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LEWIS, SINCLAIR

amerikan. Schriftsteller
* 7.2.1885 Sauk Centre (MN)  † 10.1.1951 Rom
Werkartikel: Babbitt, 1922

Als Harry Sinclair Lewis 1930 als erstem amerikan. Schriftsteller der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, hatte er die fünf großen Romane, die sein Hauptwerk bilden, bereits geschrieben. Main Street, Babbitt, Dr. med. Arrowsmith, Elmer Gantry und Sam Dodsworth waren innerhalb nur einer Dekade entstanden und bilden ein genau beobachtetes kritisch-satirisches Porträt des amerikan. Bürgertums der 20er Jahre.

Nach einem Studium an der Yale University arbeitete Lewis an der von Upton Sinclair und Jack London in Helicon Hall (NJ) gegründeten sozialistischen Schule mit und kam als Reporter, Redakteur und Lektor schon früh mit dem Verlagswesen in Berührung. Mit seinen ersten Romanen, u.a. Hyke and the Aeroplane (1912), Unser Herr Wrenn (1914), Der Erwerb (1917) und Benzinstation (1919), hatte er nur geringen Erfolg, erst 1920 gelang ihm der Durchbruch mit Main Street.

Schon nach Elmer Gantry als enfant terrible attackiert (Aufrufe zum Lynchmord), erfuhr Lewis starken Widerspruch auch auf Der königliche Kingsblood (1947), der die Rassenproblematik behandelt, absentierte sich aus den USA und ließ sich in Europa nieder.

Biografie: G.H. Lewis: With Love from Gracie, 1955; M. Schorer: Sinclair Lewis, 1961 (dt. 1964)

Babbitt
Babbitt, 1922; dt. 1925

1926 sorgte Lewis für einen damals beispiellosen Skandal: Als ihm der Pulitzer-Preis für Dr. med. Arrowsmith zugesprochen wurde, lehnte er diesen ab; er hatte ihn für Babbitt erwartet, nachdem er bereits zuvor mit Main Street am Veto des Stiftungskuratoriums gescheitert war.

Für Babbitt erfand Lewis die Stadt Zenith im ebenfalls fiktiven Winnemac, einem allegorischen Bundesstaat im mittleren Westen der USA, der Schauplatz auch der folgenden drei seiner fünf großen Werke wurde und seiner Gesellschaftssatire allgemeinen Charakter gab. Dennoch wetteiferten nach Erscheinen mehrere Städte darum, das Vorbild für Zenith geliefert zu haben.

Entstehung: Geschult am Journalismus, setzte Lewis die Tradition des muckracking fort, wenn auch mit subtileren Mitteln als etwa sein Zeitgenosse Upton Sinclair und statt der proletarischen die bürgerliche Welt sezierend. Dem Schreiben ging eine gründliche Recherche in der Geschäftswelt voraus, ein Verfahren, das er später auch bei Dr. med. Arrowsmith, Elmer Gantry und Ann Vickers im Milieu der Mediziner, Geistlichen und des Strafvollzugs anwandte. Besonders die exakte Wiedergabe der jeweils typischen Sprache wurde zum Stilmittel, um verschiedene Schichten und Berufsgruppen zu kennzeichnen und zu entlarven.

Aufbau: Die ersten sieben Kapitel, etwa ein Viertel des Romans, schildern bis in die kleinsten Details hinein einen einzigen typischen Tag im Leben Babbitts vom Aufstehen bis zum Schlafengehen und machen den Leser mit dessen manchmal manisch anmutenden Gewohnheiten und Anschauungen bekannt. Dieser Teil endet mit einer Collage aus Szenen, die sich gleichzeitig anderswo abspielen (eine Technik, die John Dos Passos wenig später zum Erzählprinzip seiner „USA-Trilogie“ erhob) und die Figur Babbitt in einen universellen Rahmen stellen: „Im selben Augenblick schliefen in Zenith 340.000 oder 350.000 alltägliche Menschen wie ein ungeheurer, undurchdringlicher Schatten.“ In den folgenden zwölf Kapiteln wird Babbitts Porträt durch weitere Situationen (Dinnerparty, Angelausflug etc.) präzisiert, bevor die eigentliche dramatische Handlung im letzten Drittel des Romans einsetzt.

