Fans, die die Romanze über Jahre verfolgt hatten, verzweifelt. „Nichts kann den genialen Slapstick, die originellen Charaktere und die ganze Stimmung von Ranma ½ ersetzen“, schrieb eine Leserin. „Da helfen höchstens nur andere Takahashi-Drogen.“

Kein Problem. Inu Yasha heißt der neue Held der 48jährigen Starzeichnerin, der sich auf der Suche nach den verstreuten Splittern eines „Juwels der vier Seelen“ bereits durch zwei Dutzend Taschenbücher balgt. Auch er – halb Mensch, halb Hundedämon – verkörpert in seiner Ambivalenz symbolisch die Gefühlsstürme der Pubertät und muss lernen, mit seinen Schwächen klarzukommen. Nicht allein, dass Inu Yasha in Neumondnächten seine magischen Kräfte verliert, vor allem Mädchentränen lassen den cholerischen Kauz regelmäßig ausflippen.

Seltsame Bücher sind das, die seit einigen Jahren unaufhaltsam die Kinderzimmer erobern und so kryptische Titel tragen wie Peach Girl, RG Veda, 3 x 3 Augen oder Berserk. Schlägt man sie auf, wird man umgehend gebremst. „Halt!“, ruft auf der ersten Seite dem Nicht-Eingeweihten ein Zeichenwesen mit Augen groß wie Suppentassen entgegen. „Dies ist ein japanischer Comic, der wie im Original von rechts nach links gelesen wird. Also fangt einfach von der anderen Seite des Buches an." Diese Erwachsenen-Sicherung erklärt einen Teil des Erfolgs der Nippon-Comics. Denn Jugendkultur ist immer auch Distanzierungskultur. Sich allerdings von Eltern abzugrenzen, die selbst mit Micky Maus und Asterix aufwuchsen, Jeans und lange Haare tragen und Eminem nicht für „Negermusik“ halten, erfordert heute drastische Maßnahmen. Wie eben das Aushebeln tradierter Lesegewohnheiten.

Eine weitere Hürde, die ungebetenen Gästen den Zugang zu den Manga-Welten versperrt, ist die dynamische, oft konfus wirkende Seiten-Architektur. Während europäische und amerikanische Zeichner möglichst viel an Information in einem Bild verdichten, ist die Erzähltechnik der Mangas stark vom Film beeinflusst, was bei Tim und Struppi oder Prinz Eisenherz in einem Panel dargestellt wird, erstreckt sich leicht über etliche Seiten. So entsteht, unbehindert durch ausladende Dialoge und überflüssige Details, ein Bilderstrom, der die Illusion rasanter Bewegung erzeugt. Im Schnitt 3,75 Sekunden, hat der Experte Frederik L. Schodt ermittelt, benötigen japanische Leser für eine Seite. Das macht den Manga in einer Zeit allgemeiner Beschleunigung zu einer überlegen modernen Form des Comics.

Und tatsächlich sind Superman und die Schlümpfe gegenüber Figuren wie Inu Yasha oder Ranma längst auf dem Rückzug. Drei Viertel ihres Umsatzes erwirtschaften die Comic-Verlage in Deutschland mittlerweile mit Manga-Taschenbüchern, Tendenz steigend. Allein der Hamburger Carlsen Verlag, der sich 1991 auf noch unbekanntes Terrain wagte und mit Akira die erste Serie veröffentlichte, bringt jeden Monat 16 Taschenbücher auf den Markt. Dazu die Magazine Banzai! und Daisuki – das eine für Jungs, das andere für Mädchen und beide wie ihre japanischen Vorbilder dick wie das Telefonbuch einer mittleren Großstadt. Die Umsatzzuwächse lagen in den letzten Jahren bei weit über 100 Prozent.

Dabei glaubte anfangs kaum jemand an einen Erfolg der Nippon-Zeichenware. Erst als Carlsen 1998 auf Drängeln des Zeichners Akira Toriyama mit Dragon Ball auch die japanische Leserichtung übernahm, gelang der Durchbruch. Zunächst gegen den Widerstand des Handels, der mit den schrägen Abenteuern des affenschwänzigen Kampfsport-Gnoms Son-Goku, der für sein Leben gern an getragenen Mädchenschlüpfern schnuppert, nichts anzufangen wusste. Doch plötzlich stürmten nach Schulschluss Pulks von Knirpsen in XXL-Baggys und mit Baseballcaps und Wollmützen auf den Köpfen in die Buchhandlungen, Wesen, die die Verkäuferinnen noch nie zuvor in ihren Läden gesehen hatten. Mit über sechs Millionen verkauften Exemplaren machte Dragon Ball selbst Harry Potter Konkurrenz.

