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DIE SCHÜLER DES COMIC-MEISTERS

Von Andreas C. Knigge

Ende der Vierzigerjahre ist Japan ein ruiniertes Land. Sei war acht Jahre alt, als die Atombombe auf Hiroshima fiel. Zusammen mit seiner Mutter war er während des Krieges zu den Großeltern in das nur eine Zugstunde entfernte Yamaguchi geflüchtet und glaubte, ihr Haus stürze ein, als er das Beben spürte. Das ist nun fünf Jahre her, aber noch immer gleicht Seis Leben einem Chaos. Kurz nach dem Krieg wurden seine Eltern geschieden, vom Vater hat er schon lange nichts mehr gehört, und die Mutter arbeitet jetzt in Yokohama und kommt ihn nur einmal im Monat besuchen. Allein lebt er in einem kargen Zimmer in Tokio, hat keine Freunde, und in der Schule ist er weder gut noch besonders beliebt. Das einzige, für das sich Sei interessiert, sind Comics, besonders die Helden, die der berühmte Noro Shinpei zeichnet. Eines Tages beschließt er, den Meister aufzusuchen. Von ihm will er das Zeichnen lernen, um selbst einmal ein erfolgreicher Künstler zu werden.

Für Sei ist die erste Begegnung mit dem Sensei eine Enttäuschung. Denn er trifft einen altmodisch in einen Kimono gekleideten Mann an, dessen unaufgeräumtes Atelier sich am Ende einer schäbigen Sackgasse befindet. So hatte er sich sein Idol nicht vorgestellt. Doch Noro nimmt seinen jungen Bewunderer auf, lehrt ihn zu beobachten und zu recherchieren und weist ihn ein in die Geheimnisse des Erzählens und Zeichnens: „Immer, wenn du zeichnest, entdeckst du etwas Neues. Das Entdecken ist es, worum es beim Zeichnen geht.“ Schon bald macht Sei sichtbare Fortschritte, und schließlich darf er sogar die Bleistiftskizzen des Meisters mit Tusche nachziehen.

Die Schüler des Comic-Meisters ist ein autobiografisch geprägter Roman über die Anfänge der japanischen Comic-Industrie, die inzwischen zur produktivsten der Welt geworden ist, in dem der in Japan geborene und heute in den USA lebende Bilderbuchautor und -illustrator Allen Say von seinen eigenen Lehrjahren als Zeichner erzählt. Leider wird in der deutschen Übersetzung der Comic regelmäßig mit Cartoons verwechselt, und unsinnig sind auch die aus der amerikanischen Originalausgabe übernommenen Anreden „Sir“ oder „Mr“ unter Japanern.

Vor allem handelt das jetzt bei Hanser in schöner Ausstattung erschienene Buch aber von der Freundschaft Seis zu dem drei Jahre älteren Tokida, der vor den gewalttätigen Alkoholexzessen seines Vaters geflüchtet war und sich zu Fuß von Osaka aus auf den Weg nach Tokio gemacht hatte, um ebenfalls bei Noro in die Lehre zu gehen. Während er sich bei den Sozialisten engagiert und an Demonstrationen gegen die Regierung teilnimmt, interessiert sich Sei nur für die Kunst und verliebt sich in seine Mitschülerin Reiko sogar nur deshalb, weil ihre Gesichtszüge ihn an ein Porträt von Degas erinnern. Was die beiden Jungen jedoch vereint und unzertrennlich macht, ist die gemeinsame Leidenschaft für Comics. Und dass das Zeichnen ihrem Leben einen neuen Sinn verleiht.

Was Tokida Sei an technischer Fertigkeit voraus hat, macht der bald durch künstlerische Intuition wett. Eines Tages zeichnet er mit großer Konzentration Michelangelos David ab, als sich sein Körper plötzlich wie taub anfühlt. Er spürt, dass seine Hand die Zeichenkohle wie von selbst über das Papier führt: „Hatte ich geträumt? Wurde ich verrückt? Aber dort an der Staffelei lehnte meine Zeichnung. Es war die beste, die ich je gemacht hatte, und ich hatte keine Ahnung, wie mir das gelungen war.“ Sei hat die erste Hürde auf dem Weg zu künstlerischer Meisterschaft genommen.

Doch dann trifft überraschend ein Brief des Vaters ein. Der will nach Amerika auswandern und bietet Sei an, ihn zu begleiten. Wie soll er sich entscheiden? Soll er die Chance nutzen, um ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen, oder soll er in Tokio bleiben, wo er nun Freunde und einen Lehrer, eine neue Familie, gefunden hat? Zum letzten Mal folgt Sei dem Rat des Sensei: „Wenn du die Möglichkeit zum Reisen hast, dann reise. Reisen ist der größte Lehrmeister.“

Allen Say: Die Schüler des Comic-Meisters, aus dem Amerikanischen von Ulli und Herbert Günther. Hanser Verlag, 184 Seiten, DM 29,80

(aus: Frankfurter Rundschau, 3. Oktober 2003)

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