Inhalt: Der monotone Alltag des konformistischen, ganz auf Konsum, Karriere und Fortschritt fixierten Spießbürgers George F. Babbitt, 46, Vater von drei Kindern und Immobilienmakler in der Industriestadt Zenith, Winnemac, beginnt an jenem Februartag des Jahres 1921 aus den Fugen zu geraten, als er während einer Geschäftsreise in Chicago zufällig seinen besten Freund Paul Riesling beim Fremdgehen ertappt. Wenig später versucht Paul, seine eigene Frau, deren zänkisches Wesen er nicht länger ertragen kann, zu erschießen und kommt ins Gefängnis. Babbitts Welt, „die ohne Paul für ihn bedeutungslos geworden war“, bricht zusammen. Er rebelliert gegen die Enge seines bisherigen Lebens, indem er seine Frau Myra betrügt; er vernachlässigt Freunde und Geschäft und verkommt zusehends. Doch der bald bereute Ausbruchsversuch ist nur von kurzer Dauer. Als Myra erkrankt, kehrt er in sein altes Leben zurück und alles ist wieder so, wie es schon immer war.

Wirkung: Man nannte Lewis aufgrund der minutiösen Abbildung seines Milieus in seiner Prosa den „größten Romanfotografen Amerikas“, babbitt ging als Synonym für den „selbstzufriedenen Spießer“ (Langenscheidt) in den Sprachgebrauch ein. Die Verleihung des Nobelpreises an Lewis empörte weite Teile der amerikan. Öffentlichkeit, in Europa haben die Übersetzungen seiner Werke nicht unerheblich zu einer kritisch-distanzierten Sichtweise der USA beigetragen. Später gab John Updike dem Antihelden seiner vier Harry-Angstrom-Romane (1960-90) in Anspielung auf dessen Prototyp den Spitznamen „Rabbit“. ACK

Die wichtigsten Werke von Sinclair Lewis

Benzinstation, 1919
Während eines Trips quer durch die USA versucht der Garagenbesitzer und Naturbursche Milt Daggert das Herz der Industriellentochter Claire Boltwood zu erobern.

Main Street, 1920
Die junge Bibliothekarin Carol Kennicott heiratet ins fiktive Gopher Prairie und versucht vergeblich, Kultur und Modernität in das miefige Provinznest zu bringen.

Babbitt, 1922
Mit der Figur Babbitts, der aussichtslos gegen die Enge seiner kleinbürgerlichen Welt revoltiert, wurde der Spießer zum Thema der amerikan. Literatur.

Dr. med. Arrowsmith, 1925
Ein engagierter Arzt will dem medizinischen Fortschritt dienen, erlebt jedoch nur Karrieresucht und Profitdenken und gerät in einen heiklen Gewissenskonflikt.

Elmer Gantry, 1927
Der Gemeindepfarrer Elmer Gantry ist ständig hinter jungen Mädchen her und nutzt den Glauben der Menschen scheinheilig und skrupellos zum eigenen Vorteil aus.

Sam Dodsworth, 1929
Ein auseinander gehendes Ehepaar bereist Europa, doch die Fahrt dient mehr der Entdeckung ihrer selbst.

Ann Vickers, 1933
Der Roman um die idealistische Sozialarbeiterin und Frauenrechtlerin Ann ist ein satirischer Hieb auf die Korruption der Bürokratie und die Apathie der Gesellschaft.

Das ist bei uns nicht möglich, 1935
Lewis‘ fiktive Utopie von der Möglichkeit einer faschistischen Machtergreifung in Amerika, in den USA ein spektakulärer Erfolg, erschien in Deutschland erst 1984.

(aus: Das Buch der 1.000 Bücher, Harenberg 2002)

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