Inzwischen sorgen auch andere Anbieter wie Panini mit dem Label „Planet Manga“ für Nachschub. Kaum noch eine größere Buchhandlung ohne Manga-Abteilung, lieferbar sind aktuell rund 1.800 Bände. Auf einen sogar noch höheren Titelausstoß als Carlsen bringt es der Egmont Verlag, der seinen Hauptumsatz bisher mit Disney-Comics machte. Ende vergangenen Jahres gründete zudem Tokyopop, ein Unternehmen, das in den USA bis zu zehn Titel wöchentlich produziert, einen Ableger in Hamburg. Wenn im Juni dann noch der Taschenbuchverlag Heyne einsteigt, wächst das Angebot auf 70 Neuerscheinungen im Monat.

Ein Klacks verglichen mit Japan, wo Mangas mittlerweile 40 Prozent aller Druckerzeugnisse ausmachen. Lediglich ein Gut, formulierte die Süddeutsche Zeitung, sei dort weiter verbreitet: Luft. Rund 130 Verlage setzen im Jahr über zwei Milliarden Taschenbücher und Magazine ab. Eine Erfolgsstory, die nach dem Zweiten Weltkrieg begann und als deren Initiator die Japaner den Zeichner Osamu Tezuka verehren. Der war nicht nur der Begründer einer modernen Manga-Tradition, sondern setzte Comics wie Astro Boy oder Kimba, der weiße Löwe auch in Zeichentrickserien für das aufkommende Fernsehen um.

So gewann der Manga weitere Popularität und wurde, begünstigt durch den Nachkriegs-Babyboom, ab Mitte der Sechzigerjahre zum Massenphänomen, das bald durch Spezialisierungen auf die Interessen älterer Zielgruppen die gesamte Gesellschaft ergriff. Tezuka, dessen Gesamtwerk mehr als 150.000 Seiten umfasst, verdankt der Manga auch eine seiner augenfälligsten stilistischen Eigenarten. Die großen Kulleraugen, die er seinem Idol Walt Disney abgeschaut hatte, wurden von einer ganzen Generation von Zeichnern übernommen und finden sich in vielen Serien bis heute. Als der „manga no kamisama“, der „Gott der Mangas“, 1989 starb, waren die Nachrufe zahlreicher und länger als kurz zuvor zum Tod Kaiser Hirohitos. Inzwischen wurde ihm sogar ein eigenes Museum gewidmet.

Nippon ist heute eine Manga-Welt, in der in kaum einem Bereich mehr ohne Comics kommuniziert wird. Dass der Verkauf von Büchern sinkt und Japaner aller sozialen Schichten und Altersgruppen die Welt zunehmend durch ein Medium betrachten, das mit Übertreibung und Vereinfachung arbeitet, ruft auch wachsende Besorgnis hervor. Verstanden werde nur noch, was schnell zu erfassen ist, hat der Medienexperte Toshio Okada beobachtet und warnt schon vor einer „Infantilisierung“ der Gesellschaft.

Der Manga als Seismograph kollektiver Befindlichkeit. Dass knuffige Figuren wie die atomgetriebene Wunder-Katze Doraemon Erwachsene in kindliche Euphorie versetzen und immer häufiger zum Lebensinhalt werden, wirkt wie eine symbolische Rebellion gegen das Altern: Nippon vergreist schneller als jede andere Nation, 2050 wird jeder dritte Japaner älter als 65 Jahre sein. Dann, versprechen Maschinenwesen wie etwa die elektronische Heldin der Serie Battle Angel Alita, werden freundliche Roboter vor Vereinsamung schützen und helfen, den Alltag zu meistern.

Aber auch die junge Generation verabschiedet sich zunehmend aus der Realität. „Hikikomori“ heißt ein Phänomen, das der Psychiater Tamaki Saiko bereits als „nationale Tragödie“ bezeichnet. Aus Angst, dem Leistungsdruck des rigorosen Schulsystems nicht gewachsen zu sein, verbarrikadieren sich immer mehr Teenager in ihren Zimmern, setzen jahrelang keinen Fuß vor die Tür und tauchen vollständig ab in Manga- und Computerspiel-Welten. Schon über eine Million junge Japaner, so die letzten Schätzungen, ziehen die Eremitage dem wirklichen Leben vor. Eine harmlosere Strategie, vor den Schattenseiten des Turbokapitalismus zu flüchten, wird auch in Deutschland immer beliebter. „Cosplays“ werden die Events genannt, auf denen Kids in aufwändigen Kostümen als Helden ihrer Lieblings-Mangas auftreten. Der Körper wird zum Zeichen, die eingezwängte Identität ersetzt durch eine geborgte, die einer verlockenderen Welt entstammt.

