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BOWLES, PAUL

amerikan. Schriftsteller u. Komponist
*30.12.1910 Long Island  †18.11.1999 Tanger
Werkartikel: Himmel über der Wüste, 1949

Paul Frederick Bowles ist einer der bedeutendsten Vertreter des literarischen Existenzialismus. Im Mittelpunkt seiner nur vier Romane stehen der westlichen Zivilisation überdrüssige Amerikaner, die ihre innere Leere durch Flucht in eine exotische Gegenwelt zu überwinden suchen. Die „Ursprünglichkeit“ Nordafrikas bzw. Südamerikas bietet jedoch keine Erlösung, der zunehmende Verlust der Orientierung treibt die Protagonisten unaufhaltsam in die Selbstzerstörung.

Bowles publizierte 1928 Gedichte in der französ. Avantgarde-Zeitschrift transition und komponierte ab 1930 vorwiegend Bühnenmusik u.a. für Orson Welles und Tennessee Williams. 1938 heiratete er die lesbische Schriftstellerin Jane Auer, mit der er bis zu deren Tod (1973) zusammenlebte. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa, Nordafrika und Lateinamerika veröffentlichte er ab 1944 regelmäßig Erzählungen und 1949 seinen ersten Roman, Himmel über der Wüste.

Seit 1947 lebte Bowles in Tanger, wo er auch die Geschichten marokkan. Erzähler, die weder lesen noch schreiben gelernt hatten, aufzeichnete und übersetzte, u.a. die seines Lebensgefährten Mohammed Mrabet in über zehn Bänden.

Biografie: P. Bowles: Without Stopping, 1972 (dt. 1990: Rastlos); R. Briatte: Paul Bowles, 1989 (dt. 1991)

Himmel über der Wüste
The Sheltering Sky, 1949; dt. 1952

Bowles hat hier bereits das Thema gesetzt, das ihn auch in seinen weiteren Romanen beschäftigte: die Suche des vom Wohlstand gelangweilten Menschen nach Wahrhaftigkeit. Doch die Verheißungen von Abenteuer, Rausch und Erotik sind trügerisch, sie vermögen die erkrankten Seelen, deren Zustand sich hier in der kargen und trockenen Wüste spiegelt, nicht zu heilen. Der Grenzübertritt aber (zur islamisch-orientalischen Welt) hat fatale Konsequenzen: Wer ihn überlebt, ist nun auch seiner letzten Illusion beraubt: Der schützende Himmel (Originaltitel) bietet keinen Schutz mehr.

Entstehung: Anfang 1947 war Bowles der „Gebrauchsmusik“ überdrüssig und plante, einen Band mit Erzählungen herauszugeben, erhielt vom Verlag Doubleday jedoch einen Vertrag für einen Roman. Er beschloss, in Marokko zu schreiben und begann im August in Fès mit der Arbeit, die er auch während mehrerer Reisen fortsetzte.

In Spanien begegnete Bowles einem skurrilen Mutter-Sohn-Gespann, das zur Vorlage für zwei Nebenfiguren wurde, in Tanger probierte er Majoun und fühlte sich so erstmals in die Lage versetzt, den Tod einer seiner Figuren (Port Moresby) zu schildern, und während einer neun Monate währenden Exkursion durch die alger. Sahara schrieb er in abgelegenen Karawansereien: „Ich bestreute die Seiten mit Details, die der Realität um mich entliehen waren. Wenn ich einen Haufen Unrat sah, notierte ich ganz genau, aus was er bestand.“

Doubleday war der Roman zu nihilistisch geraten, der Verlag lehnte die Veröffentlichung ab. Er wurde daraufhin von John Lehmann in London mit 4.000 Exemplaren publiziert, von der Kritik sehr gut aufgenommen, allerdings erst im Laufe der Jahre zum Erfolg.

Inhalt: Erzählt wird die Geschichte einer Reise durch die alger. Sahara. Kit und Port Moresby, ein Paar ohne Verpflichtungen und ohne Ziel, sind seit zwölf Jahren verheiratet, mögen und achten sich, haben sich jedoch auch längst verloren. Die gemeinsame Exkursion ist der Versuch der Wiederbelebung ihrer erloschenen Liebe, der jedoch schon zu Anfang durch die Anwesenheit des jüngeren Tunner, von dem sich Kit angezogen fühlt, zum Scheitern verurteilt ist. Port lässt sich noch vor dem Aufbruch in die Wüste mit einem einheimischen Mädchen ein. Als eine verschrobene Reiseschriftstellerin und ihr Sohn den Moresbys zwei Plätze in ihrem Wagen nach Boussif anbieten, beschließt Kit, zusammen mit Tunner den Zug zu nehmen und schläft mit ihm, während Port den bequemeren Weg mit dem Auto wählt.

Der weitere Verlauf der Reise gerät zum Alptraum: Port erkrankt an Typhus und stirbt, Kit schließt sich der Karawane zweier arabischer Händler an, wird vergewaltigt, findet sich schließlich im Harem des Jüngeren wieder und wird ihm in ihrer Flucht in den Sex hörig. Als der das Interesse an ihr verliert, wird sie vom Wahnsinn ergriffen und flieht zurück an die Küste, doch die Rückkehr nach Amerika ist ihr nicht mehr möglich: Kit hat jeden Bezug zu ihrem bisherigen Leben verloren.

Wirkung: Das Werk wurde häufig als Schlüsselroman mit Bezügen zur Ehe zwischen Jane und Paul Bowles interpretiert, wogegen sich der Autor verwahrte.

Himmel über der Wüste und mehr noch So mag er fallen (1952) machten Bowles in den 50er Jahren zur Kultfigur der Beatniks. Beat-Schriftsteller wie William S. Burroughs, Allen Ginsberg und Jack Kerouac, denen er oft unzutreffend zugerechnet wurde, aber auch Truman Capote oder Tennessee Williams folgten ihm nach Tanger. Nur Bowles jedoch blieb und wurde langsam vergessen. Bernardo Bertoluccis bildgewaltige Verfilmung von Himmel über der Wüste (1989/90) mit John Malkovich und Debra Winger bewirkte eine Wiederentdeckung seiner Werke. Bowles selbst tritt im Film in einem Café sitzend als Off-Erzähler auf. ACK

Die Romane von Paul Bowles

Himmel über der Wüste, 1949
In Nordafrika glauben Port und Kit Moresby, sich selbst wiederzufinden und ihre Ehe retten zu können, doch die Reise wird für das Paar zum Verhängnis.

So mag er fallen, 1952
Nelson Dyar entflieht der Leere seines New Yorker Bankangestellten-Daseins und verliert sich im Tanger der späten 40er Jahre in einem Labyrinth aus Intrigen.

Das Haus der Spinne, 1955
In Fès geraten der Schriftsteller John Stenham, die Touristin Polly und der junge strenggläubige Marokkaner Amar in die blutigen Wirren des Aufstands von 1954.

Gesang der Insekten, 1966
Der Arzt Dr. Slade und seine junge Frau reisen nach Südamerika. Zu spät bemerken sie, dass sie in ein tödliches Netz geraten sind, aus dem es keine Rettung gibt.

(aus: Das Buch der 1.000 Bücher, Harenberg 2002)

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