Dass Nippons exotische Comic-Universen auch hierzulande längst zum Lebensstil geworden sind, hat viel mit ihrer multimedialen Vermarktung zu tun. Die ganze Woche hindurch laufen auf RTL II ab mittags Manga-Filme wie Detektiv Conan oder One Piece. Für die restlichen Stunden des Tages stehen Anime-DVDs, Action-Toys, Internet-Foren und Konsolenspiele bereit. In der Serie Yu-Gi-Oh! des 41jährigen Zeichners Kazuki Takahashi etwa ist die Vermarktungsstrategie sogar schon programmiert: Dank der magischen Kraft eines geheimnisvollen Kartenspiels verwandelt sich der schüchterne Pennäler Yugi in sein unbesiegbares Alter Ego und setzt selbst die fiesesten Monster außer Gefecht. Die entsprechenden Duell-Karten wurden zum Hit und katapultierten Takahashi an die Spitze der Top-Verdiener der japanischen Unterhaltungsindustrie.

Die Hegemonie der US-amerikanischen Popkultur scheint gebrochen. Während digital aufgemotzte Hollywood-Streifen wie Star Wars oder Spider-Man noch immer die abgewetzten Mythen eines vergangenen Jahrhunderts recyceln, bieten Mangas unverbrauchte Projektionsflächen für die Träume, Ängste und Sehnsüchte der heutigen Generation. Bezeichnend, dass es gerade Katsuhiro Otomos Cyberpunk-Klassiker Akira war, der vor gut zehn Jahren dem Nippon-Comic in den USA und in Europa die Türen aufstieß. Die 2.000-Seiten-Saga erzählt von Jugendlichen, die instrumentalisiert und von den Militärs als Psi-Waffen missbraucht werden. Am Ende legen sie das Tokio ihrer Väter in Schutt und Asche und schaffen Raum für eine neue Welt.

Im Grunde verhält es sich mit den Mangas wie mit jedem anderen Medium auch. Das Gros ist profanes Unterhaltungs-Fast-Food und schon morgen vergessen. Dass anspruchsvollere Werke bisher nur vereinzelt übersetzt wurden, liegt vor allem daran, dass die Leser hierzulande noch überwiegend Teenager sind. Allerdings färbt die Manga-Ästhetik zunehmend auch auf andere Bereiche wie Mode oder Werbung ab. Quentin Tarantino hat in seinem letzten Kinofilm Kill Bill ganze Passagen im Manga-Stil gestaltet, und beim Kunstbuch-Verlag Taschen ist im vergangenen Jahr der opulente Band Manga Design erschienen. Sogar der Kultursender Arte hat unlängst das Online-Magazin Mang’Arte installiert. Und so finden sich auch bei den Comic-Verlagen immer häufiger Titel für ein Publikum, das Einstiegsdrogen wie Dragon Ball oder Ranma ½ entwachsen ist.

Wunderschön etwa der Klassiker Lone Wolf & Cub von Kazuo Koike und Goseki Kojima, der ein vielschichtiges Porträt der Edo-Zeit zeichnet. Auch Inoue Takehikos Samurai-Saga Vagabond, 2002 ausgezeichnet mit dem Tezuka Cultural Award, braucht einen Vergleich mit den Romanepen eines Eiji Yoshikawa oder Akira Kurosawas Filmmeisterwerken keinesfalls zu scheuen. Kaiji Kawaguchi hingegen inszeniert mit Eagle einen knallharten Politthriller, in dem ein japanischer Einwanderer in den USA als Präsidentschaftskandidat antritt. Der Stoff, kommentierte das Branchenblatt Comixene, sei derartig gut recherchiert, dass er „zur Pflichtlektüre im politikwissenschaftlichen Studium erklärt werden müsste“. Auf ganz andere Art erschütternd die vierbändige Autobiografie Barfuß durch Hiroshima von Keiji Nakazawa, der im Alter von sechs Jahren den Abwurf der Atombombe auf seine Geburtsstadt überlebt hat.

Vor allem jüngere Zeichner werfen immer häufiger auch kritische Blicke hinter die Kirschblüten-Fassade der japanischen Gesellschaft und thematisieren die Auswirkungen der zügellosen Globalisierung: die Zerstörung der Umwelt, den Verlust traditioneller Werte und wirtschaftlichen Erfolg als letzten Daseinszweck. In dem Band Der lachende Vampir, erschienen in dem Berliner Avantgarde-Verlag Reprodukt, erzählt Suehiro Maruo im Gewand einer blutrünstigen Vampir-Geschichte hintergründig und mit kunstvoll inszenierten Bildern vom gesellschaftlichen Umbruch und zeigt ganz subversiv auch das, was im Land des Lächelns offiziell gar nicht existiert: Obdachlose, auf der Toilette Lösungsmittel schnüffelnde Schüler und Mädchen in kurzen Röcken, die Lüstlingen ihre Schlüpfer verkaufen, um sich in Tokios Glitzerviertel Shibuya dem Konsumrausch ergeben zu können.

Irgendwie ist es mit den Mangas wie mit Sushi. Hat man erst mal damit angefangen, ist man schnell süchtig. Und versteht selbst nicht so ganz, warum man anfangs die Nase gerümpft hat.

(aus: Die Zeit, 21. April 2005)

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